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Freitag, 26. Juni 2026
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Donnerstag, 25. Juni 2026
Atheist aus moralischen Gründen
Atheist aus moralischen Gründen
Stanislav Lem gegen Thomas Manns „Dr. Faustus“
Stanisław Lem kam als Sohn einer polnisch-jüdischen Arztfamilie auf die Welt.
Sein Vater Samuel Lem war Hals-Nasen-Ohren-Arzt; der Satiriker Marian Hemar war
sein Cousin.[2]
Lem hatte eine behütete Kindheit. Er studierte von 1940 bis zur Besetzung Lembergs durch deutsche Truppen 1941 Medizin an der Universität Lemberg. Durch den Zweiten Weltkrieg wurden seine Studien unterbrochen. Lem konnte mit gefälschten Papieren auf den Namen Jan Donabidowicz seine jüdische Herkunft verschleiern und gab sich als Armenier aus;[3] der Großteil seiner Familie kam im Holocaust ums Leben.[4][5] Er sagte dazu einmal: „Ich hab Hitler gebraucht, um draufzukommen, dass ich jüdisch bin.“
Während der deutschen Besatzung arbeitete er als Hilfsmechaniker und Schweißer für das deutsche Unternehmen Rohstofferfassung, das Altmaterial aufarbeitete. Er half dem polnischen Widerstand (Armia Krajowa), indem er heimlich Munition und Sprengstoff aus den Depots entwendete und weitergab.[4][5] Auch sabotierte er eigenen Angaben zufolge zu reparierende Fahrzeuge der SS.[3] Zudem wurde er 1941 im Zuge der NKWD-Massaker und der darauffolgenden Pogrome unter Zwang zur Bergung von Leichen im Lemberger Gefängnis Brygidki herangezogen. Die direkte Konfrontation mit diesen Gewalttaten hinterließ ein Trauma, das sein späteres Werk und seinen anthropologischen Pessimismus tiefgreifend prägte.[4] Lem lehnte in der Folge die Existenz eines gütigen Gottes ab und bezeichnete sich als Atheisten aus moralischen Gründen: Das Theodizee-Problem – die allgegenwärtige Existenz von blindem Leid, grausamer Evolution und die Erfahrungen des Holocausts – machte für den großen Polen den Glauben an einen wohlwollenden Schöpfer unmöglich. Als gegen Ende des Krieges Polen durch die Rote Armee von den Nazis befreit wurde und das Land zum Einflussbereich der Sowjetunion gehörte, setzte er sein medizinisches Studium in Lemberg fort. 1945 musste er, nachdem seine Heimatstadt an die Sowjetunion gefallen war, nach Krakau ziehen.
Quelle: wikipedia
Lem akzeptiert nur wissenschaftlich belegbare Wahrheiten. Mythen, sagt er, sind eine vorwissenschaftliche Art, in das Durcheinander zufälliger Erscheinungen Ordnung zu bringen. Das leisten sie und wirken insofern beruhigend: Nur glaubt man zu wissen, Gott oder Götter sind die Verursacher von Glück und Leid, oder das Schicksal. Es ist jedoch leider eine falsche Ordnung, sie führt nicht dazu, wissenschaftliche Forschung zu unterstützen. Nur diese führt zu sinnvollen Ergebnissen.
Lems Gedankengänge haben mich auf den Unterschied zwischen meinem „Ich“ und dem „Wir“, in dem ich lebe, nachdrücklich aufmerksam gemacht. Meine westeuropäische Heimat bereitet nach drei verlorenen Eroberungskriegen gegen Russland einen weiteren Eroberungskrieg vor. Das überzeugt mich davon, dass unser Erleben erklärbar ist. Der Holocaust war von Menschen verursacht. Die Morde von Katyn ebenfalls. Es gab jeweils Gründe und gibt sie wieder. Ich versuche, sie zu begreifen und darzustellen.
Zugleich erfahre ich von furchtbarem Leid, das von Unschuldigen erlitten wird. Die Kinder in Gaza können nichts dafür, dass sie verhungern müssen. Menschen sind die Verursacher! Und wenn mein „Wir“ jetzt neues Leid verursacht - dann darf ich wohl sagen: Auch ich kann nichts dafür.
Glauben die Leidgeprüften an keinen gütigen Gott mehr, ich verstehe es.
Mag ja sein, dass die Entstehung von Welt und Evolution nur ein seltsames Zusammentreffen von Zufalls-Vorfällen ist, wie Lem meint. Aber es könne sein, gibt Thomas Mann zu bedenken, dass wer auch immer, Gott, Götter, Kosmos, ein Experiment mit uns wagt und auf uns setzt. Und die Menschheit wäre gut beraten, den Versuch nicht in neue Massengräber zu versenken.
P.S. Stanislav Lems kluge – ablehnende – Analyse, den Mythos vom Dr. Faustus als ordnenden Faktor der Entstehung des Faschismus einzusetzen, hat mich zur Begegnung mit dem großen polnischen Kollegen geführt.
Michael Molsner
Mittwoch, 24. Juni 2026
Todesfuge
„DER TOD IST EIN MEISTER AUS DEUTSCHLAND“
Todesfuge von Paul Celan
Abendnachrichten. Wieder freuen sich die Berichterstatter über schweren Schaden, der - von uns bezahlt - anderen angetan wird. Es seien hocherfreuliche Zerstörungserfolge erzielt. Ganze Fabriken brennen, Ölquellen... Glück und Freude, rosige Zukunft. Unsere Stärke: das Tötenlassen. Wir müssten in diese Kunst noch viel mehr investieren. Dann seien uns Respekt und Beifall der Welt gewiss.
Eigenartig. Es sei denn, man hat es erwartet, weil bei uns große Dichter wie Paul Celan ernst genommen werden. Vor allem, wenn sie aus Erfahrung schreiben. Das tut Celan. Deutsche wollten ihn umbringen lassen.
Ein Meister darf Auszubildende beschäftigen und anlernen!
Gegen Bezahlung.
Michael Molsner
Mittwoch, 17. Juni 2026
Aktuelles zur Nachschrift von Dr. Faustus
Update meiner Bemerkungen zu Thomas Manns Dr. Faustus.
Was er zum Roman selbst sagt, könnte mit Mißverständnissen aufräumen. Ich habe es bereits ins Netz gestellt.
Was er in seiner Nachschrift zum Roman zu sagen hat, will ich unten anfügen. Es kommt mir sehr aktuell vor.
Die Auflage, die ich habe, ist von 1960. Der große Romancier befürchtet da, man werde ihn wohl nach den furchtbaren Selbstzerstörungen der Nazi-Zeit.nicht mehr verstehen. Mein Eindruck ist, dass er recht behalten könnte.
Wir haben es damit zu tun, dass nach drei Eroberungskriegen Westeuropas gegen Russland ein neuer, vierter Krieg gegen Russland in Vorbereitung ist. Er diene der Verteidigung gegen Aggressionen Russlands, sagt man uns. Doch das ist auch schon zur Begründung der drei misslungenen Eroberungskriege gesagt worden. Es gibt Sachkenner, die auch jetzt einen Raubkrieg für möglich halten. Zu denken gibt, dass das gegenwärtige Kriegsbündnis ausschließlich von Staaten getragen ist, deren Bürger mit der Politik der Regierenden nicht einverstanden sind. Keir Starmer erlebt derzeit seinen „last stand“, hörte ich gestern auf BBC. Er stützt sich auf 21 Prozent Befragter, Emanuel Macron auf 18, Friedrich Merz auf 16. Der ukrainische Staatschef ist durch aktuelle Umfragenicht legitimiert.
Da diese Staatenlenker und ihre Medien über unser Weiterleben entscheiden, sollte die mangelnde Zustimmung Hoffnung machen. Sie bleibt bisher wirkungslos.
Im Folgenden gebe ich wieder Thomas Mann das Wort:
Thomas Manns Nachschrift zu seinem Roman Dr. Faustus
Verlag S. Fischer1947
Als ich zur Niederschrift dieser Erinnerungen, der Biographie Adrian Leverkühns, ansetzte, bestand, von Autors wegen, wie von wegen des Künstlertums ihres Helden, nicht die geringste Aussicht auf ihre öffentliche Bekanntmachung. An diese wäre jetzt, wo das Staatsungeheuer, das damals den Erdteil, und mehr als ihn, in seinen Fangarmen hielt, seine Orgien ausgefeiert hat, wo seine Matadore sich von ihren Ärzten vergiften und dann mit Gasolin übergießen und anzünden lassen, damit rein nichts von ihnen übrigbleibe, – es wäre, sage ich, jetzt an die Publikation meines dienenden Werkes wohl zu denken. Aber Deutschland ist, nach dem Willen jener Bösewichte, so bis in den Grund zerstört, daß man nicht zu hoffen wagt, es möchte zu irgendwelcher kulturellen Aktivität, zur Herstellung eines Buches auch nur, so bald wieder fähig sein, und tatsächlich habe ich dann und wann schon auf Mittel und Wege gesonnen, diese Blätter nach Amerika gelangen zu lassen, damit sie vorerst einmal der dortigen Menschheit in englischer Übersetzung vorgelegt werden. Mir ist, als ob dies dem Sinn meines verewigten Freundes nicht geradezu entgegen wäre. Freilich gesellt sich zu dem Gedanken an das sachliche Befremden, das mein Buch in jener Gesittungssphäre erregen müßte, die sorgende Voraussicht, daß seine Übersetzung ins Englische sich, wenigstens in gewissen, allzu wurzelhalt deutschen Partien, als ein Ding der Unmöglichkeit erweisen würde.
Was ich ferner voraussehe, ist das Gefühl einer gewissen Leere, das mein Teil sein wird, wenn ich nun mit wenigen Worten von dem Lebensausgang des großen Komponisten werde Rechenschaft abgelegt und den Schlußstrich unter mein Manuskript gezogen haben werde. Die Arbeit daran, aufwühlend und zehrend, wie sie war, wird mir fehlen, als laufende Pflichterfüllung hat sie mir beschäftigend über Jahre hinweggeholfen, die in barer Muße weit schwerer noch zu ertragen gewesen wären, und, vergebens vorderhand, sehe ich mich nach einer Tätigkeit um, die sie in Zukunft ersetzen könnte. Es ist wahr: die Gründe, aus denen ich vor elf Jahren aus meinem Lehramt schied, fallen unter den Donnern der Geschichte dahin. Deutschland ist frei, sofern man ein vernichtetes und entmündigtes Land frei nennen kann, und es mag sein, daß meiner Rückkehr in den Schuldienst bald nichts mehr im Wege stehen wird. Monsignore Hinterpförtner hat mich schon gelegentlich darauf hingewiesen. Werde ich wieder einer humanistischen Prima den Kulturgedanken ans Herz legen, in welchem Ehrfurcht vor den Gottheiten der Tiefe mit dem sittlichen Kult olympischer Vernunft und Klarheit zu einer Frömmigkeit verschmilzt? Aber ach, ich fürchte, in dieser wilden Dekade ist ein Geschlecht herangewachsen, das meine Sprache sowenig versteht wie ich die seine, ich fürchte, die Jugend meines Landes ist mir zu fremd geworden, als daß ich ihr Lehrer noch sein könnte, – und mehr: Deutschland selbst, das unselige, ist mir fremd, wildfremd geworden, eben dadurch, daß ich mich, eines grausigen Endes gewiß, von seinen Sünden zurückhielt, mich davor in Einsamkeit barg. Muß ich mich nicht fragen, ob ich recht daran getan habe? Und wiederum: habe ich's eigentlich getan? Ich habe einem schmerzlich bedeutenden Menschen angehangen bis in den Tod und sein Leben geschildert, das nie aufhörte, mir liebende Angst zu machen. Mir ist, als käme diese Treue wohl auf dafür, daß ich mit Entsetzen die Schuld meines Landes floh.
Am 25. August 1940 traf mich hier in Freising die Nachricht von dem Erlöschen der Reste eines Lebens, das meinem eigenen Leben, in Liebe, Spannung, Schrecken und Stolz, seinen wesentlichen Inhalt gegeben hat. Am offenen Grabe auf dem kleinen Friedhof von Oberweiler standen mit mir, außer den Angehörigen, Jeannette Scheurl, Rüdiger Schildknapp, Kunigunde Rosenstiel und Meta Nackedey, dazu eine unkenntlich verschleierte Fremde, die, während die Erdschollen auf den eingebetteten Sarg fielen, wieder verschwunden war.
Deutschland, die Wangen hektisch gerötet, taumelte dazumal auf der Höhe wüster Triumphe, im Begriffe, die Welt zu gewinnen kraft des einen Vertrages, den es zu halten gesonnen war, und den es mit seinem Blute gezeichnet hatte. Heute stürzt es, von Dämonen umschlungen, über einem Auge die Hand und mit dem andern ins Grauen starrend, hinab von Verzweiflung zu Verzweiflung. Wann wird es des Schlundes Grund erreichen? Wann wird aus letzter Hoffnungslosigkeit, ein Wunder, das über den Glauben geht, das Licht der Hoffnung tagen? Ein einsamer Mann faltet seine Hände und spricht: Gott sei euerer armen Seele gnädig, mein Freund, mein Vaterland.
Dienstag, 9. Juni 2026
Gedenktage
Gedenktage
Es ist keine deutsche Universiät, sondern die berühmteste französische, wo sich vom 22. bis zum 24. Juni Fachleute treffen, um Konzepte der Europapolitik zu diskutieren. Das Datum, das den Anlass gibt, ist jedoch ganz besonders für uns Deutsche bemerkenswert.
Am 22. Juni vor 85 Jahren überfiel das Dritte deutsche Reich die Sowjetunion ohne Vorwarnung und ohne Kriegserklärung. Es war der Fall Barbarossa: die Ausweitung des Konflikts in Europa zum Weltkrieg.
Und 1926, vor nun hundert Jahren, ebenfalls an einem 22. Juni, reiste Thomas Mann als inoffizieller Kulturbotschafter für neun Tage nach Paris. Er warb für Frieden und Verständigung.
Zum 100. Erscheinungsjahr von Thomas Manns Buch ›Pariser Rechenschaft‹, aus den damals erworbenen Eindrücken entstanden, treffen sich nun die Forscher. Wieder an der Sorbonne, wieder in Paris, um über damals erwartete Hoffnungen auf Verständigung zu sprechen.
Von Friedensbemühungen spricht bei uns inzwischen nur noch, wer sie ablehnt. Schulterzuckend. Frieden sei jederzeit möglich, aber nur, wenn Russland sich einem deutsch geführten Militärbündnis ergebe. Damit rechnen wenige.
Daher wird im Willy-Brandt-Haus Willy Brandts Politik der Verständigung als veraltet bezeichnet. Ebenso im Außenministerium, wo das Porträt Bismarcks abgehängt wurde, der von Präventivkriegen nichts hielt.
Dass Thomas Mann vor hundert Jahren Frieden für möglich hielt, dürfte lobende Erwähnung finden. Hingegen sollte, wer jetzt an Frieden denkt, auf Lob nicht hoffen. Unser Kriegsbeginn vor 85 Jahren ist längst umgedeutet: Es sei die Sowjetunion gewesen, die in Zusammenarbeit mit dem Dritten deutschen Reich den Weltkrieg ausgelöst habe.
Zum 85. Jahrestag der Auslösung des Zweiten Weltkrieges werden in knapp zwei Wochen wohl nur die bekannten Friedensaktivisten vor einem erneuten Überfall auf Russland warnen. Er wurde damals als vorsorglich dargestellt. Man wolle einem sowjetischen Überfall zuvorkommen.
Auch die aktuellen Kriegsvorbereitungen werden uns als präventiv vorgestellt, man müsse den russischen Plänen zeitig begegnen.
Michael Molsner
Sonntag, 7. Juni 2026
Kriegsspiele von Zwergen
Kriegsspiele von Zwergen
Zwei Staaten, die aus eigener Kraft nicht existieren könnten, bieten sich Großmächten zur Auslösung von Kriegen an. Durch blutige Dienstleistung wollen sie sich immerwährende Hilfe sichern.
Für Israel hat diese Entwicklung bereits Hannah Arendt als zwangsläufig erwiesen. Bald würden die Engländer mit dem Schutz Israels überfordert sein, dann werde Washington übernehmen. Die Folgen für die arabische Welt werde immerwährender Konflikt mit Kriegspotential sein. So ist es gekommen und geblieben.
Auch die Ukraine war noch nie für sich allein überlebensfähig, bekanntlich auch vor dem russischen Eingreifen nicht. Daher hat die Staatsführung in Kiev sich entschlossen, die russisch dominierten Gebiete (Donbas) zu erobern. Die Bewohner wurden um alles gebracht, ihr Eigentum, Haus und Hof, ihre Kultur, ihre Sprache, die Gesundheits- und Altersversorgung, einfach um alles. Viele wurden ermordet.
Sie wandten sich in ihrer äußersten Not hilfesuchend an die russische Staatsführung. Moskau hat sich an die internationale Gemeinschaft gewandt: vergebens.
Denn westliche Staaten sahen eine Möglichkeit, ihre eigenen Probleme zu lösen.
Die ukrainischen Ressourcen versprachen enorme Gewinne, sobald die sprichwörtliche Korruption dort besiegt wäre. Ferner lockte der geostrategische Vorteil durch Schwächung Russlands, dessen Ressourcen sogar noch viel mehr versprachen.
Der Westen unterstützte daher den Raubkrieg der ukrainischen Führung und machte ihn zu ihrem eigenen.
Heute, am 7. Juni 2026, treffen sich in London die europäischen Kriegsherren und beraten, mit welcher Taktik die Gewinne, die man sich versprochen hatte, nachhaltig gesichert werden können. Bei Kontrolle der Massenmedien könnte es möglich sein, den Krieg nur unter den gewünschten Bedingungen zu beenden.
Mit Gewinn also.
Inzwischen geht der von Hannah Arendt vorausgesagte Konflikt im Nahen Osten wieder einmal einer Radikalisierung entgegen. Dass er sich zum offenen Krieg ausweitet, hielt gestern abend eine Korrespondentin der ARD für wahrscheinlicher als einen Waffenstillstand.
Michael Molsner