Montag, 22. Februar 2021

Führungsfragen mit Bild

Nach zwei verlorenen Weltkriegen hatten wir Deutschen keine mehrheitsfähige Identität mehr. Wir konnten uns dann darauf einigen, die US-amerikanischen Gründungsväter zu beerben und deren Verfassung zu übernehmen. Tatsächlich waren die USA damals weltweit führend:ökonomisch, militärisch, kulturell. Gestalten wie Thomas Jefferson, George Washington, Abraham Lincoln und Franklin D. Roosevelt galten als Vorbilder nicht nur bei uns. In der neueren Geschichte Europas hatten Großbritannien und Frankreich Gestalten von vergleichbarer Bedeutung zu bieten – wir nicht. Als Donald Trump „America first“ zu seiner Losung machte, fühlte Deutschland sich verwaist. „Ohne Familie und ohne Geld/ Standst frierend im Winde/Warst schön wie die Sünde“ – wie es in einem sogenannten „Küchenlied“ heißt. Was nun, Deutschland? „Da verkauftest du/Dich für Kleider und Schuh“. Wer sind wir … gewesen, geworden? Oder etwa zu werden erst im Begriff? Nicht einmal den gewohnten Namen gaben wir uns noch. Nachdem die Nazis unseren Namen schauerlich missbraucht hatten, wollten wir nicht mehr „das deutsche Volk“ heißen. Doch die Wirklichkeit ist dem Wunsch nicht gewichen. Abgeordnete waren und sind „Volksvertreter“. Recht wird gesprochen „im Namen des Volkes“. Im Sachverzeichnis meiner Ausgabe des Grundgesetzes taucht „Volk“ dutzendfach auf, auch im Plural: „Völker der Welt, Völkerfrieden, Völkerrecht, Völkerverständigung…“ Auch aus der Geschichte kennen wir das Problem, da heißt es Völkerwanderung. Freilich liegt mir die GG-Ausgabe von 1964 vor. Es gibt gewiss neuere. Sind die dann auch alle „grundlegend“, wie es der Begriff Grundgesetz zu beabsichtigen scheint? Wieder bedienten wir uns beim Vorbild USA. Da haben verschiedenste Volksgruppen ihre Heimat gefunden. Wir kennen Chinatown, Little Italy, Deutsch-Texas! Konnten nicht auch wir Europäer Heimat für unterschiedliche Volksgruppen werden? Wir eiferten unserem Vorbild nach. Das wollen wir weiterhin tun. Falls wir dadurch in Kriege hineingezogen werden, wollen wir uns als verlässliche Bündnispartner erweisen. Einen neuerlichen Krieg gegen Russland lehnen allerdings zwei Drittel der Deutschen ab, einen Krieg um Taiwan ebenso – die Insel ist ein Teil Chinas. Wir Deutschen haben selbst eine Teilung unseres Landes erleben müssen und wünschen sie niemandem. Wir Europäer und insbesondere wir Deutschen wollen globale Verantwortung übernehmen. Aber nicht Krieg führen. Auch nicht im Bund mit den USA. Die sind nicht mehr Vorbild für die Welt, Asien zum Beispiel erwartet keine wegweisenden Impulse mehr von Washington oder Brüssel. Wir wollen klipp und klar deutlich machen, dass wir von Diktaturen ein für allemal genug haben und in allen Erdteilen für rechtsstaatlich verfasste Demokratien eintreten. Doch allein können wir es nicht. Mit den USA zusammen auch nicht, die liefern nicht oder vielmehr, nur Waffen überall hin. Krieg aber lehnen wir ab. Hier verwirrt sich mein Beitrag, er spiegelt insofern die Verwirrung unserer Politik und unserer Medien. Niemand weiß, was zu tun ist. Klar ist nur: Jetzt garantiert
noch die Regierung Merkel/ Scholz unsere Freiheitsrechte.

Dienstag, 16. Februar 2021

Problem erkannt

Problem erkannt. Problem gebannt? Die reichste Macht der Welt ist nicht reich genug, um auf die Ressourcen anderer Staaten zu verzichten. Nur Eroberungen können, wie es dieser Macht scheint, eigenen Wohlstand und herausragende Stellung erhalten. Da diese reichste Macht der Welt auch über den gewaltigsten Militärapparat der Welt verfügt, sieht sie außer sinnlosem Widerstand der Schwächeren keinen Grund, auf Eroberungen zu verzichten. Weltumspannende Propaganda begründet das moralische Recht.
Wir alle sehen es klar. Weshalb ist die Erkenntnis dennoch nicht verbreitet? Wir werden von dem Hauptproblem abgelenkt. Männer hätten ein Feindbild: Frauen – das verbreitet in der aktuellen Ausgabe Mitte Februar 2021 ein deutsches Nachrichtenmagazin, es soll also eine Nachricht sein. Das ist nur eines von so vielen Beispielen. Jeder kennt sie. Weshalb lassen wir uns vom Hauptproblem ablenken? Das Problem hat längst einen Namen, „Thukydides-Trap“, die Thukydides-Falle. Wir wissen vor allem aus dem chinesischen Fernsehen, was der Begriff bedeutet. Talkshows, die in englischer Sprache ausgestrahlt werden, haben uns informiert. In einer Abhandlung über den Peloponnesischen Krieg hat der Historiker Thukydides Ereignisse beschrieben, die dazu geführt haben, dass das antike Griechenland sich in dreißigjährigen Kriegen selbst zerstört hat. In diese Falle will China nicht laufen. Es vermeidet bewusst den Fehler des kaiserlichen Deutschland: Als aufkommende Nation hat das deutsche Kaiserreich die etablierte Weltmacht England herausgefordert. Berlin hat selbst Weltmacht aufgebaut. Der Erste Weltkrieg wurde letztlich dadurch ausgelöst. Die Folgen dieses Krieges sind allgemein bekannt. Der bedeutende US-amerikanische Historiker John Jay Miersheimer glaubt, dass die Falle zuschnappen wird, obgleich sie erkannt ist. Die reichste Macht werde auf der Vernichtung des aufkommenden Rivalen bestehen, solange es möglich ist. China bereitet sich auf die drohende Konfrontation vor. Westliche Politik und Medien bezeichnen das als „immer aggressiveres Auftreten“. Problem erkannt, Problem gebannt, sagte ein Freund von mir gern. War wohl nur eine Hoffnung. Ein Weltkrieg droht. Wir sollen uns beteiligen. Auf der Seite der Starken, versteht sich. Gegen die Schwächeren. Das ist unerfeulich, unmoralisch, unklug. Lassen wir uns also ablenken. Männer haben ein Feindbild: Die Frau.

Sonntag, 7. Februar 2021

Merkt es jemand?

F*** the EU Wochenlang habe ich auf meinem Schreibtisch einen Zettel hin und her geschoben, darauf eine kurze Notiz: Im Recht zu sein, sei eine wichtige Motivation im Kampf. Die Bemerkung hatte ich im Internet gefunden und gleich geahnt, dass sie wichtig werden könne. Aber weshalb? Jetzt ist es mir aufgegangen. In der kurzen Äußerung steckt die Erklärung für den wüsten Informationskrieg, der von unseren Leitmedien gegen uns Bürger geführt wird. Die Erklärung für die sich von Tag zu Tag verschärfende Propaganda – gegen uns gerichtet und nicht etwa, wie vorgegeben wird, gegen die Regierungen fremder Länder. Konkret: Ich lebe zur Zeit in Duisburg am Rhein. Die gesamte Region um den Niederrhein ist aus der Wirtschaftsflaute herausgeführt worden, weil unser Innenhafen über die chinesische Neue Seidenstraße an den Weltmarkt angebunden wurde. Das erleben wir in Duisburg, in Gelsenkirchen, in Herne undsofort. Was es bei uns an Wohlstand gibt, nachdem die Konjunktur für Kohle und Stahl zusammenbrach, ist dieser chinesischen Politik zu verdanken, in Infrastruktur zu investieren und nicht in Krieg. Jeder kann das selbst nachprüfen. Und auch beeinflussen durch die Wahl von Politikern, die sich für gute Beziehungen zu China einsetzen. Es sind vor allem Sozialdemokraten, aber auch prominente Vertreter anderer Parteien. Was mich betrifft, so beobachte ich nicht nur die Entwicklung unseres erdgrößten Binnenhafens, auch die Entwicklung des über Jahrzehnte vor sich hin darbenden und rostenden Seehafens Piräus habe ich verfolgt. Seit die Chinesen dort investieren, hat er sich zum zweitgrößten Seehafen Europas entwickelt. Auch das kann jeder selbst beobachten, der das Land der Griechen mit der Seele sucht. Gleichwohl wird die Propaganda gegen die chinesische Staatsführung in USA mit einer Schärfe geführt, die mir den Atem stocken lässt. Die chinesische Führung begehe einen Genozid an den Uiguren, behauptet neuerdings nicht nur der übel beleumundete Pompeo, sondern auch sein Nachfolger im Amt des US-Außenministers. Konkret: Als die Rote Armee das Nazi-KZ Maidanek befreite und die Massengräber öffnete – höhnten US-Medien, es sei kommunistische Propaganda. Die Bilder sind nicht verblasst, jeder kann sie sehen. Erst als amerikanische Truppen verlassene Konzentrationslager der Nazis besetzten, wurde deutlich, dass Franklin Delano Roosevelt recht gehabt hatte, als er sagte: Wir Deutschen müssten einen solchen Schlag erhalten, dass wir es in Generationen nicht vergessen. Tausende Leichen mussten mit Bulldozern bestattet werden. Bis dahin hatte niemand in USA geglaubt, so etwas könnten wir Deutsche jemals zulassen. Alle Schilderungen Entkommener waren als Propaganda abgetan worden. An dieses Trauma, dieses Versagen angesehener Massenmedien wie New York Times und Washington Post, knüpft die antichinesische Propaganda schlau an. Diesmal müsse man glauben, was über systemische Vergewaltigungen uigurischer Frauen in Zwangslagern berichtet wird. Doch die Behauptungen sind als Propagandalügen leicht zu erkennen. Ein hochangesehener moslemischer Gelehrter der für Moslems maßgebenden Al Aqsa Moschee hat das Land der Uiguren mehrfach bereist und von vorbildlicher Führung seiner Glaubensgenossen in die Moderne gesprochen. Ist dieser Gelehrte jemals interviewt worden? Haben westliche Leitmedien auch nur seinen Namen genannt? Propaganda begründet nicht, sie wiederholt. Das erleben wir jeden Tag. Jeden Tag! Solange wir glauben, im Recht zu sein, werden wir akzeptieren, dass unsere Schutzmacht tatsächlich 800 Militärbasen auf dem Globus unterhalten muss, um sich selbst und uns alle vor den Chinesen zu beschützen. Wir werden bereit sein, uns mit Gut und Blut an Kriegen zu beteiligen, die länger dauern als beide Weltkriege zusammen, wie in Afghanistan. Wer bei der Zerstörung des Irak die Gefolgschaft verweigert hat, trägt üble Folgen bis heute. An welchen Einmischungen wollen wir uns künftig noch beteiligen, Syrien? Venezuela? Kuba? Belarus? Ukraine? Putin stürzen? Seinen Nachfolger haben wir bereits aufgebaut. Am heutigen 7. Februar lese ich in der Sonntagsausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Angela Merkel solle mit den Worten, sie könne Nordstream2 nicht unterstützen, den Bezug von preiswerter Energie aus Russland stoppen. Das ist die Propagandaschlacht gegen uns Bürger, gegen unsere Industrie. Merkt jemand, wie wir vorgeführt werden? Die EU werde nicht begeistert sein, wenn Washington einen neuen Präsidenten der Ukraine ernenne, warnte vor dem Umsturz der damalige US-Botshafter in Kiew seine Regierung. Die Antwort von Victoria Newland steht im Netz zu lesen: „The EU, you know, fuck the EU. Jazenjuk is our man. We have invested 5 Billion dollars in him.“ Mrs. Newland ist soeben von Joe Biden mit der dritthöchsten Stelle im US-Außenministerium bedacht worden. „Wie weiter mit Russland“, war heute im Presseclub der ARD das Thema. Und alle waren sich einig: Das Regime Putin müsse beendet werden, es sei korrupt, Russland befinde sich in der Hand einer kriminellen Kleptokratie. So wie in Süditalien, wo Staatsgelder in maroden Projekten verschwinden? So war es unter Jelzin in der demokratischen Zeit, Renten wurden nicht ausbezahlt, die Armee verkam, atomgetriebene U-Boote verrosteten. 40 Prozent der Russen haben ständige Angst vor einem Weltkrieg, hat eine Umfrage ergeben. Die Russen haben Angst vor uns, sie sehen ihr Land von der NATO eingekesselt, von unseren Leitmedien beschimpft und beleidigt. Vor wem haben wir Angst? v

Freitag, 29. Januar 2021

Captain Amerika

Der Liebling der „Linksliberalen“ und der EU-Imperialisten Joe Biden hat kaum 48 Stunden nach der Amtseinführung den ersten US-Einmarsch in ein anderes Land veranlaßt. Ein Militärkonvoi von etwa 40 Fahrzeugen mit Hubschrauberunterstützung rollte am Donnerstag, den 21. Januar aus dem Irak in Nordost-Syrien ein. Begleitet wurde der Konvoi von etwa 200 Hubschrauberlandetruppen, wie das israelische i24news.tv mit Bezug auf die syrische Nachrichtenagentur SANA berichtete Ende 2020 hatte Präsident Donald Trump den Abzug der letzten US-Truppen aus Syrien angeordnet. Trump war der erste US-Präsident seit Jimmy Carter, der keinen neuen Krieg begonnen hatte, sondern sich auf sein eigenes Land besann und gegen den Widerstand vieler Generale die Truppen aus Syrien und Afghanistan heimholte. Mit Joe Biden ist die globalistische Weltpolizei wieder da.
Gleichzeitig wurde bekannt, daß die Biden-Regierung 5000 Nationalgardisten, die die Amtseinführung in Washington bewacht haben, bei Temperaturen knapp über Null in einem Parkhaus mit nur einer Toilette untergebracht hatte. Als Ex-Präsident Trump davon erfuhr, bot er allen Soldaten, die es brauchten, Unterkunft im Luxus-Hotel Trump International (700 $/Nacht) an. Viele Soldaten nahmen das Angebot dankbar an. Der republikanische Gouverneur von Florida befahl die sofortige Heimkehr der Nationalgardisten aus Florida: „Sie sind nicht Nancy Pelosis Vasallen.“ Dies alles habe ich von unseren Leitmedien nicht erfahren! Russia Today International (englisch) berichtet es mir, und damit bin ich bei einem Thema, das für uns alle von überragender Bedeutung sein sollte! „Der König ist tot“, titelte die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 24. Januar. Mit dem König ist Larry King gemeint, eine „globale Medienpersönlichkeit“ laut FAZ. Spanne und Gewicht von Larry Kings Karriere sei legendär. Und das stimmt. Auch alle unsere Medien haben seine Karriere gewürdigt. Er hat Interviews geführt und die Kunst der Befragung aus Radiozeiten ins Fernsehen gebracht, zu CNN – und dann während der letzten fünf Jahre zu Russia Today International. Diese Tatsache aber, dass er in einem russischen Sender weltweit präsent blieb, ist in keiner einzigen Würdigung unserer Medien erwähnt worden, die ich zu Gesicht bekam. They lie by omission, hörte ich im Fernsehen einen ehemaligen CNN-Mitarbeiter sagen, „sie lügen durch Auslassung“. Und das allerdings ist überaus ernst zu nehmen. Wenn sie es schon wagen, einem Weltstar fünf lange Arbeitsjahre aus dem Lebenslauf zu streichen, was blüht uns dann noch alles? Die skandalöse Auslassung bedeutet einen weiteren Tiefpunkt in der weltweiten Kampagne gegen Russland. Verglichen mit den aufkommenden Mächten Asiens, speziell mit China, ist USA eine niedergehende Macht. Seine internen Probleme hofft es zu lösen, indem es neue Ressourcen erobert. Eine gewaltige Beute wäre Russland. Dort wird eine Farbrevolution versucht wie in Venezuela. Der vom Westen installierte Guaido ist gescheitert, die EU erkennt ihn nicht mehr als Präsidenten an, nur als wichtigen Gesprächspartner. In Russland wird Navalnij als Umstürzler aufgebaut. Seine Person und seine Aktionen werden finanziert durch eine Stiftung, die seinen Namen trägt. Wer in die Stiftung einzahlt, dürfen wir vermuten, erfahren haben wir es nicht. Russland ist die Tür nach China. Kasachstan würde Zugang zu den Uiguren bieten, unter den Moslems wären gewiss Guaidos und Navalnijs zu finden, die keinen Anschluss an die Moderne suchen, im Gegenteil, sich im Steinzeit-Islam einmauern und dafür Unterstützung im Westen suchen. Fällt Russland unter westliche Kontrolle, so gerät China in Überlebensgefahr, es ist den USA militärisch weit unterlegen. Diese Situation war schon einmal gegeben, und Xi Jinping hat zum 70. Jahrestag des Waffengangs in Korea ausdrücklich daran erinnert. Damals rückten die US-Truppen über den vereinbarten 38. Breitengrad hinaus an die chinesische Grenze vor. Mao Tse Tung sicherte sich Stalins Unterstützung und wagte den Kampf. Die US-Truppen mussten sich auf die vereinbarte Linie zurückziehen. Xi Jinping erklärte zum Gedenken: China werde seine Verteidigungsfähigkeit niemals aufgeben, sondern sich behaupten „um jeden Preis, bei jedem Risiko.“ Notfalls gewiss wieder im Bündnis mit Russland – falls das Land sich dann noch selbst regiert.

Samstag, 23. Januar 2021

Lesehilfe

Lesehilfe In der Frankfurter Allgemeinen vom 20. Januar ist mir in einem Beitrag meines Kollegen Gerald Wagner eine Formulierung aufgefallen. Er bespricht den Bericht der Regierungskommission für Integration und fragt, ob es künftig eher um die normative Kaft des Faktischen gehen wird oder um die faktische Kraft des Normativen. Ich war beeindruckt und erinnerte mich an einen Satz aus dem Weltbestseller „Das denkende Herz“ von Etty Hillesum, der mir bis dahin allzu schwärmerisch erschienen war. Der Autorin erscheint ein Gedicht von Rilke ebenso präsent wie ein Kampfflugzeug – und das während des Holocaust, in dem sie selbst schließlich untergegangen ist. Sie kann nur die faktische Kraft des Normativen meinen! Solange wir ein Gedicht von Rilke verstehen, haben wir „Werte“, die uns heilig sind. Diese Normen bestimmen uns, Fakten zu schaffen. Es gibt sie, die faktische Kraft des Normativen! Wir lassen mit dieser Kraft nicht leichtfertig spielen, denn: „Mit identitätsstiftenden und religiösen Heiligtümern spielt man nicht.“ So steht es in einem Brief an die Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen, ebenfalls vom 20. Januar 2021, den Emel Zeynelabidin geschrieben hat. Freilich ist auch, wie Gerald Wagners Formulierung uns mahnt, die normative Kraft des Faktischen zu berücksichtigen. Fakten können uns in der Tat nötigen, unsere Normen zu überprüfen. „Das wirft die Frage auf, wie viel Realismus die Beschreibung sich leisten sollte, wenn sie das normativ Gewünschte nicht beschädigen will.“ Ein Riesenproblem, dem Politik sich oft stellen muss. Um auf Etty Hillesum zurückzukommen – Franklin Delano Roosevelt wusste, was ihr und so vielen Juden angetan wurde oder noch bevorstand. Deutschland musste besiegt werden. Doch er hatte sich gegen Politiker zu behaupten, die an George Washingtons Botschaft an die amerikanischen Bürger anknüpften, die USA dürften sich niemals in die Händel ewig zerstrittener Europäer hineinziehen lassen. So dauerte es bis zur Kriegserklärung Nazi-Deutschlands an die USA, ehe Roosevelt die umfangreichen Materialhilfen an die Sowjetunion durch den Kongreß bringen konnte. Sie ermöglichten es der Roten Armee, dreieinhalb Millionen deutsche Soldaten im Osten zu binden, während die Alliierten in der Normandie landeten. Sie kamen viel zu spät, um Etty Hillesum zu befreien. Sie lebt jetzt in unserer faktenschaffenden Erinnerung.

Sonntag, 3. Januar 2021

Drachensaat

Drachensaat Zur Ausbreitung des CoronaVirus hat die Frankfurter Allgemeine Zeitung am gestrigen Sonnabend interessante Angaben gemacht. Schon ab Anfang Januar sei US-Präsident Trump in den täglichen Geheimdienstbriefings vor dem Virus gewarnt worden. Bereits in der ersten Januarwoche habe der Leiter der amerikanischen Seuchenschutzbehörde seinem chinesischen Amtskollegen Gao Fu Unterstützung angeboten, und am 8. Januar habe dieser „unter Tränen zugegeben“, dass die Situation in Wuhan bedrohlicher sei als offiziell dargestellt. Dass es weitere zwei Wochen dauerte, ehe China energische Gegenmaßnahmen ergriff, wird autoritären Reflexen in Peking zur Last gelegt. Dass auch die amerikanische Regierung den Ernst der Lage verkannte, sei Donald Trump vorzuwerfen. Ursächlich für die Ausbreitung des Covid19 sollen letztlich diese zwei Staatspräsidenten sein: Donald Trump und Xijnping. Zwei Autokraten mit Fehlreaktionen. Wie konnte es dazu kommen? Präsident Trump traute seinem eigenen Geheimdienst nicht, weil dieser immer wieder sogenannte Erkenntnisse an Medien wie die Washington Post durchstach, die offen (wie auch die New York Times und der Sender CNN) für eine Abwahl Trumps warben. Die demokratische Partei strebte einen Regimewechsel in Washington noch vor den Wahlen an, ein Amtsenthebungsverfahren war in Gang gesetzt. Trump wiederum wollte einen günstigen Abschluss der Verhandlungen über einen Handelsvertrag mit China, um seine Wiederwahl zu sichern. Bedroht musste auch Peking sich fühlen. Anarchisten sollten Hongkong dem Gesamtstaat entfremden und diesen schwächen. In den Opiumkriegen war es gelungen. Nun sollte Propaganda das Opium fürs Volk sein. In diesem Umfeld konnte Pekings Reaktion auf eine Katastrophenmeldung, die vom chinesischen Verantwortlichen bei der Seuchenschutzbehörde der USA „unter Tränen“ deponiert worden war, nur mit Argwohn reagieren. Der Bericht, aus dem ich zitiere, ist gezeichnet von Friederike Böge. Sie veröffentlicht beinahe täglich Berichte gegen China. Sie will den regime change in Hongkong. Der Pekinger Regierung hat sie in dem halben Jahr, seit ich die FAZ regelmäßig lese, noch nie anderes gewidmet als Schmähungen und herabwürdigende Unterstellungen. In der heutigen Sonntagsausgabe steht wieder eine ganzseitige Polemik gegen das Bemühen Chinas, über die Vereinten Nationen Einfluss zu gewinnen. Zitat als Kostprobe: „Dazu zählen auch Blauhelmmissionen, für die China mit 2500 Soldaten mehr Kräfte stellt als alle übrigen vier Vetomächte der Vereinten Nationen zusammen. In Südsudan stellt das Land nun erstmals einen stellvertretenden Kommandeur der dortigen Blauhelmtruppen.“

Freitag, 25. Dezember 2020

Das Weihnachtswunder - im Blick einer Aufgeklärten

Dass jeder Mensch ein Anfang und Ursprung sei, wie Sankt Augustinus in Band 10 seines Buches Vom Gottesstaat erklärt, ist ein Zitat, das Hannah Arendts gesamtes Werk als Grundton durchklingt. Wunderkräftigkeit gehört zum Menschen, weil es in der Natur eines jeden Neubeginnens (neu Beginnens!) liegt, dass es vom Gewesenen her schlechterdings unerwartet und unvorhersehbar in die Welt bricht. Solch ein Ereignis nennen wir in der Alltagssprache ein Wunder. Vom Standpunkt der Vorgänge im Universum und der in ihnen waltenden Wahrscheinlichkeiten ist bereits die Entstehung der Erde eine „unendliche Unwahrscheinlichkeit“, wie Naturwissenschaftler sagen, wie etwa auch Harald Lesch immer wieder in Fernsehsendungen erläutert. Ein Wunder also. Und die Entstehung des Organischen aus den chemischen Prozessen des Unorganischen? Leben ist nicht erklärbar bis heute, ein Wunder. Die Entstehung der Spezies Mensch aus den Abläufen des Organischen? Jeder neue Anfang wird zum Wunder, sagt Arendt, wenn er erfahren wird vom Standpunkt der Prozesse, die er unterbricht. Diese Sicht sei nicht einem besonders elitären (gelehrten) Standpunkt geschuldet, sondern sei alltäglich. Dass aus kosmischen Geschehnissen keine Erde, aus anorganischen Vorgängen kein Leben, und aus der Evolution der Tierarten nicht die Spezies Mensch entsteht – das begeistete Tier namens Shakespeare oder Goethe oder Leonardo – ist überwältigend wahrscheinlicher als das uns Gegebene, Geschenkte. Die Macht, die menschlicher Freiheit, zu handeln und also neu zu beginnen, innewohnt, komme in der Predigt des Nazareners in ganz ungewöhnlicher Weise zum Ausdruck, meint Arendt. Es ist seine Freiheit, frei zu sein, und in der Welt handelnd neu zu beginnen. Von menschlicher Gabe, das „unendlich Unwahrscheinliche zu bewirken und als Wirklichkeit zu konstituieren, mag diesmal mehr abhängen als je zuvor, nämlich die Fortexistenz der Menschheit auf der Erde.“ Mit dieser Warnung beendet Hannah Arendt ihren Vortragstext „Freiheit und Politik“, auf den ich mich beziehe. Sie leitet ihn ein mit einem Zitat von Franz Kafka als Motto: „Es ist schwer, die Wahrheit zu sagen, denn es gibt zwar nur eine; aber sie ist lebendig und hat daher ein lebendig wechselndes Gesicht.“