Freitag, 23. Oktober 2026

Zufall?

 

Ich glaube nicht an Zufälle. Aber seltsam ist es schon, dass die Erinnerungen von Marcel Reich-Raniczki seit Jahren in meinem Regal stehen, ohne dass ich sie von Anfang an gelesen hätte. Es ist ein dickes Buch, und ich habe im Index bisher die Stellen gesucht, die sich mit Thomas Mann und Kurt Tucholsky beschäftigten. Was ich da erfahren habe, war mir zunächst genug. Nur, dass ich mit einem etwas resignierten Grienen daran dachte, dass ich mich mal brieflich mitMRR gezankt hatte. Ich beschwerte mich darüber, dass er – meiner Meinung nach – so getan habe, als sei Erika Mann diejenige gewesen, die Thomas Manns Stellungnahme gegen die Nazis veranlasst habe. MRR schrieb gereizt zurück, noch nie habe ihm jemand vorgeworfen, Thomas Manns Einfuss auf seine Umgebung unterschätzt zu haben.
Nun plötzlich wird bei uns ein Film beworben, der Thomas Manns Reise nach dem Krieg in die beiden Deutschland verfälscht: Erika habe ihn begleitet. Das stimmt nicht.
Ich nahm MRR's Buch noch einmal vor. Und las nun von Anfang an, da ich wohl ein schlechtes Gewissen hatte und meinte, ich hätte ihn damals missverstanden. Was vermutlich der Fall war.
Und auf einmal geht mir unerwartet ein sehr aktueller Aspekt auf. Die furchtbaren Erniedrigungen und ständigen Demütigungen, die den Juden zugefügt wurden, sollten ihren Stolz, ihr Selbstbewusstsein brechen. Sie sollten dahin kommen, dass sie – ausgehungert und von Seuchen geschwächt – keiner Gegenwehr mehr fähig waren, als die Vernichtung begann.
Es war dann so, dass die Anweisungen, sich zum Transport anzustellen, befolgt wurden. Kilometerlange Kolonnen setzten sich Richtung Güterzug nach Osten in Bewegung. Die Bewacher mussten nicht schießen. Schlagen und spotten reichte. Niemand wagte den Ausbruch. Wer die Kolonne verließ oder nicht ertrug und zusammenbrach, wurde erschossen.
Kurt Tucholskys wuterfüllte Hassrede gegen jüdische Feigheit gewinnt eine finstere, neue Bedeutung für mich. Ja, er hatte recht! Die Juden hätten sofort, schon nach den ersten demütigenden Bestimmungen, Deutschland verlassen müssen. Der berühmt-berüchtigte Brief an Arnold Zweig
nimmt für mich eine neue Bedeutung an, seit ich MRRs Erinnerungen ans Warschauer Ghetto gelesen – mich ihnen gestellt habe.
Soweit dieses. Scheint nur mich anzugehen. Aber – Zufall? - in der New York Times lese ich an allerprominentester Stelle: With help from the United States and Western Europe, Ukraine has a chance to turn Mr. Putin’s war into a humiliating stalemate or defeat.
Darum geht es den Kriegswilligen. Russland durch Demütigung sturmreif schießen. Sie sagen es ganz offen und nehmen an, dass niemand in Moskau es verkennt. Den Russen soll Angst gemacht werden - der Schrecken soll den Kreml-Leuten so in die Knochen fahren, das die morschen Knochen zittern. Für uns wär's ein großer Sieg. Merk es, oh Seele.
Lest selbst:
Die New York Times am 20.10.2026
With help from the United States and Western Europe, Ukraine has a chance to turn Mr. Putin’s war into a humiliating stalemate or defeat.
Darum geht es den Kriegswilligen. Russland durch Demütigung sturmreif schießen. Sie sagen es ganz offen und nehmen an, dass niemand in Moskau es verkennt. Den Russen soll Angst gemacht werden - der Schrecken soll den Kreml-Leuten so in die Knochen fahren, das die morschen Knochen zittern. Für uns wär's ein großer Sieg. Merk es, oh Seele.
Beitrag des Editorial Board

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