Donnerstag, 17. April 2025

Rechte & Pflichten

 

Unter meinen Notizen gefunden, was US-Präsident Franklin D. Roosevelt Ende Dezember 1942-Anfang Januar 1943 bezüglich der Deutschen sagte: "Wir müssen den Brüdern eine Abreibung verpassen, die sie in Generationen nicht vergessen." Die Deutschen haben es anscheinend auch nicht vergessen, denn eine Mehrheit der Befragten ist nach zuvertlässigen Umfragen dagegen, einen neuen Krieg um der alten geostrategischen Ziele willen zu führen. Einen Weltkrieg auszulösen, wie schon zweimal, ist ebenfalls anscheinend nicht der Wunsch unserer Wahlberechtigten. Was aber geschieht, wenn Friedensversprechungen derer, die man gewählt hat, nicht eingehalten, sondern durch Kriegsversprechen ersetzt werden? Was haben wir daraus zu folgern? Dass es unseren Entscheidungsträgernganz gleichgültig ist, wofür wir stimmen? Handeln sie nach dem Motto des Songs: I don't care what you say, I will do it anyway? Sollen wir nun bei Wahlen abstimmen oder ist es ganz gleich, ob wir und wie wir es tun? Verantwortung tragen für Un-Taten, auf die wir keinen Einflluss haben, müssen wir wohl nicht.
Allerdings gehöre ich zu den Nerds, die noch an Bürgerpflichten und auch Bürgerrechte glauben. Nu -

Dienstag, 15. April 2025

Entdeckung bei Hofmannsthal

Er stand mir bisher nicht nahe. Nun entdecke ich eine verblüffende Gemeinsamkeit zwischen poor little me und dem österreichischen Klassiker. Auf S. 202 des Fischer Taschenbuchs 25 (Das gute Buch für jedermann) findet man die Stelle. Wir hätten im Deutschen eine sehr hohe dichterische Sprache und ausdrucksstarke Volksdialekte. "Woran es uns mangelt, das ist die mittlere Sprache, nicht zu hoch, nicht zu niedrig, in der sich die Geselligkeit der Volksglieder untereinander auswirkt."
In einem Essay (Leiden mit Sinatra, Hoffen mit Garland), mein Buch BEGEGNUNGEN von 2015, beklage ich genau das, fast genau hundert Jahre nach Hugo von.
Das scheint mir zu bedeuten, dass sich nach den furchtbaren Lehren, die uns zwei verlorene Weltkriege hätten beibringen können, nichts geändert hat. Noch immer haben wir Deutschsprachigen keine Möglichkeit geschaffen, uns über lebenswichtige, auch todbringende, Themen offen miteinander zu verständigen.
Wir können es nicht. Krieg wird gefordert, ohne dass die aus Erfahrung bekannten Folgen diskutabel sind. Und so geht es mit fast allen Begriffen, die in sich einen Widerspruch bergen. Wir kennen nur noch Eindeutigkeit.
Sogar Menschen werden wie Begriffe behandelt, wir verwandeln sie in Abstraktionen. Hitler ist kein Mensch, er ist DAS BÖSE. Da dieses Böse nicht verschwindet, ist Hitler nicht tot, er verkörpert sich immer wieder. Er kann sich in einem CSU-Politiker verkörpern, in Alice Weidel, in Donald Trump. Marine LePen, Elon Musk, und wie heißt nochmal der US-Außenminister? Auch er steht für DAS BÖSE. Ich könnte dafür einstehen müssen, wäre ich wichtig genug.
Mein Gefühl ist, falls auch ich hier mal über meine Gefühle reden darf, dass ich in einer Menschenwelt lebe, wo viele Einzelne nie zu produktiver Anarchie gefunden haben - nur zu deren detruktiver Variante: Sie führt ins Chaos.
Aber es fällt niemandem auf. Und wer liest noch Hofmannsthal oder Molsner? Ich muss selbst lachen über diese eigenartige Zusammenstellung.

Montag, 17. März 2025

Kollege Paulus

 

Kollege Paulus

Angst, Schuld, Nicht-weiter-wissen, Liebe, Religion

All das kam Ende des Jahres 1924 in der kleinen Universitätsstadt Marburg  zusammen, als die Studentin Hannah Arendt sich beim Philosophieprofessor Martin Heidegger vorstellt. Sie ist 1906 geboren und knappe 19, als der 36jähtige sie zu einem ausführlichen Gespräch empfängt. Beider Reaktion auf dieses Treffen ist von einer Vehemenz, die sie nicht erwartet hatten. Heidegger schreibt ihr: Das Dämonische hat mich getroffen. Das ist ein Zitat. Daimon nennt Goethe das Gesetz, wonach du angetreten. So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen...

Hannah erlebt es ebenso. Liebe, Leidenschaft, heimliche Treffen. Ich hätte mein Recht zu leben verloren, wenn ich meine Liebe zu dir verlieren würde. Schwärmerei? Ist sie allzu jung, um sich zu „erden“?

Ist sie nicht. Sie verlässt Marburg ausschließlich deinetwegen, um in Heidelberg weiter  zu studieren. Der mit Heidegger befreundete Philosoph Karl Jaspers promoviert sie. Die Doktorarbeit behandelt den philosophischen Liebesbegriff bei Augustinus. Jaspers gibt ihr die schlechtestmögliche Beurteilung, weil er ahnt, sie verarbeitet eine persönliche Erfahrung und weniger die Theologie des Kirchenvaters.

Jaspers täuscht sich nicht. Hannah will sich von  Heidegger lösen und heiratet. Es hilft nicht, sie trifft ihn, wann immer es möglich ist, und schreibt ihm, dass jedesmal, wenn sie ihn sieht, die Kontinuität meines Lebens wieder entzündet wird, die Kontinuität unserer – lass mich bitte sagen – Liebe.

Bei Augustinus sucht sie die theologische Basis für einen Neuanfang. Der Mensch werde geboren,  findet sie beim Kirchenvater, damit ein Anfang sei. Der Kirchenvater stützt sich auf Paulus, der als Saulus von Tarsus mit einem Trupp Soldaten durch die Wüste nach Damaskus zog, um Reste der   Terroristen auszulöschen, die unter dem Namen Christen bekannt waren. In einer Vision erschien ihm der Gekreuzigte und beauftragte ihn, unter dem Namen Paulus allen Menschen, auch Heiden, die Frohe Botschaft zu predigen.

Paulus zog um das Mittelmeer, gründete christliche Gemeinden und schrieb die berühmten Briefe (Episteln), die Bestandteil der christlichen Heiligen Schrift sind. Lebt nicht wie Menschen, die ohne Hoffnung sind. Das kostbarste Blut ist für euch geflossen. Man bat ihn, die Botschaft Jesu kurz und bündig zu übermitteln. Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, / hätte aber die Liebe nicht, / wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke. Und wenn ich prophetisch reden könnte / und alle Geheimnisse wüsste / und alle Erkenntnis hätte; / wenn ich alle Glaubenskraft besäße / und Berge damit versetzen könnte, / hätte aber die Liebe nicht, / wäre ich nichts. Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte / und wenn ich meinen Leib opferte, um mich zu rühmen, / hätte aber die Liebe nicht, / nützte es mir nichts. Die Liebe ist langmütig, / die Liebe ist gütig. / Sie ereifert sich nicht, / sie prahlt nicht, / sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, / sucht nicht ihren Vorteil, / lässt sich nicht zum Zorn reizen, / trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, / sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles, / glaubt alles, / hofft alles, / hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf. /Prophetisches Reden hat ein Ende, / Zungenrede verstummt, / Erkenntnis vergeht. Denn Stückwerk ist unser Erkennen, / Stückwerk unser prophetisches Reden; wenn aber das Vollendete kommt, / vergeht alles Stückwerk. Als ich ein Kind war, / redete ich wie ein Kind, / dachte wie ein Kind / und urteilte wie ein Kind. Als ich ein Mann wurde, / legte ich ab, was Kind an mir war. Jetzt schauen wir in einen Spiegel / und sehen nur rätselhafte Umrisse, / dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk, / dann aber werde ich durch und durch erkennen, / so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin. Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; / doch am größten unter ihnen ist die Liebe.

Hannah Arendt und ihr zweiter Ehemann Heinrich Blücher mussten aus dem Machtbereich Deutschlands fliehen. Sie war Jüdin, er Kommunist trotzkistischer Richtung.  Heidegger erhoffte sich von den Nazis ein Ende bestimmter Erscheinungen der Emanzipation. Aus der populären Kultur ist der Schlager überliefert: „Du bist verrückt, mein Kind, Du musst nach Berlin. Da wo die Verrückten sind, da gehörst du hin.“ Berlin war Sinnbild dessen, was in süddeutscher Provinz, wo Heidegger als Universitätsrektor amtete, unmöglich war. Das Ehepaar Arendt/Blücher lebte sich in New York ein. 1950 bereist Hannah Europa im Auftrag einer jüdischen Organisation, um Überbleibsel jüdischen Lebens und jüdischer Kultur zu registrieren und zu sichern.

Heidegger ist jetzt kein angesehener Professor mehr, die Parteinahme für die Nazis wird ihm, als einem König des Denkens, besonders übelgenommen.

Hanna weiß nicht, ob sie ihn wiedersehen will. Durch ein Zusammentreffen im Hotel kommt es zustande. Er bittet sie in seine Wohnung, seine Frau Elfriede werde dabei sein; doch Elfriede ist nicht da, er ist mit Hannah allein. Sie schreibt ihm am Tag danach: Dieser Abend und dieser Morgen sind die Bestätigung eines ganzen Lebens…, als stünde plötzlich die Zeit stille. Da kam mir blitzartig zu Bewusstsein, was ich vorher nicht mir und nicht Dir und keinem zugestanden hätte, dass mich der Zwang des Impulses… gnädig bewahrt hat, die einzig wirklich unverzeihliche Untreue zu begehen und mein Leben zu verwirken. Aber eines sollst du wissen…, hätte ich es getan, so nur aus Stolz, dh aus purer reiner verrückten Dummheit. Nicht aus Gründen.

Sie ist jetzt eine erfolgreiche verheiratete Frau. Meisterschülerin des bedeutendsten Philosophen des zwanzigsten Jahrhunderts, wie sie ihn nannte. Sein Werk hat sie bis zu ihrem Tod betreut und verbreitet. Er sei nicht auf ein System aus gewesen, die Welt zu erklären. Heidegger ging aus von jedes Menschen Erfahrung, dass Lebewesen sterben müssen. Daraus entwickelte er Wege des Denkens, um mit der Tatsache auch eigener Endlichkeit fertig zu werden. Hannah Arendt vertrat auf der Basis ihrer theologischen Studien die Auffassung, es reiche nicht, als Individuum tapfer zu sein. Man müsse die Öffnung weltlicher Räume ermöglichen, in dem die tapferen Einzelnen miteinander sprechen, und Lösungen für Probleme suchen.

Dass mit jeder Geburt ein Neuanfang gesetzt sei, der gänzlich unerwartete Lösungen bringe, hat sie nie bezweifelt. Jesus von Nazareth habe die abendländische Ethik durch den Begriff der Vergebung bereichert. Und wer war Jesus? Ein Wanderprediger in Sandalen. Jeder Mensch könne neu anfangen, immer.

Da war nun wieder die Heidegger’sche Aufforderung: Wähle dich selbst und lebe nicht das Leben anderer. Als Hannah im März 1962 ein Schädeltrauma erlitt, fragte sie sich, ob sie noch als sie selbst weiterleben werde. Sie überprüfte ihr Gedächtnis auf Daten. Die Telefonnummer ihres Mannes. Die Geburtsdaten Martin Heideggers. Beruhigt stellte sie fest. Alles noch da.

Einem Brief, den er ihr schrieb, legte er ein Gedicht von Rilke bei. Sternenfall. Was ist verschuldet und was ist verziehn.

                         

Samstag, 8. März 2025

Das letzte Kapitel

Sprachschatz. Robert Gilbert wurde im letzten Jahr des Ersten Weltkrieges 1918 Soldat und kam in Kontakt zu den Kommunisten im Spartakusbund, der sich an Rosa Luxemburgs Thesen orientierte. Das war die Basis seiner lebenslangen Freundschaft mit Heinrich Blücher, der sich zum Kommunismus trotzkistischer Richtung bekannte. Es war eine Freundschaft zwischen Ungleichen. Robert Gilberts Eltern waren jüdische Deutsche, der Vater bereits wohlhabend als Operettenkomponist und Verfasser populärer Schlager: Puppchen, du bist mein Augenstern wurde noch bis in letzte Jahrhundert gesungen. Sohn Robert ist dann in der Zwischenkriegszeit regelrecht reich geworden durch Mitarbeit an Filmen und Verfasser von Schlagern, die jeder sang. Es war eine goldene Zeit für ihn. Er war jedoch genügend weit „links“ geblieben, um die Zerbrechlichkeit des schuldenfinanzierten Booms zu durchschauen. Das gibt's nur einmal. Das kommt nicht wieder, Das ist zu schön um wahr zu sein. So wie ein Wunder fällt auf uns nieder Vom Paradies ein gold'ner Schein. Das gibt's nur einmal, Das kommt nicht wieder, Das ist vielleicht nur Träumerei. Das kann das Leben nur einmal geben, Vielleicht ist's morgen schon vorbei. Das kann das Leben nur einmal geben, Denn jeder Frühling hat nur einen Mai. Für seinen kommunistischen Freund war ohnehin klar, wie es enden könnte. Heinrich Blücher, von 1936 an zweiter Ehemann von Hannah Arendt, wird den Freund in dessen Zweifeln bestärkt haben. Robert schrieb und komponierte: Keenen Sechser in der Tasche, bloß 'nen Stempelschein. Durch die Löcher der Kledasche kiekt die Sonne rein. … Stellste dir zum Stempeln an, wird det Elend nich' behoben - wer hat dir, du armer Mann, abjebaut so hoch da droben? Unter den Gassenhauern von damals sind viele, die beinahe Umgangssprache wurden: Die Liebe der Matrosen; Es muß was Wunderbares sein, von dir geliebt zu werden (zitiert nach Hannah Arendt, Menschen in finsteren Zeiten, Piper Verlag, Taschenbuchausgabe, Mai 2012) Entweder Text oder musikalische Einlagen steuerte Robert Gilbert bei zu: Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln geh'n; Irgendwo auf der Welt (Text von RG), Musik Werner Heymann; Was kann der Sigismund dafür (komponiert von RG; Im Salzkmmergut,da kamma gut lustig sein; Die ganz Welt ist himmelblau (Musik Robert Stolz); Ein Freund,ein guter Freund; Liebling mein Herz läßt dich grüßen... Zitiert nach Wikipedia Die deutsche Sprache hat RG mitgenommen, als er emigrieren musste. Sie war der nicht zollpflichtige Teil seines Reichtums. Lebwohl, Berlin.- Es muß geschieden sein.../ So grüßt mich meine alte Bleibe noch Zum Städtele hinaus Hab keinen Dunst, wie lang es dauern wird, und was vom Elbstrom bis zum Rhein Aus deinen Arbeitern und Bauern wird, lieb Vaterland. Und kann nicht ruhig sein. Zollrevision. Devisen. Paßkontrolle. Ach, man läßt mich durch. Es ist gelungen. Da murmelt noch der letzte deutsche Bach: Es ist ein Ros' entsprungen. Zitiert nach Robert Gilbert, Durch Berlin fließt immer noch die Spree, Blanvalet 1971 Neben dem deutschen beherrschte er auch den englischen Sprachschatz. Die deutschen Dialoge des Films My Fair Lady mit Rex Harrison und Audrey Hepburn hat er getextet. Ich finde sie besser als das englischsprachige Original. Besonders die Schlußszene hat mich tief beeindruckt. Der Sprachwissenschaftler Professor Henry Higgins zieht sich in sein Labor zurück, wo er Dialekte auf Walzen zu übertragen pflegt, um sie abzuhören und sie nach Lautbildungen analysieren zu können. Dieses Labor ist das Zentrum seines vernunftgeleiteten Lebens. Vereinsamt und tief unglücklich sitzt er da. Er hat nichts falsch und alles richtig gemacht, wie Logik und Wissenschaft es forderten. Aber seine Meisterschülerin Eliza Doolittle kann er nicht vergessen. Er hat es versucht. Er kann nicht: Ich bin gewöhnt an ihr Gesicht... Erfüllt von einem Gefühl, unfaßbar wie das Licht, aber doch eben notwendig, weiß er nicht weiter. Was tun, was?! Ich habe in dieser Szene, wie Professor Higgins in seinen Sprachanalysen, mehrere Aspekte entdeckt. Vernunft als Rationalität allein ist nicht genug. Einfühlen jedoch kann er sich nicht. Es geht dabei keineswegs, meine ich, um Einfühlung in das Innenleben von Eliza. Er kann sich in sich selbst nicht einfühlen! Das ist das Problem. Er müsste nun eingestehen, wie er zu seiner Meisterschülerin steht. Ausgeschlossen. Nun legt er also die Walze in den Lautsprecher ein, wo er Elizas ersten Besuch festgehalten hat. Er hört sie sagen, dass sie Sprachunterricht bei ihm nehmen und bezahlen will, um in einem Blumenladen arbeiten zu können und nicht auf der Straße mit Blumen rumrennen muss wie bisher. Und er hört den damaligen Hausgast Pickering darauf wetten, daß Higgins es nicht schafft, Eliza soweit zu bringen. Und er hört, dass er die Wette annimmt. Er hat gegen sich selbst gewettet – und verloren. Vernunft ohne Empathie mit sich selbst ist tödlich. Im Film allerdings dürfen wir uns über die Erlösung des Vernunftmenschen aus seinem selbstgebauten Gefängnis freuen. Während er Elizas Stimme lauscht, wird die Walze angehalten. Eine schöne, in elegantem Weiß gekleidete Dame sehen wir die Szene betreten. Und Eliza – sie ist es – sagt: Ick ha' ma ooch Jesicht un' Hände jewaschen, bevor ick jekomm' bin. Robert Gilbert hat die Aufgabe gelöst, den mit acht Oscars ausgezeichneten Film für das deutschsprachige Publikum anschaubar zu machen. Er hat dafür die Sprache gewählt, die ihm als Berliner am vertrautesten war. Berliner waren es, die nach dem Krieg als erste zurückgekehrt sind. Friedrich Hollaender textete: In den Ruinen von Berlin Fangen die Blumen wieder an zu blüh'n Und in der Nacht spürst du von allen Seiten Einen Duft, als wie aus alten Zeiten! Der Wahl-Berliner Billy Wilder drehte den Film, in dem Hollaender selbst am Klavier sitzt und die Sängerin Marlene Dietrich begleitet, die Berlinerin, die heimgekommen ist. Inmitten von den Ruinen, die deutscher Größenwahn hinterlassen hat, zeigen sie mit einer Nachsicht, die kaum zu fassen ist, dass sie die Stadt und ihre Bewohner nicht aufgegeben haben – im Gegenteil. Es ist eine Wette auf unsere Zukunft. Wer hat die Wette gewonnen, wer verloren? Wir sind aufgefordert, wieder zu hassen. Nicht – wie damals – Anne Frank und Etty Hillesum. Nach ihnen sind Straßen und Schulen benannt. Wir hassen jetzt andere, diese aber gründlich und mit Vernichtungswillen. Erfreut zählen wir die Toten, die unsere Waffen dort hinterlassen haben. Und rechnen die künftig noch zu erwartenden Leichenzahlen siegesfroh aus. Wir rüsten eigens auf, um die Grenzen der Ukraine zu schützen. Niemand spricht mit vergleichbarer Zustimmung davon, dass die USA ihre Grenzen schützen wollen. Dass Russland seine Grenzen gern geschützt sähe, scheint noch weniger begreiflich zu sein. Dass China die Einheit des Mutterlandes verteidigt, wird uns als offene Kriegsdrohung im Pazifik geschildert. Wir entsenden Kriegsgerät in diesen Raum. Dass Nordkorea einen Heldenkampf um seine Souveränität nicht vergisst, versteht buchstäblich überhaupt gar niemand. Ob wir die Wette auf unsere Zukunft noch einmal verlieren? Es könnte das letzte Mal sein, bevor es heißt: Les Jeux Sont Faits. In dem gleichlautenden französischen Film kann dann nicht mehr gesetzt werden. Es gibt keine Chips mehr.

Samstag, 22. Februar 2025

Vortag unserer Wahlen

Tausend Milliarden Falls die Wahl so ausgeht, dass ein Kredit (Sondervermögen) von 1 Billion politisch durchgesetzt werden kann – und zugleich der Wiederaufbau der Ukraine von westeuropäischen Konzernen geleistet wird, ist für letztere ein Riesengeschäft zu machen. Die Kosten für den Kredit werden erst für die nächste und übernächste Generation fällig. Sie sind also nicht unser Problem. Noch interessanter ist die Überlegung, dass Trump nur eine Amtszeit hat. Sein Nachfolger könnte einer Kontrolle Russlands geneigter sein. Es geht also nicht nur darum, dass wir unseren zweiten Krieg gegen Russland gewinnen. Wir bereiten uns durch Hochrüstung auf einen möglichen dritten deutschen Krieg gegen Russland vor. Das unbekannte X in der Rechnung sind diejenigen US-Eliten, die nicht noch einmal Gut und Blut zugunsten deutscher Expansion opfern wollen. Sie lehnen das Risiko eines Weltkrieges ab. Das eben verbindet Trump und Putin. Unterstützt wird diese Einschätzung von Peking, das zwar – wie die beiden anderen riesigen Flächenstaaten – einen Weltkrieg überstehen könnte, jedoch Frieden für seine Entwicklung bevorzugt. Michael Molsner, 22. Februar 2025 Vormittag vor der Bundestagswahl

Sonntag, 16. Februar 2025

Vergleich von Kampfzielen

Entmündigt. 1813 forderte Ernst Moritz Arndt ein, was Napoleon den Deutschen versprochen, was Goethe für möglich gehalten hatte – den Zustand innerer und äußerer Entmündigung zu beenden. Die staatliche Einheit Deutschlands war herzustellen. Das Recht dazu hatten wir: Was ist des Deutschen Vaterland?/ So nenne mir das große Land!/ So weit die deutsche Zunge klingt/ Und Gott im Himmel Lieder singt,/ Das soll es sein!/ Das, wackrer Deutscher, nenne dein! Alle erklärten sich einverstanden. Achim von Arnim: Kein sel'ger Tod ist in der Welt,/Als wer vom Feind erschlagen...Zu Clemens Brentano, dem Wander- und Dichterbruder, brach die Beziehung ab. Im Volk kursierten Lieder, deren Verfasser unbekannt blieben: Wohlauf ihr Brüder, die Zeit ist da/ Die Zeit, sich als Mann zu bewähren,/ die Kette klirrt, die Knechtschaft ist nah,/ Laßt mutig uns gegen sie wehren;/ Wenn Vaterland, Freiheit man entbehrt,/ Bleibt diesem Leben ja doch kein Wert. Es war die Massenmobilisierung der Entmündigten. Entmündigung ist das Schlimmste, was man einem Menschen, einem Staat androhen kann. Als eine liebe frühere Freundin schrieb, es gebe keinen Frieden, solange der Irre in Moskau am Rad dreht, bin ich fürchterlich erschrocken. Aus dem Umkreis dieser Freundin wurde dann eine Entmündigung Gerhard Schröders gefordert, nämlich der Entzug der Bürgerrechte. Er hatte an seiner Freundschaft zu dem Irren in Moskau festgehalten. Wer Irre nicht einsperrt, gefährdet alle – durch die Messerattacke von Magdeburg ist das sogar tagesaktuell. Bekanntlich wurde sie von einem Mann begangen, der psychiatrischer Beobachtung, wenn nicht Betreuung, bedurft hätte. Die politische Dimension wird deutlich, wenn wir Theodor Körners Lieder ernst nehmen: Durch, Brüder, durch! Dies werde/ Das Wort in Kampf und Schmerz,/ Gemeines will zur Erde,/ Edles will himmelwärts!!... Durch! Dort ist's Vaterland! Es ist kein Krieg, von dem die Kronen wissen;/ Es ist ein Kreuzzug, 's ist ein heil'ger Krieg!! In dem herrlichen Stück Prinz Friedrich von Homburg sagt die Geliebte des zum zum Tod verurteilten Prinzen: Das Kriegsgesetz, das weiß ich wohl, soll herrschen,/ Jedoch die lieblichen Gefühle auch.Die Franzosen haben sich nach dem Zweiten Weltkrieg mit diesem Widerspruch beschäftigt, sie haben das deutsche Stück auf ihre Bühnen gebracht und die Titelrolle ihrem damals bedeutendsten jungen Schauspieler anvertraut: Gérard Philippe. Das tut man, wenn man sich der Realität zu stellen wagt: Dass man gerade von einer deutschen Invasionsarmee überwältigt wurde und sich nicht selbst befreien konnte, sondern fremde Hilfe brauchte. War unsere große Stunde da, als England uns den Krieg erklärt hat? Galt es jetzt? Ging es um unsere letzte Chance, die staatliche Einheit zu sichern? Viele dachten so. Sie sangen die Lieder Körners: Und schlägt unser Stündlein im Schlachtenrot, / Willkommen dann, sel'ger Soldatentod!/ Du verkriechst dich in seidene Decken,/ Winselnd vor der Vernichtung Schrecken./ Stirbst als ein ehrlos erbärmlicher Wicht!/ Ein deutsches Mädchen küßt dich nicht,/ ein deutsches Lied besingt dich nicht,/Und deutsche Becher klingen dir nicht... Unsere Lage hat sich nicht geändert. Nach der rauschhaften Einheitsfeier durch frühe Siege fand der Zweite Weltkrieg uns abermals geteilt. Wieder stehen wir vor der Tatsache, die Hitler gegenüber den militärischen und wirtschaftlichen Eliten klar umrissen hat. Deutschland ist zu klein, um sich gegen einen Überfall zu verteidigen. Als Landmacht braucht es ausreichend Raum, um zu manövrieren. Dieser ersetzt aber nicht die Knappheit an Ressourcen. Es reicht daher nicht, die benachbarten europäischen Staaten einzubinden. Russland benötigen wir sowohl als strategischen Raum wie als Quelle von Ressourcen. Und als Zugang zu den Weltmeeren! Die Ostsee, Danzig! Die Krim, Sewastopol! Alles unverzichtbar, nur – mit friedlichen Mitteln nicht zu bekommen. Das Recht, Russland zu überfallen, liege in der Geisteskrankheit seines Anführers und der ihn umgebenden Clique, erfahren wir. Geisteskranke – wie schon erwähnt – sind zu entmündigen. Bekanntlich ging Hitler sogar noch weiter, er bestimmte die politischen Interessen nicht nur so, wie wir sie täglich erfahren, er sprach von den Russen als Tieren. Das tut bei uns noch nicht jeder. Nun stehen Tiere ja unter Schutz. Sie können Freunde sein, Hund, Pferd und Katze etwa, oder Nutztiere, dann kann man sie essen. Sobald wir aber Menschen, russische oder andere, zu Tieren erklären, landen wir bei der Tatsache, dass wir sie zu Freunden weder haben noch sie essen wollen, sie daher zu vernichten sind. Eine andere Option hat sich bisher nicht gezeigt. Wir sind eisern entschlossen, den aktuellen heiligen Krieg als Verteidigungskrieg zu bezeichnen und bis zu Ende durch!zuhalten. Die Kosten vererben wir den folgenden Generationen. Sie seien nicht unser Problem. Zumal wir nach der Ausweitung unserer Macht bis wenigstens zum Ural über vielerlei Sachwerte verfügen sollten. Hitler entschloss sich, die Probleme seines Dritten, des dritten deutschen, Reiches, nachhaltig zu lösen. Er überfiel Polen. Der britische Premier Chamberlain musste zurücktreten. Aus dem Hintergrund plädierte er für Friedensverhandlungen mit Hitler. Der Außenminister in Churchills Kriegskabinett war unbedingt dafür; man könne an gemeinsame Interessen anknüpfen. Dieser Standpunkt erschien realistisch. Hitler beherrschte damals bereits große Teile Europas und stand mit weit überlegener Macht vor der Kanalküste. Der britische König fragte seinen Premier Churchill, was er zu dem Angebot meine. Churchill antwortete: Nationen, die kämpfend unterliegen, erheben sich wieder. Nationen, die sich unterwerfen, gehen unter. Vor dem Unterhaus hielt Churchill dann seine große Rede: We shall never surrender! Wir werden uns nie ergeben. Und wenn der letzte Kämpfer bei der Verteidigung gegen die deutschen Landungstruppen am eigenen Blut erstickt ist, gehen wir nach Norden und kämpfen weiter. Es ist eine der berühmtesten Reden der Neuzeit. Sie hallte weithin. Auch bis Berlin. Hitler hat sie beantwortet mit dem Versprechen, die Konsolidierung deutscher Landmacht bis zum Ural durch einen Sieg über England zu sichern. Auch wir Heutigen versprechen Russland die sichere Niederlage und die Konsolidierung unserer Landmacht bis zum Ural. Es ist nicht dieselbe Politik, darauf bestehen wir mit größter Vehemenz. Wir seien Vorkämpfer von rechtsstaatlicher Demokratie, überall in der Welt erwarte man uns sehnsüchtig. Beinahe überall gibt es Unterdrückte, in Afrika mit seinen enormen menschlichen und materiellen Ressourcen. In Hongkong, wo Minderheiten in einer Sicherheit leben, die ihnen keine Organisation von Widerstand gegen den Staat erlaubt. Wir müssten nur endlich kommen, um zu ernten. Nicht nur Sachen, auch Dank. Schöne Mädchen würden an den Straßenrändern unseren siegreichen Truppen Blumen und Früchte reichen, alte Mütterchen in rührender Frömmigkeit für uns beten. Macht nur endlich Ernst!

Samstag, 1. Februar 2025

Kollegen

Kollege Ossietzky Seit es überlieferte Zeugnisse menschlicher Kultur gibt, ist die Existenz von unguten Mächten erkannt worden. Sie wurden böse genannt. Oft ist das unleugbar in unserer Erfahrung mächtige Böse personifiziert worden. Eugen Drewermann, Theologe und Psychoanalytiker, weist die unterschiedlichen Gestalten des Bösen nach, die in unterschiedlichen Kulturen zur Unterscheidung vom Guten benutzt wurden. Die Begriffe verändern sich, werden weitergegeben von Kulturkreis zu Kulturkreis und lassen Rückschlüsse auf deren Entwicklung zu. Der Teufel ist eine bevorzugte Gestalt des Bösen und in vielen Sprachen präsent: Diable, diavolo, devil... Ausgerechnet der populärste Begriff, der sich von Deutschland aus über die zivilisierte Welt verbreitet hat, scheint nirgendwoher zu stammen. Jedenfalls kann Drewermann ihn nicht ableiten: Mephistopheles. Unter diesem Namen ist der Teufel in Goethes Faust eingewandert und erscheint dort als Pudel, als fahrender Scholar, und später in wieder anderer Gestalt. Das ist charakteristisch für die teuflische, die böse Macht. Sie erscheint in stets neuen, unerwarteten Gestalten. Das Böse ist keine Persönlichkeit, wie oft und immer wieder geglaubt wurde, es ist eine allerdings furchtbare, zu fürchtende Macht. Als Joseph Ratzinger noch Theologieprofessor war und nicht der Papst, der darauf achten musste, den Stand kirchlicher Lehrmeinung zu wahren, antwortete er auf eine Frage, ob der Teufel eine Person sei: Der Teufel sei nicht durch Persönlichkeit zu erkennen, sondern durch die Auflösung von Persönlichkeit. Kulturmenschen wie Carl von Ossietzky, Herausgeber der regierungskritischen Zeitschrift Weltbühne, fürchteten nicht die Einschränkung ihrer bürgerlichen Freiheiten. Diese seien durch die Verfassung geschützt. Grausamkeiten, wie sie ihm dann im Konzentrationslager zugefügt wurden, hat sich niemand vorgestellt. Kulturverrat mochte anderswo möglich sein, in Deutschland nicht. Die Macht des Bösen wurde unterschätzt, weil es in der Erfahrung kultivierter Persönlichkeit auch die ausgleichende Macht des Guten gibt. Aber was ist zu erwarten, wenn Persönlichkeit sich auflöst? Nach Erlass von Berufsverboten gegen jüdische Deutsche stand ein junger Mann jüdischer Herkunft bei einer Behörde um irgendeine wichtige Bescheinigung an. Der Mann hinterm Schalter stempelte emsig Formulare ab. Es war ein Schulfreund. Beide erschraken. Der Bittsteller verriet keine frühere Beziehung oder gar Freundschaft. Die Situation konnte für beide gefährlich werden. Dann sagte der Schulfreund: Du musst schon verzeihen. Ich war fünf Jahre arbeitslos. Mit mir können sie alles machen. Die Antwort ist deshalb so erschreckend, weil sie auf die Bedeutung des Überlebenswillens hinweist. Er kann Gehorsam erzwingen. Bei gutartiger Grundveranlagung aber werden nicht gleich die dunklen Mächte wirksam, von denen viel geschrieben und dargestellt ist. Gestern fand ich im Ablagekasten einer Buchhandlung den Film Der Nachtportier mit Dirk Bogarde und Charlotte Rampling. Ich bin geneigt, von Fügung zu sprechen und nicht von einem Zufallsfund. Die furchtbaren Quälereien, die Bogarde als KZ-Offizier der jungen Charlotte antut, sind fast unerträglich anzusehen – aber das halte ich aus. So waren sie, die Nazis. Ich weiß es. Was mir aber fast das Herz zerreißen wollte, ich bekam Atemnot und tatsächlich, ja, das Herz tat mir weh, waren die wunderbaren Szenen aus der Wiener Aufführung der Zauberflöte, Stabführung Karl Böhm, Farb-Video, und dann diese Musik! Menschen sind fähig, Mozarts Entdeckung der Liebe zu feiern, und fähig, Lust an der Tortur zu genießen. Dass der Scherge und sein Opfer sich während der Aufführung wiedersehen und die damalige Beziehung wieder aufnehmen, bedeutet für mich eine Erscheinung des Bösen. Persönlichkeiten lösen einander auf. Indem sie gemeinsam einander töten. Es gibt diese Lust, sie hat Namen. Aber wenn sie nicht auf Einverständnis beruht, ist es das Loslassen der Teufelsmacht in uns. Uns dieser Tatsache zu stellen, fällt nur den Besten ein. Normal ist es, das Böse, Teuflische, anderen zuzuordnen. Eine Freundin schrieb mir jüngst: Gar nichts tun wir den Russen an. Dass wir Russland mit Wehr und Waffen umgeben, wie schon einmal, ist in unserer öffentlichen Meinung ohne Opposition hinzunehmen. Wer russische Interessen kennenlernen will, findet sich ohne erlaubte Informationsquelle. Putin gilt als Erscheinung des Bösen. Trump auch, ihm wird von einem Kommentator in der New York Times hatefulness unterstellt, das bedeutet: Bösartigkeit. Der Kommentar ist vor zwei, drei Tagen veröffentlicht und bei mir archiviert. Amerikaner hätten ihn gewählt trotz seiner Bösartigkeit. Zugleich wird darauf hingewiesen, dass Benjamin Franklin virtue (Tugend) forderte, nicht nur virtus (Tapferkeit). Bin einverstanden, Ben Fanklin war mein Einstieg ins amerikanische politische Denken. Ich war 22 Jahre alt und habe seinen Traum vom freien Bürger mitgeträumt.