Montag, 20. April 2026

Aktuell?

 

Der dritte Weg

Johannes Gross

 

In Hitler kann man ohne Schwierigkeiten das gewaltige Aufbäumen gegen eine Tendenz der Geschichte erkennen, die nach dem Krieg (von 1914-1918) den Europäern historisch notwendig dünkte. Der Diktator wollte ein auf Europa gegründetes, vom deutschen Nationalismus vitalisiertes Imperium gründen, als die dritte Möglichkeit zwischen Ost und West, was auch seinem Zweifrontenkrieg gegen Amerika und Rußland, der realpolitisch so unsinnig und gegen die Tradition des Bismarck-Reiches war, doch eine historische Plausibilität gibt...

Quelle: Unsere letzten Jahre, Fragmente aus Deutschland, DVA 1980

 

Und falls jemand darüber schon erschrickt, Gross erinnert an noch etwas. Das Bürgertum war in Deutschland nie eine führende Klasse. Alle führenden Klassen wollen ihre Macht sichern – sowohl gegen bisherige Machthaber wie gegen nachdrängende. Führende bauen daher alle gesellschaftlich bedeutenden Einflussbereiche um. Philosophie, Pädagogik, selbst Forschung müssen sich ihren neuen Bedürfnissen anpassen – und die kulturellen Institutionen!

Das Bürgertum schafft sich seine besondere, neue Ideologie. Das geschah anderswo, In Deutschland wurde eine bürgerliche Demokratie geschaffen, die „Weimarer Republik“, deren Führung zunächst der Arbeitervertretung überlassen war. Während all der kurzen Jahre der Republik blieb es Arbeitervertretern vorbehalten, bürgerliche Rechte durchzusetzen.

In wechselnden Koalitionen wurde die SPD im Stich gelassen bis zur bitteren  Stunde, als im deutschen Reichstag über das Ermächtigungsgesetz abgestimmt wurde: Es war ein Abgeordneter der SPD, der dagegen stimmte. Die Vertreter bürgerlicher Parteien wagten es nicht mehr, die Diktatur zu verhindern.

Intellektuelle profitierten, solange die Republik existierte, von den bürgerlichen Freiheiten. Dennoch bekämpften sie die Republik und hassten ihre politischen Repräsentanten. Bis zuletzt, bis ins Exil, das sie selbst mit heraufbeschworen hatten. Jeder weiß heute, wer die Republik bekämpfte und wer sie unterstützt hat.

Noch einmal Gross: Es gibt bei uns kein Bürgertum mehr, bürgerliche Werte haben wir von den Siegermächten des Zweiten Weltkrieges übernommen. Deutschbürgerlichkeit sei auch in seinen größten Leistungen museal, man nähert sich ihnen, wie es Archäologen mit fern versunkenen Kulturen machen, man gräbt sie achtungsvoll aus, ohne irgendeine Zukunft darauf zu gründen.

Wie sieht denn also unsere Zukunft aus? Für Gross geht es in dem Jahrzehnt 1970-1980, in dem er schreibt, noch einmal um die deutsche Einheit, wie hundert Jahre zuvor. Um Wettbewerbsfähigkeit geht es. Nur eine starke Wirtschaft und Währung erlaubt selbstgewisse Außenpolitik.

Siehe Absatz eins meiner Zusammenfassung.

 

Michael Molsner