Mittwoch, 17. Juni 2026

Aktuelles zur Nachschrift von Dr. Faustus

 

Update meiner Bemerkungen zu Thomas Manns Dr. Faustus.


Was er zum Roman selbst sagt, könnte mit Mißverständnissen aufräumen. Ich habe es bereits ins Netz gestellt.

Was er in seiner Nachschrift zum Roman zu sagen hat, will ich unten anfügen. Es kommt mir sehr aktuell vor.

Die Auflage, die ich habe, ist von 1960. Der große Romancier befürchtet da, man werde ihn wohl nach den furchtbaren Selbstzerstörungen der Nazi-Zeit.nicht mehr verstehen. Mein Eindruck ist, dass er recht behalten könnte.

Wir haben es damit zu tun, dass nach drei Eroberungskriegen Westeuropas gegen Russland ein neuer, vierter Krieg gegen Russland in Vorbereitung ist. Er diene der Verteidigung gegen Aggressionen Russlands, sagt man uns. Doch das ist auch schon zur Begründung der drei misslungenen Eroberungskriege gesagt worden. Es gibt Sachkenner, die auch jetzt einen Raubkrieg für möglich halten. Zu denken gibt, dass das gegenwärtige Kriegsbündnis ausschließlich von Staaten getragen ist, deren Bürger mit der Politik der Regierenden nicht einverstanden sind. Keir Starmer erlebt derzeit seinen „last stand“, hörte ich gestern auf BBC. Er stützt sich auf 21 Prozent Befragter, Emanuel Macron auf 18, Friedrich Merz auf 16. Der ukrainische Staatschef ist durch aktuelle Umfragenicht legitimiert.

Da diese Staatenlenker und ihre Medien über unser Weiterleben entscheiden, sollte die mangelnde Zustimmung Hoffnung machen. Sie bleibt bisher wirkungslos.

Im Folgenden gebe ich wieder Thomas Mann das Wort:


Thomas Manns Nachschrift zu seinem Roman Dr. Faustus

Verlag S. Fischer1947

 Als ich zur Niederschrift dieser Erinnerungen, der Biographie Adrian Leverkühns, ansetzte, bestand, von Autors wegen, wie von wegen des Künstlertums ihres Helden, nicht die geringste Aussicht auf ihre öffentliche Bekanntmachung. An diese wäre jetzt, wo das Staatsungeheuer, das damals den Erdteil, und mehr als ihn, in seinen Fangarmen hielt, seine Orgien ausgefeiert hat, wo seine Matadore sich von ihren Ärzten vergiften und dann mit Gasolin übergießen und anzünden lassen, damit rein nichts von ihnen übrigbleibe, – es wäre, sage ich, jetzt an die Publikation meines dienenden Werkes wohl zu denken. Aber Deutschland ist, nach dem Willen jener Bösewichte, so bis in den Grund zerstört, daß man nicht zu hoffen wagt, es möchte zu irgendwelcher kulturellen Aktivität, zur Herstellung eines Buches auch nur, so bald wieder fähig sein, und tatsächlich habe ich dann und wann schon auf Mittel und Wege gesonnen, diese Blätter nach Amerika gelangen zu lassen, damit sie vorerst einmal der dortigen Menschheit in englischer Übersetzung vorgelegt werden. Mir ist, als ob dies dem Sinn meines verewigten Freundes nicht geradezu entgegen wäre. Freilich gesellt sich zu dem Gedanken an das sachliche Befremden, das mein Buch in jener Gesittungssphäre erregen müßte, die sorgende Voraussicht, daß seine Übersetzung ins Englische sich, wenigstens in gewissen, allzu wurzelhalt deutschen Partien, als ein Ding der Unmöglichkeit erweisen würde.

Was ich ferner voraussehe, ist das Gefühl einer gewissen Leere, das mein Teil sein wird, wenn ich nun mit wenigen Worten von dem Lebensausgang des großen Komponisten werde Rechenschaft abgelegt und den Schlußstrich unter mein Manuskript gezogen haben werde. Die Arbeit daran, aufwühlend und zehrend, wie sie war, wird mir fehlen, als laufende Pflichterfüllung hat sie mir beschäftigend über Jahre hinweggeholfen, die in barer Muße weit schwerer noch zu ertragen gewesen wären, und, vergebens vorderhand, sehe ich mich nach einer Tätigkeit um, die sie in Zukunft ersetzen könnte. Es ist wahr: die Gründe, aus denen ich vor elf Jahren aus meinem Lehramt schied, fallen unter den Donnern der Geschichte dahin. Deutschland ist frei, sofern man ein vernichtetes und entmündigtes Land frei nennen kann, und es mag sein, daß meiner Rückkehr in den Schuldienst bald nichts mehr im Wege stehen wird. Monsignore Hinterpförtner hat mich schon gelegentlich darauf hingewiesen. Werde ich wieder einer humanistischen Prima den Kulturgedanken ans Herz legen, in welchem Ehrfurcht vor den Gottheiten der Tiefe mit dem sittlichen Kult olympischer Vernunft und Klarheit zu einer Frömmigkeit verschmilzt? Aber ach, ich fürchte, in dieser wilden Dekade ist ein Geschlecht herangewachsen, das meine Sprache sowenig versteht wie ich die seine, ich fürchte, die Jugend meines Landes ist mir zu fremd geworden, als daß ich ihr Lehrer noch sein könnte, – und mehr: Deutschland selbst, das unselige, ist mir fremd, wildfremd geworden, eben dadurch, daß ich mich, eines grausigen Endes gewiß, von seinen Sünden zurückhielt, mich davor in Einsamkeit barg. Muß ich mich nicht fragen, ob ich recht daran getan habe? Und wiederum: habe ich's eigentlich getan? Ich habe einem schmerzlich bedeutenden Menschen angehangen bis in den Tod und sein Leben geschildert, das nie aufhörte, mir liebende Angst zu machen. Mir ist, als käme diese Treue wohl auf dafür, daß ich mit Entsetzen die Schuld meines Landes floh.

Am 25. August 1940 traf mich hier in Freising die Nachricht von dem Erlöschen der Reste eines Lebens, das meinem eigenen Leben, in Liebe, Spannung, Schrecken und Stolz, seinen wesentlichen Inhalt gegeben hat. Am offenen Grabe auf dem kleinen Friedhof von Oberweiler standen mit mir, außer den Angehörigen, Jeannette Scheurl, Rüdiger Schildknapp, Kunigunde Rosenstiel und Meta Nackedey, dazu eine unkenntlich verschleierte Fremde, die, während die Erdschollen auf den eingebetteten Sarg fielen, wieder verschwunden war.

Deutschland, die Wangen hektisch gerötet, taumelte dazumal auf der Höhe wüster Triumphe, im Begriffe, die Welt zu gewinnen kraft des einen Vertrages, den es zu halten gesonnen war, und den es mit seinem Blute gezeichnet hatte. Heute stürzt es, von Dämonen umschlungen, über einem Auge die Hand und mit dem andern ins Grauen starrend, hinab von Verzweiflung zu Verzweiflung. Wann wird es des Schlundes Grund erreichen? Wann wird aus letzter Hoffnungslosigkeit, ein Wunder, das über den Glauben geht, das Licht der Hoffnung tagen? Ein einsamer Mann faltet seine Hände und spricht: Gott sei euerer armen Seele gnädig, mein Freund, mein Vaterland.

 

 

 



Dienstag, 9. Juni 2026

Gedenktage

 

Gedenktage

 

Es ist keine deutsche Universiät, sondern die berühmteste französische, wo sich vom 22. bis zum 24. Juni Fachleute treffen, um Konzepte der Europapolitik zu diskutieren. Das Datum, das den Anlass gibt, ist jedoch ganz besonders für uns Deutsche bemerkenswert.

Am 22. Juni vor 85 Jahren überfiel das Dritte deutsche Reich die Sowjetunion ohne Vorwarnung und ohne Kriegserklärung. Es war der Fall Barbarossa: die Ausweitung des Konflikts in Europa zum Weltkrieg.

Und 1926, vor nun hundert Jahren, ebenfalls an einem 22. Juni, reiste Thomas Mann als inoffizieller Kulturbotschafter für neun Tage nach Paris. Er warb für Frieden und  Verständigung. 

Zum 100. Erscheinungsjahr von Thomas Manns Buch ›Pariser Rechenschaft‹, aus den damals erworbenen Eindrücken entstanden, treffen sich nun die Forscher. Wieder an der Sorbonne, wieder in Paris, um über damals erwartete Hoffnungen auf Verständigung zu sprechen.

Von Friedensbemühungen spricht bei uns inzwischen nur noch, wer sie ablehnt. Schulterzuckend. Frieden sei jederzeit möglich, aber nur, wenn Russland sich einem deutsch geführten Militärbündnis ergebe. Damit rechnen wenige.

Daher wird im Willy-Brandt-Haus Willy Brandts  Politik der Verständigung als veraltet bezeichnet. Ebenso im Außenministerium, wo das Porträt Bismarcks abgehängt wurde, der von Präventivkriegen nichts hielt.

Dass Thomas Mann vor hundert Jahren Frieden für möglich hielt, dürfte lobende Erwähnung finden. Hingegen sollte, wer jetzt an Frieden denkt, auf Lob nicht hoffen. Unser Kriegsbeginn vor 85 Jahren ist längst umgedeutet: Es sei die Sowjetunion gewesen, die in Zusammenarbeit mit dem Dritten deutschen Reich den Weltkrieg ausgelöst habe.

Zum 85. Jahrestag der Auslösung des Zweiten Weltkrieges werden in knapp zwei Wochen wohl nur die bekannten Friedensaktivisten vor einem erneuten Überfall auf Russland warnen. Er wurde damals als vorsorglich dargestellt. Man wolle einem sowjetischen Überfall zuvorkommen.

Auch die aktuellen Kriegsvorbereitungen werden uns als präventiv vorgestellt, man müsse den russischen Plänen zeitig begegnen. 

 

Michael Molsner

Sonntag, 7. Juni 2026

Kriegsspiele von Zwergen

 

Kriegsspiele von Zwergen 

 

Zwei Staaten, die aus eigener Kraft nicht existieren könnten, bieten sich Großmächten zur Auslösung von Kriegen an. Durch blutige Dienstleistung wollen sie sich immerwährende Hilfe sichern.

Für Israel hat diese Entwicklung bereits Hannah Arendt als zwangsläufig erwiesen. Bald würden die Engländer mit dem Schutz Israels überfordert sein, dann werde Washington übernehmen. Die Folgen für die arabische Welt werde immerwährender Konflikt mit Kriegspotential sein. So ist es gekommen und geblieben.

Auch die Ukraine war noch nie für sich allein überlebensfähig, bekanntlich auch vor dem russischen Eingreifen nicht. Daher hat die Staatsführung in Kiev sich entschlossen, die russisch dominierten Gebiete (Donbas) zu erobern. Die Bewohner wurden um alles gebracht, ihr Eigentum, Haus und Hof, ihre Kultur, ihre Sprache, die Gesundheits- und Altersversorgung, einfach um alles. Viele wurden ermordet.

Sie wandten sich in ihrer äußersten Not hilfesuchend an die russische Staatsführung. Moskau hat sich an die internationale Gemeinschaft gewandt: vergebens.

Denn westliche Staaten sahen eine Möglichkeit, ihre eigenen Probleme zu lösen.

Die ukrainischen Ressourcen versprachen enorme Gewinne, sobald die sprichwörtliche Korruption dort besiegt wäre. Ferner lockte der geostrategische Vorteil durch Schwächung Russlands, dessen Ressourcen sogar noch viel mehr versprachen.

Der Westen unterstützte daher den Raubkrieg der ukrainischen Führung und machte ihn zu ihrem eigenen.

Heute, am 7. Juni 2026, treffen sich in London die europäischen  Kriegsherren und beraten, mit welcher Taktik die Gewinne, die man sich versprochen hatte, nachhaltig gesichert werden können. Bei  Kontrolle der Massenmedien könnte es möglich sein, den Krieg nur unter den gewünschten Bedingungen zu beenden.

Mit Gewinn also.

Inzwischen geht der von Hannah Arendt vorausgesagte Konflikt im Nahen Osten wieder einmal einer Radikalisierung entgegen. Dass er sich zum offenen Krieg ausweitet, hielt gestern abend eine Korrespondentin der ARD für wahrscheinlicher als einen Waffenstillstand.

 

Michael Molsner

Donnerstag, 30. April 2026

Aus meinem Bücherschrank

 

Neu entdeckt

Erich Maria Remarque, Ernest Hemingway

 

„Wozu lebst du eigentlich, sag mal, Baby?“

„Das wollte ich auch schon lange mal wissen.“

Das war das Gefühl nach dem Ersten verlorenen Krieg.

Nur nichts herankommen lassen, sagte Köster. Was man herankommen lässt, will man halten. Und halten kann man nichts -

Otto Köster, ehemals Stoßtruppführer, jetzt Chef einer Tankstelle, wo Robert Lohkamp und Gottfried Lenz arbeiten. Köster und Lenz sind die einzigen Menschen, denen Robert voll vertraut. Köster hat sie beide lebend durch den Krieg gebracht.

Stoßtrupp im Grabenkrieg, drei Kameraden im Unfrieden der Nachkriegsjahre. „Vergessen ist jetzt die Parole, nicht grübeln“, rät Robert einem Verzweifelten. Und fragt den einzigen Menschen, der immer einen Weg wusste. „Spricht eigentlich etwas gegen unser Leben, Otto?“

Er sah mich an und lächelte. „Hat schon ganz was anderes dagegen gesprochen, Robby.“ Remarques Erleben der Nachkriegsjahre in Berlin.

Robert lernt eine Frau kennen: Für die Liebe kann ein Mann nicht leben. Für einen Menschen wohl.

Die Frau erkrankt unheilbar und wird bald sterben. „Wenn man nur wüsste, was dahinter ist. Glaubst du, dass es weitergeht, nachher?“

„Ja“, erwiderte ich. „Es ist so schlecht gemacht, dass es nicht zu Ende sein kann.“

Er sitzt bei ihr, sie hören Radio. „Parlez moi d'amour“.

„Paris, Pat“.

Im Paris der Nachkriegsjahre spielt ein anderes meiner Lieblingsbücher. Auch Hemingway beschreibt eine Gruppe von Männern, denen eine Frau sich anschließt. Der Ich-Erzähler hat von der Front wie seine Berliner Altersgenossen Glaubensverlust, Zielverlust, Liebesverlust mitgebracht. Hemingway wählt für seinen Erzähler Jake Barnes die brutale Metapher der weggeschossenen körperlichen Liebesfähigkeit. Die Frau sucht Befriedigung bei andern, ohne ihre große Liebe, Jake Barnes, aufzugeben. Wir hätten eine so verdammt gute Zeit zusammen  haben können, sagt sie am Ende des Romans zu ihm. „Ja“ sagte ich. „Isn’t it pretty to think so?“ Wär das nicht nett gewesen? Der lakonische Ton hat Schule gemacht. Was hilft alles Klagen. Vorbild sind Stierkämpfer. Dem Unvermeidbaren mit Haltung entgegentreten.

 

Jetzt erst, nach all diesen Jahren, beginne ich zu ahnen, weshalb gerade diese Romane mir so wichtig wurden. Ich war, wie Robert Lohkamp und Jake Barnes, in Nachkriegsjahre geworfen. Das war nach dem Zweiten verlorenen Krieg. Religion, Besitz, Sicherheit weg. Kampf ums bloße Dasein schwierig unter Fremden.

Und jetzt erlebe ich alles noch einmal. Zwei Kriege verloren. Der dritte in Vorbereitung.

Kriegsanleihen an die Ukraine verfallen, weil wir womöglich wieder verlieren. Rentenfonds können enteignet werden, wird uns vorgemacht, wie zur Warnung.

Wir hätten eine so verdammt gute Zeit zusammen haben können. 

„Ja“, sagt Jake. „Isn’t it pretty to think so?“

Dann, plötzlich, ging alles sehr schnell. Robert hält sie fest, bis zuletzt.

 

Michael Molsner