Sonntag, 7. Juni 2026

Kriegsspiele von Zwergen

 

Kriegsspiele von Zwergen 

 

Zwei Staaten, die aus eigener Kraft nicht existieren könnten, bieten sich Großmächten zur Auslösung von Kriegen an. Durch blutige Dienstleistung wollen sie sich immerwährende Hilfe sichern.

Für Israel hat diese Entwicklung bereits Hannah Arendt als zwangsläufig erwiesen. Bald würden die Engländer mit dem Schutz Israels überfordert sein, dann werde Washington übernehmen. Die Folgen für die arabische Welt werde immerwährender Konflikt mit Kriegspotential sein. So ist es gekommen und geblieben.

Auch die Ukraine war noch nie für sich allein überlebensfähig, bekanntlich auch vor dem russischen Eingreifen nicht. Daher hat die Staatsführung in Kiev sich entschlossen, die russisch dominierten Gebiete (Donbas) zu erobern. Die Bewohner wurden um alles gebracht, ihr Eigentum, Haus und Hof, ihre Kultur, ihre Sprache, die Gesundheits- und Altersversorgung, einfach um alles. Viele wurden ermordet.

Sie wandten sich in ihrer äußersten Not hilfesuchend an die russische Staatsführung. Moskau hat sich an die internationale Gemeinschaft gewandt: vergebens.

Denn westliche Staaten sahen eine Möglichkeit, ihre eigenen Probleme zu lösen.

Die ukrainischen Ressourcen versprachen enorme Gewinne, sobald die sprichwörtliche Korruption dort besiegt wäre. Ferner lockte der geostrategische Vorteil durch Schwächung Russlands, dessen Ressourcen sogar noch viel mehr versprachen.

Der Westen unterstützte daher den Raubkrieg der ukrainischen Führung und machte ihn zu ihrem eigenen.

Heute, am 7. Juni 2026, treffen sich in London die europäischen  Kriegsherren und beraten, mit welcher Taktik die Gewinne, die man sich versprochen hatte, nachhaltig gesichert werden können. Bei  Kontrolle der Massenmedien könnte es möglich sein, den Krieg nur unter den gewünschten Bedingungen zu beenden.

Mit Gewinn also.

Inzwischen geht der von Hannah Arendt vorausgesagte Konflikt im Nahen Osten wieder einmal einer Radikalisierung entgegen. Dass er sich zum offenen Krieg ausweitet, hielt gestern abend eine Korrespondentin der ARD für wahrscheinlicher als einen Waffenstillstand.

 

Michael Molsner

Donnerstag, 30. April 2026

Aus meinem Bücherschrank

 

Neu entdeckt

Erich Maria Remarque, Ernest Hemingway

 

„Wozu lebst du eigentlich, sag mal, Baby?“

„Das wollte ich auch schon lange mal wissen.“

Das war das Gefühl nach dem Ersten verlorenen Krieg.

Nur nichts herankommen lassen, sagte Köster. Was man herankommen lässt, will man halten. Und halten kann man nichts -

Otto Köster, ehemals Stoßtruppführer, jetzt Chef einer Tankstelle, wo Robert Lohkamp und Gottfried Lenz arbeiten. Köster und Lenz sind die einzigen Menschen, denen Robert voll vertraut. Köster hat sie beide lebend durch den Krieg gebracht.

Stoßtrupp im Grabenkrieg, drei Kameraden im Unfrieden der Nachkriegsjahre. „Vergessen ist jetzt die Parole, nicht grübeln“, rät Robert einem Verzweifelten. Und fragt den einzigen Menschen, der immer einen Weg wusste. „Spricht eigentlich etwas gegen unser Leben, Otto?“

Er sah mich an und lächelte. „Hat schon ganz was anderes dagegen gesprochen, Robby.“ Remarques Erleben der Nachkriegsjahre in Berlin.

Robert lernt eine Frau kennen: Für die Liebe kann ein Mann nicht leben. Für einen Menschen wohl.

Die Frau erkrankt unheilbar und wird bald sterben. „Wenn man nur wüsste, was dahinter ist. Glaubst du, dass es weitergeht, nachher?“

„Ja“, erwiderte ich. „Es ist so schlecht gemacht, dass es nicht zu Ende sein kann.“

Er sitzt bei ihr, sie hören Radio. „Parlez moi d'amour“.

„Paris, Pat“.

Im Paris der Nachkriegsjahre spielt ein anderes meiner Lieblingsbücher. Auch Hemingway beschreibt eine Gruppe von Männern, denen eine Frau sich anschließt. Der Ich-Erzähler hat von der Front wie seine Berliner Altersgenossen Glaubensverlust, Zielverlust, Liebesverlust mitgebracht. Hemingway wählt für seinen Erzähler Jake Barnes die brutale Metapher der weggeschossenen körperlichen Liebesfähigkeit. Die Frau sucht Befriedigung bei andern, ohne ihre große Liebe, Jake Barnes, aufzugeben. Wir hätten eine so verdammt gute Zeit zusammen  haben können, sagt sie am Ende des Romans zu ihm. „Ja“ sagte ich. „Isn’t it pretty to think so?“ Wär das nicht nett gewesen? Der lakonische Ton hat Schule gemacht. Was hilft alles Klagen. Vorbild sind Stierkämpfer. Dem Unvermeidbaren mit Haltung entgegentreten.

 

Jetzt erst, nach all diesen Jahren, beginne ich zu ahnen, weshalb gerade diese Romane mir so wichtig wurden. Ich war, wie Robert Lohkamp und Jake Barnes, in Nachkriegsjahre geworfen. Das war nach dem Zweiten verlorenen Krieg. Religion, Besitz, Sicherheit weg. Kampf ums bloße Dasein schwierig unter Fremden.

Und jetzt erlebe ich alles noch einmal. Zwei Kriege verloren. Der dritte in Vorbereitung.

Kriegsanleihen an die Ukraine verfallen, weil wir womöglich wieder verlieren. Rentenfonds können enteignet werden, wird uns vorgemacht, wie zur Warnung.

Wir hätten eine so verdammt gute Zeit zusammen haben können. 

„Ja“, sagt Jake. „Isn’t it pretty to think so?“

Dann, plötzlich, ging alles sehr schnell. Robert hält sie fest, bis zuletzt.

 

Michael Molsner

Montag, 20. April 2026

Aktuell?

 

Der dritte Weg

Johannes Gross

 

In Hitler kann man ohne Schwierigkeiten das gewaltige Aufbäumen gegen eine Tendenz der Geschichte erkennen, die nach dem Krieg (von 1914-1918) den Europäern historisch notwendig dünkte. Der Diktator wollte ein auf Europa gegründetes, vom deutschen Nationalismus vitalisiertes Imperium gründen, als die dritte Möglichkeit zwischen Ost und West, was auch seinem Zweifrontenkrieg gegen Amerika und Rußland, der realpolitisch so unsinnig und gegen die Tradition des Bismarck-Reiches war, doch eine historische Plausibilität gibt...

Quelle: Unsere letzten Jahre, Fragmente aus Deutschland, DVA 1980

 

Und falls jemand darüber schon erschrickt, Gross erinnert an noch etwas. Das Bürgertum war in Deutschland nie eine führende Klasse. Alle führenden Klassen wollen ihre Macht sichern – sowohl gegen bisherige Machthaber wie gegen nachdrängende. Führende bauen daher alle gesellschaftlich bedeutenden Einflussbereiche um. Philosophie, Pädagogik, selbst Forschung müssen sich ihren neuen Bedürfnissen anpassen – und die kulturellen Institutionen!

Das Bürgertum schafft sich seine besondere, neue Ideologie. Das geschah anderswo, In Deutschland wurde eine bürgerliche Demokratie geschaffen, die „Weimarer Republik“, deren Führung zunächst der Arbeitervertretung überlassen war. Während all der kurzen Jahre der Republik blieb es Arbeitervertretern vorbehalten, bürgerliche Rechte durchzusetzen.

In wechselnden Koalitionen wurde die SPD im Stich gelassen bis zur bitteren  Stunde, als im deutschen Reichstag über das Ermächtigungsgesetz abgestimmt wurde: Es war ein Abgeordneter der SPD, der dagegen stimmte. Die Vertreter bürgerlicher Parteien wagten es nicht mehr, die Diktatur zu verhindern.

Intellektuelle profitierten, solange die Republik existierte, von den bürgerlichen Freiheiten. Dennoch bekämpften sie die Republik und hassten ihre politischen Repräsentanten. Bis zuletzt, bis ins Exil, das sie selbst mit heraufbeschworen hatten. Jeder weiß heute, wer die Republik bekämpfte und wer sie unterstützt hat.

Noch einmal Gross: Es gibt bei uns kein Bürgertum mehr, bürgerliche Werte haben wir von den Siegermächten des Zweiten Weltkrieges übernommen. Deutschbürgerlichkeit sei auch in seinen größten Leistungen museal, man nähert sich ihnen, wie es Archäologen mit fern versunkenen Kulturen machen, man gräbt sie achtungsvoll aus, ohne irgendeine Zukunft darauf zu gründen.

Wie sieht denn also unsere Zukunft aus? Für Gross geht es in dem Jahrzehnt 1970-1980, in dem er schreibt, noch einmal um die deutsche Einheit, wie hundert Jahre zuvor. Um Wettbewerbsfähigkeit geht es. Nur eine starke Wirtschaft und Währung erlaubt selbstgewisse Außenpolitik.

Siehe Absatz eins meiner Zusammenfassung.

 

Michael Molsner