Täter und Opfer
geschrieben am Sonntagvormittag 26.07.2026
Als Gerichtsreporter habe ich
gelernt, Täter und ihre Motive ernst zu nehmen. Sie waren bei der Beurteilung
von Schuld stets zu berücksichtigen. Das
ist kein Gutmenschen-Gerede, sondern geht zurück auf die Tradition des besten
deutschen Gerichtsjournalismus, auf Paul Schlesinger (Sling) und seine viel
beachteten Reportagen in den zwanziger Jahren.
Vor hundert Jahren also ist
die Tradition begründet worden, an die ich erinnern will – gerade jetzt.
Den ganzen Sonntagvormittag
schon wird mir erzählt, wie abscheulich der Fahrer gehandelt hat, der seinen
Wagen in einen Aufzug der Christopher-Street-Day-Leute (CSD) fuhr. Die
Gelegenheit wird genutzt, um mir zu erklären, dass die Minderheit der Queeren
den Inbegriff dessen darstelle, was die Mehrheit unserer
Rechtsgemeinschaft zu akzeptieren habe. Das ist eine Unwahrheit. Wer in
unserem Land lebt, muss sich danach richten, was im Grundgesetz steht (ich habe
sämtliche Ausgaben, von der frühesten an.)
Der wichtigste, nie zu verändernde Satz schützt
die Würde des Menschen. Auch die Würde von Tätern. Es hat aber niemand die
Frage aufgeworfen, was es für den Angehörigen einer gottesfürchtigen Kultur
bedeutet, Straßendemonstrationen von Menschen mit ansehen zu sollen, die den
Individualismus bis zum Anarchismus treiben.
Wohin Anarchismus führen und
wozu er ver-führen kann, habe ich während der Endsechziger Jahre miterlebt. Nur
das nicht noch einmal. Ich bin ein Linker, kein Anarchist. Nein, nicht jeder
kann und soll für sich entscheiden, was die Mehrheit akzeptieren muss.
Die eitle Zurschaustellung
queeren Selbstgenusses finde ich nicht angenehm. Ich schaue weg. Und das ist
mein gutes, verbrieftes Recht – auch wenn es in den Kommentaren heute im
Fernsehen als verfassungsfeindlich denunziert wurde. Ich bin kein Verfassungsfeind,
wenn ich die Verfassung verteidige.
Kommentatoren wollen uns
einreden, uns drohe eine Diktatur der Heterosexuellen. „CSD statt AFD“, so wird
das politisiert und damit zur einem Werkteil von Parteipropaganda.
Die Öffentlich-Rechtlichen
haben mir heute wieder einmal Angst
gemacht. Der Einzeltäter mag durchgedreht sein. Hochbezahlte Kommentatoren tun,
was sie tun, in voller Absicht.
Michael Molsner