Donnerstag, 30. April 2026

Aus meinem Bücherschrank

 

Neu entdeckt

Erich Maria Remarque, Ernest Hemingway

 

„Wozu lebst du eigentlich, sag mal, Baby?“

„Das wollte ich auch schon lange mal wissen.“

Das war das Gefühl nach dem Ersten verlorenen Krieg.

Nur nichts herankommen lassen, sagte Köster. Was man herankommen lässt, will man halten. Und halten kann man nichts -

Otto Köster, ehemals Stoßtruppführer, jetzt Chef einer Tankstelle, wo Robert Lohkamp und Gottfried Lenz arbeiten. Köster und Lenz sind die einzigen Menschen, denen Robert voll vertraut. Köster hat sie beide lebend durch den Krieg gebracht.

Stoßtrupp im Grabenkrieg, drei Kameraden im Unfrieden der Nachkriegsjahre. „Vergessen ist jetzt die Parole, nicht grübeln“, rät Robert einem Verzweifelten. Und fragt den einzigen Menschen, der immer einen Weg wusste. „Spricht eigentlich etwas gegen unser Leben, Otto?“

Er sah mich an und lächelte. „Hat schon ganz was anderes dagegen gesprochen, Robby.“ Remarques Erleben der Nachkriegsjahre in Berlin.

Robert lernt eine Frau kennen: Für die Liebe kann ein Mann nicht leben. Für einen Menschen wohl.

Die Frau erkrankt unheilbar und wird bald sterben. „Wenn man nur wüsste, was dahinter ist. Glaubst du, dass es weitergeht, nachher?“

„Ja“, erwiderte ich. „Es ist so schlecht gemacht, dass es nicht zu Ende sein kann.“

Er sitzt bei ihr, sie hören Radio. „Parlez moi d'amour“.

„Paris, Pat“.

Im Paris der Nachkriegsjahre spielt ein anderes meiner Lieblingsbücher. Auch Hemingway beschreibt eine Gruppe von Männern, denen eine Frau sich anschließt. Der Ich-Erzähler hat von der Front wie seine Berliner Altersgenossen Glaubensverlust, Zielverlust, Liebesverlust mitgebracht. Hemingway wählt für seinen Erzähler Jake Barnes die brutale Metapher der weggeschossenen körperlichen Liebesfähigkeit. Die Frau sucht Befriedigung bei andern, ohne ihre große Liebe, Jake Barnes, aufzugeben. Wir hätten eine so verdammt gute Zeit zusammen  haben können, sagt sie am Ende des Romans zu ihm. „Ja“ sagte ich. „Isn’t it pretty to think so?“ Wär das nicht nett gewesen? Der lakonische Ton hat Schule gemacht. Was hilft alles Klagen. Vorbild sind Stierkämpfer. Dem Unvermeidbaren mit Haltung entgegentreten.

 

Jetzt erst, nach all diesen Jahren, beginne ich zu ahnen, weshalb gerade diese Romane mir so wichtig wurden. Ich war, wie Robert Lohkamp und Jake Barnes, in Nachkriegsjahre geworfen. Das war nach dem Zweiten verlorenen Krieg. Religion, Besitz, Sicherheit weg. Kampf ums bloße Dasein schwierig unter Fremden.

Und jetzt erlebe ich alles noch einmal. Zwei Kriege verloren. Der dritte in Vorbereitung.

Kriegsanleihen an die Ukraine verfallen, weil wir womöglich wieder verlieren. Rentenfonds können enteignet werden, wird uns vorgemacht, wie zur Warnung.

Wir hätten eine so verdammt gute Zeit zusammen haben können. 

„Ja“, sagt Jake. „Isn’t it pretty to think so?“

Dann, plötzlich, ging alles sehr schnell. Robert hält sie fest, bis zuletzt.

 

Michael Molsner

Montag, 20. April 2026

Aktuell?

 

Der dritte Weg

Johannes Gross

 

In Hitler kann man ohne Schwierigkeiten das gewaltige Aufbäumen gegen eine Tendenz der Geschichte erkennen, die nach dem Krieg (von 1914-1918) den Europäern historisch notwendig dünkte. Der Diktator wollte ein auf Europa gegründetes, vom deutschen Nationalismus vitalisiertes Imperium gründen, als die dritte Möglichkeit zwischen Ost und West, was auch seinem Zweifrontenkrieg gegen Amerika und Rußland, der realpolitisch so unsinnig und gegen die Tradition des Bismarck-Reiches war, doch eine historische Plausibilität gibt...

Quelle: Unsere letzten Jahre, Fragmente aus Deutschland, DVA 1980

 

Und falls jemand darüber schon erschrickt, Gross erinnert an noch etwas. Das Bürgertum war in Deutschland nie eine führende Klasse. Alle führenden Klassen wollen ihre Macht sichern – sowohl gegen bisherige Machthaber wie gegen nachdrängende. Führende bauen daher alle gesellschaftlich bedeutenden Einflussbereiche um. Philosophie, Pädagogik, selbst Forschung müssen sich ihren neuen Bedürfnissen anpassen – und die kulturellen Institutionen!

Das Bürgertum schafft sich seine besondere, neue Ideologie. Das geschah anderswo, In Deutschland wurde eine bürgerliche Demokratie geschaffen, die „Weimarer Republik“, deren Führung zunächst der Arbeitervertretung überlassen war. Während all der kurzen Jahre der Republik blieb es Arbeitervertretern vorbehalten, bürgerliche Rechte durchzusetzen.

In wechselnden Koalitionen wurde die SPD im Stich gelassen bis zur bitteren  Stunde, als im deutschen Reichstag über das Ermächtigungsgesetz abgestimmt wurde: Es war ein Abgeordneter der SPD, der dagegen stimmte. Die Vertreter bürgerlicher Parteien wagten es nicht mehr, die Diktatur zu verhindern.

Intellektuelle profitierten, solange die Republik existierte, von den bürgerlichen Freiheiten. Dennoch bekämpften sie die Republik und hassten ihre politischen Repräsentanten. Bis zuletzt, bis ins Exil, das sie selbst mit heraufbeschworen hatten. Jeder weiß heute, wer die Republik bekämpfte und wer sie unterstützt hat.

Noch einmal Gross: Es gibt bei uns kein Bürgertum mehr, bürgerliche Werte haben wir von den Siegermächten des Zweiten Weltkrieges übernommen. Deutschbürgerlichkeit sei auch in seinen größten Leistungen museal, man nähert sich ihnen, wie es Archäologen mit fern versunkenen Kulturen machen, man gräbt sie achtungsvoll aus, ohne irgendeine Zukunft darauf zu gründen.

Wie sieht denn also unsere Zukunft aus? Für Gross geht es in dem Jahrzehnt 1970-1980, in dem er schreibt, noch einmal um die deutsche Einheit, wie hundert Jahre zuvor. Um Wettbewerbsfähigkeit geht es. Nur eine starke Wirtschaft und Währung erlaubt selbstgewisse Außenpolitik.

Siehe Absatz eins meiner Zusammenfassung.

 

Michael Molsner  

 

 

 

Sonntag, 22. Februar 2026

Sein und Schein

 

Demokratie als  Anschein

 

Mit Datum vom 15. Februar 2026 erreichte mich, Mitglied des „SPD-Ortvereins  Sechs-Seen“ folgende Nachricht. Wahl unserer Delegierten für die Vertreterversammlung zur Landtagswahl 2027 und Mitgliederversammlung zur Landtagswahl 2027.

Zu beiden Punkten habe ich einen Kommentar.

Zuerst zur Versammlung der Mitglieder. Beim Ortsverein (OV) Sechs-Seen handelt es sich um eine Mutation. Zuerst gehörte ich dem OV Duisburg an. Dann wegen Umstrukturierung dem OV Duisburg-Nochwas. Dass es der OV Sechs-Seen wurde, hat damit zu tun, dass in den vorherigen OV die Zahl der Mitglieder derart schrumpfte, dass für die regelbasierten Wahlen nie genug Bewerber zu finden waren.

Jetzt zur Wahl der Delegierten. Es könnten  inzwischen ausreichend  Bewerber und Ersatzleute zusammenkommen. Aber es ist so, dass die Tagesordnung etwas verspricht, was nach meiner Erfahrung und der meiner Frau (ebenfalls Mitglied) nicht einzutreffen pflegt. „Wir freuen uns auf einen gut besuchten Abend und eine spannende Diskussion mit Euch.“

Dafür ist bei solchen Wahlen noch nie Zeit gewesen. Nicht, wenn wir dabei waren. Aus einem simplen Grund. Die Delegierten sind fast immer entweder unbekannt, sie müssen sich vorstellen und sollen dann sagen, wofür sie stehen. Die meisten erklären sich entweder mit der Parteiführung einverstanden oder kündigen abweichende Standpunkte an – von denen jeder weiß, dass sie von Delegierten kaum thematisierbar sind.

Das war nicht immer so!

Es ist eine bedeutende Errungenschaft der Arbeiterbewegung gewesen, der Basis eine Sprache zu geben. Erinnern wir uns. Duisburg hatte viel Industrie. In jedem Betrieb haben Vertrauensleute ihre Delegierten gewählt. Sie kannten jeden und gaben ihnen zweitens einen klaren Auftrag mit in die nächsthöhere Führungsebene. Es wäre möglich gewesen, dem Delegierten die Verantwortung dafür aufzupacken, keinen dritten Krieg zu empfehlen, um Russland zu ruinieren.

Dass wir  normalen Mitglieder auch nur eine Diskussion darüber erzwingen, geht heute nicht mehr über Delegiertenwahlen!

Wir leben als Sozialdemokraten in einer Scheinwelt. Demokratie wird uns vorgetäuscht, ohne dass sie auf dem vorgeschlagenen Weg erreicht werden kann.

Weil alle Mitglieder unserer Partei das längst deutlich fühlen, schrumpft die Zahl der Mitglieder und diejenige des Wählervolks. Demokratische Regeln scheinen eingehalten zu sein. Dolch das ist nur der Anschein. In Wirklichkeit hat diese Art der Regulierung längst ihren vormaligen, eigentlichen, Sinn verloren. Er bestand darin, den Willen der sozialdemokratischen Basis mit den Einsichten der Parteiführung zu „vermitteln“. Das ist nicht mehr der Fall. Die Parteiführung scheint den Wunsch ihrer Basis bewusst zu verdrängen. Und die Basis beginnt, habe ich den Eindruck, ihre Führungsgremien zu verachten.

 

Michael Molsner