Update meiner Bemerkungen zu Thomas Manns Dr. Faustus.
Was er zum Roman selbst sagt, könnte mit Mißverständnissen aufräumen. Ich habe es bereits ins Netz gestellt.
Was er in seiner Nachschrift zum Roman zu sagen hat, will ich unten anfügen. Es kommt mir sehr aktuell vor.
Die Auflage, die ich habe, ist von 1960. Der große Romancier befürchtet da, man werde ihn wohl nach den furchtbaren Selbstzerstörungen der Nazi-Zeit.nicht mehr verstehen. Mein Eindruck ist, dass er recht behalten könnte.
Wir haben es damit zu tun, dass nach drei Eroberungskriegen Westeuropas gegen Russland ein neuer, vierter Krieg gegen Russland in Vorbereitung ist. Er diene der Verteidigung gegen Aggressionen Russlands, sagt man uns. Doch das ist auch schon zur Begründung der drei misslungenen Eroberungskriege gesagt worden. Es gibt Sachkenner, die auch jetzt einen Raubkrieg für möglich halten. Zu denken gibt, dass das gegenwärtige Kriegsbündnis ausschließlich von Staaten getragen ist, deren Bürger mit der Politik der Regierenden nicht einverstanden sind. Keir Starmer erlebt derzeit seinen „last stand“, hörte ich gestern auf BBC. Er stützt sich auf 21 Prozent Befragter, Emanuel Macron auf 18, Friedrich Merz auf 16. Der ukrainische Staatschef ist durch aktuelle Umfragenicht legitimiert.
Da diese Staatenlenker und ihre Medien über unser Weiterleben entscheiden, sollte die mangelnde Zustimmung Hoffnung machen. Sie bleibt bisher wirkungslos.
Im Folgenden gebe ich wieder Thomas Mann das Wort:
Thomas Manns Nachschrift zu seinem Roman Dr. Faustus
Verlag S. Fischer1947
Als ich zur Niederschrift dieser Erinnerungen, der Biographie Adrian Leverkühns, ansetzte, bestand, von Autors wegen, wie von wegen des Künstlertums ihres Helden, nicht die geringste Aussicht auf ihre öffentliche Bekanntmachung. An diese wäre jetzt, wo das Staatsungeheuer, das damals den Erdteil, und mehr als ihn, in seinen Fangarmen hielt, seine Orgien ausgefeiert hat, wo seine Matadore sich von ihren Ärzten vergiften und dann mit Gasolin übergießen und anzünden lassen, damit rein nichts von ihnen übrigbleibe, – es wäre, sage ich, jetzt an die Publikation meines dienenden Werkes wohl zu denken. Aber Deutschland ist, nach dem Willen jener Bösewichte, so bis in den Grund zerstört, daß man nicht zu hoffen wagt, es möchte zu irgendwelcher kulturellen Aktivität, zur Herstellung eines Buches auch nur, so bald wieder fähig sein, und tatsächlich habe ich dann und wann schon auf Mittel und Wege gesonnen, diese Blätter nach Amerika gelangen zu lassen, damit sie vorerst einmal der dortigen Menschheit in englischer Übersetzung vorgelegt werden. Mir ist, als ob dies dem Sinn meines verewigten Freundes nicht geradezu entgegen wäre. Freilich gesellt sich zu dem Gedanken an das sachliche Befremden, das mein Buch in jener Gesittungssphäre erregen müßte, die sorgende Voraussicht, daß seine Übersetzung ins Englische sich, wenigstens in gewissen, allzu wurzelhalt deutschen Partien, als ein Ding der Unmöglichkeit erweisen würde.
Was ich ferner voraussehe, ist das Gefühl einer gewissen Leere, das mein Teil sein wird, wenn ich nun mit wenigen Worten von dem Lebensausgang des großen Komponisten werde Rechenschaft abgelegt und den Schlußstrich unter mein Manuskript gezogen haben werde. Die Arbeit daran, aufwühlend und zehrend, wie sie war, wird mir fehlen, als laufende Pflichterfüllung hat sie mir beschäftigend über Jahre hinweggeholfen, die in barer Muße weit schwerer noch zu ertragen gewesen wären, und, vergebens vorderhand, sehe ich mich nach einer Tätigkeit um, die sie in Zukunft ersetzen könnte. Es ist wahr: die Gründe, aus denen ich vor elf Jahren aus meinem Lehramt schied, fallen unter den Donnern der Geschichte dahin. Deutschland ist frei, sofern man ein vernichtetes und entmündigtes Land frei nennen kann, und es mag sein, daß meiner Rückkehr in den Schuldienst bald nichts mehr im Wege stehen wird. Monsignore Hinterpförtner hat mich schon gelegentlich darauf hingewiesen. Werde ich wieder einer humanistischen Prima den Kulturgedanken ans Herz legen, in welchem Ehrfurcht vor den Gottheiten der Tiefe mit dem sittlichen Kult olympischer Vernunft und Klarheit zu einer Frömmigkeit verschmilzt? Aber ach, ich fürchte, in dieser wilden Dekade ist ein Geschlecht herangewachsen, das meine Sprache sowenig versteht wie ich die seine, ich fürchte, die Jugend meines Landes ist mir zu fremd geworden, als daß ich ihr Lehrer noch sein könnte, – und mehr: Deutschland selbst, das unselige, ist mir fremd, wildfremd geworden, eben dadurch, daß ich mich, eines grausigen Endes gewiß, von seinen Sünden zurückhielt, mich davor in Einsamkeit barg. Muß ich mich nicht fragen, ob ich recht daran getan habe? Und wiederum: habe ich's eigentlich getan? Ich habe einem schmerzlich bedeutenden Menschen angehangen bis in den Tod und sein Leben geschildert, das nie aufhörte, mir liebende Angst zu machen. Mir ist, als käme diese Treue wohl auf dafür, daß ich mit Entsetzen die Schuld meines Landes floh.
Am 25. August 1940 traf mich hier in Freising die Nachricht von dem Erlöschen der Reste eines Lebens, das meinem eigenen Leben, in Liebe, Spannung, Schrecken und Stolz, seinen wesentlichen Inhalt gegeben hat. Am offenen Grabe auf dem kleinen Friedhof von Oberweiler standen mit mir, außer den Angehörigen, Jeannette Scheurl, Rüdiger Schildknapp, Kunigunde Rosenstiel und Meta Nackedey, dazu eine unkenntlich verschleierte Fremde, die, während die Erdschollen auf den eingebetteten Sarg fielen, wieder verschwunden war.
Deutschland, die Wangen hektisch gerötet, taumelte dazumal auf der Höhe wüster Triumphe, im Begriffe, die Welt zu gewinnen kraft des einen Vertrages, den es zu halten gesonnen war, und den es mit seinem Blute gezeichnet hatte. Heute stürzt es, von Dämonen umschlungen, über einem Auge die Hand und mit dem andern ins Grauen starrend, hinab von Verzweiflung zu Verzweiflung. Wann wird es des Schlundes Grund erreichen? Wann wird aus letzter Hoffnungslosigkeit, ein Wunder, das über den Glauben geht, das Licht der Hoffnung tagen? Ein einsamer Mann faltet seine Hände und spricht: Gott sei euerer armen Seele gnädig, mein Freund, mein Vaterland.