Samstag, 26. August 2023

Leben und sterben lassen

Man kennt das von wenig entwickelten Ländern, vor allem den früheren Kolonien. Präsidenten ließen sich von entwickelten Ländern kaufen. Ihre Nachfolger sprachen von Korruption. Der frühere Präsident wurde angeklagt, eingesperrt, ermordet schon mal. In den entwickelten Ländern hingegen wurde die Beute aus den Kolonien meist auf legalem Wege neu verteilt. Gekaufte Medien machten es plausibel. Jetzt haben die Beutezüge und gegenseitigen Beschuldigungen wieder einmal die USA erreicht. Es ist nicht das erstemal. Es gibt sogar eine Redewendung dafür: "home to the roost". Die begangenen Verbrechen kehren an die Stelle zurück, wo sie geplant worden sind. Wehe denen, die solchen Vorgang aufdecken. John F. Kennedy, Robert Kennedy, Martin Luther King... Und das sind nur die bekanntesten. Abraham Lincoln... Vernichtung ist die Quittung gewesen, ihr wisst wofür. Den Tätern geht es um viel. Um Lizenzen zur Ausbeutung. Eines der übelsten Beispiele ist der Kongo. Das Land verfügt über Rohstoffe, die so begehrt sind, dass die Menschedn dort zu den wohlhabendsten der Erde gehören müssten. Doch es ist eines der ämsten Länder. Alles wurde von den Kolonialherren gestohlen. Die Abeitskräfte wurden so brutal ausgenutzt, dass Joeph Conrad vom Herzen der Finsternis sprach. Ich kann den Text nicht zusammenhängend lesen, mein Herz tut zu weh dabei. Manch einer ist cooler getaktet. Solange er lebt. Mugshot of former U.S. President Donald Trump released The Fulton County Sheriff's Office released a mugshot of former U.S. President Donald Trump following his arrest on Thursday. He faces racketeering and conspiracy charges.The photo was taken during Trump's booking process earlier on Thursday.

Mittwoch, 16. August 2023

Von Zeit zu Zeit

Imperialien. „The world is nearly all parcelled out, and what there is left of it is being divided up, conquered and colonised. To think of these stars that you see overhead at night, these vast worlds which we can never reach. I would annex the planets if I could; I often think of that. It makes me sad to see them so clear and yet so far.“ Erwürde die Sterne annektieren, wenn er sie erreichen könnte. Das ist eine Äußerung von Cecil John Rhodes, 1853-1902, (nach ihm ist Rhodesien benannt worden, inzwischen Zimbabwe und Zambia). Historiker und Politiker, auch Lenin, haben die Definition des Begriffs „Imperialismus“ auf ihn zurückgeführt. Lenin fand insbesondere die Begründung der Intention überzeugend: „In order to save the forty million inhabitants of the United Kingdom from a bloody civil war, our colonial statesmen must acquire new lands for settling the surplus population of this country, to provide new markets. ... The Empire, as I have always said, is a bread and butter question.“ Um den vierzig Millionen Briten einen blutigen Bürgerkrieg zu ersparen, müssten weite Bereiche für die Besiedlung und als Märkte erschlossen werden. Soweit Rhodes. Hannah Arendt in ihrem Buch über die „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ teilt mit, dass Rhodes den „scramble for africa“, den Wettkampf um afrikanische Kolonien, wenn nicht ausgelöst, so doch popularisiert habe. Es ist für die deutsche Philosophin die eigentliche, freilich zunächst verborgene oder verschleierte, Ursache für die Aufhäufung von Kapital in allen entwickelten Ländern gewesen. Kapital, das profitabel angelegt sein wollte, also Profitmöglichkeiten suchte, und diesen schnöden materiellen Ehrgeiz hinter dem Ideal einer Erziehung des Menschengeschlechts verbarg. Man musste die hohen kulturellen Werte, die man selbst erreicht hatte, um die Welt tragen, um sie mit denen zu teilen, die so weit noch nicht gekommen waren! Um diese Konzeption politisch durchzusetzen, bedurfte es der Erfindung des Rassismus, macht Hannah Arendt plausibel. Rassen seien bis dahin ein Begriff aus der Biologie gewesen; nun wurde er politisiert. Es gab neben den hochentwickelten die niederen Rassen. Wieder Rhodes: „I contend that we are the first race in the world, and that the more of the world we inhabit the better ist is for the human race...“ Die überlegene Rasse waren wir und je mehr von der Welt wir bewohnten, desto besser für die Menschheit. Man suchte Profit – Anlagemöglichkeiten für Kapital – und verkaufte diese Suche als den Export von Werten. Als christlicher Humanismus konnte das auch die Kirchen überzeugen. Missionare wurden ausgesandt. Es gibt eine berühmte und oft verfilmte Erzählung von W. Somerset Maugham über die Problematik solcher Missionierung: „Rain“ im Original, (die deutschen Übersetzungen sind unterschiedlich betitelt). Maugham hat auch Romane geschrieben, die das Thema aufgreifen, der wohl berühmteste: „Cakes and Ale“. Die Heuchelei wurde selbstverständlich durchschaut, der Propagandaschleier zerrissen. Von der Linken war das als Selbstverständlichkeit zu erwarten. Aber auch die Rechte nutzte die Technik der Entlarvung. Der Antisemitismus konnte als neue, unerwartete und auch hochinteressante, insofern unterhaltende Erneuerung und willkommene Belebung von Debatten angeboten werden. Dieser Aspekt wird von großen Schriftstellern dargestellt. Marcel Proust: „Die Suche nach der verlorenen Zeit“, „Sodom und Gomorrha“ und „Die Welt der Guermantes“; und Thomas Mann. „Ich überlasse euch zur Plünderung – die Welt!“, heißt es in seiner Erzählung „Beim Propheten“; „Mario und der Zauberer“ berichtet von der hypnotischen und zerstörerischen Wirkung des Narrativs. Geradezu hellseherisch wirkte auf mich immer die Erzählung von einem religiös verwirrten Mann, der sich als Schwert Gottes, „Gladius Dei“, begreift. Doch zurück zum Wunschtraum des Erzimperialisten Rhodes. Er sei ganz traurig, gestand er, wenn er an diese Sterne denke, die man des Nachts hoch oben sieht, diese weiten Welten, die wir niemals erreichen. Ich würde die Sterne annektieren, wenn ich könnte; daran denke ich oft. Es macht mich traurig, sie so so klar zu sehen und doch so entfernt zu wissen.“ Uns sind die Sterne näher. Ihre Kolonisierung ist geplant. Der „scramble for africa“ hat sich zum „scramble for space“ entwickelt. Aus dem Krieg von Großmächten gegen einander bahnt sich ein Krieg von Großimperien gegen einander an. Damals genügte ein Attentat, wie es in Randstaaten öfters vorkam, um den Ersten Weltkrieg zu entzünden.

Sonntag, 13. August 2023

Standpunkt

Ich suche meine Position im Meinungsstreit. Meinen Standpunkt. Zeit der Schurken, englisch scoundrel time hat die uns Krimi-Autoren wohlbekannte und von uns hochgeehrte US-amerikanische Autorin Lillian Hellman ihre Erinnerungen an das Jahr 1952 betitelt. Erschienen ist das Büchlein, nur 150 Seiten in meiner TB-Ausgabe, im März 1956. Ein schmerzlicher Rückblick in Zorn und Sorge. Vor Senator Joseph McCarthys Ausschuss zur Untersuchung Unamerikanischer Umtriebe (dem Un-American Activities Committee) war sie zwar bereit, sich für ihre eigene Vergangenheit als linksorientierte Aktivistin zu rechtfertigen, verweigerte aber die Beschuldigung anderer. Sie hat teuer bezahlt. Viele Jahre wurde sie auf schwarzen Listen geführt (war blacklisted), musste ihr Zuhause verkaufen und zusehen, wie andere die Karriere retteten, indem sie ihre Freunde verrieten. Ihr Resumé: Ich habe mich nur teilweise von dem Schock erholt... Ich hatte an Intellektuelle geglaubt, ob es meine Lehrer waren oder meine Freunde oder Fremde, deren Bücher ich gelesen hatte. Und dann der Satz, der mich bewogen hat, hier daran zu erinnern: In jedem zivilisierten Land sind Menschen immer für diejenigen eingetreten, die in politischen Schwierigkeiten waren. (In every civilized country people have always come forward to defend those in political trouble.) Während der Zeit der Schurken war eben dies in den USA strafbar – Hellmans Lebensgefährte Dashiell Hammett ging dafür ins Gefängnis, seine zuvor viel gelobten Kriminalromane wurden verhöhnt, seine Reputation zerstört, sein Vermögen entzogen. Da es jetzt bei uns in Deutschland wieder mainstream ist, Gesinnungen zu verfolgen, füge ich hinzu, dass McCarthy es sogar wagte, General George Marshall als nützlichen Idioten der Kommunisten zu verunglimpfen (as a dupe of the communists). Von Dwight D. Eisenhower verlangte er eine unmissverständliche Distanzierung von dessen langjährigem und für den Sieg in Europa bedeutenden Vorgesetzten. Falls er es nicht tue, werde man ihn bei seiner Rede zur Bewerbung für die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner ausbuhen. Eisenhower weigerte sich höchst ärgerlich mit den Worten: „Ich bin oft für meine Aktionen kritisiert worden und nehme es gern in Kauf, wenn es darum geht, meine Vorstellung von Gerechtigkeit zu vertreten. (...that I had no concern whatsoever about booing, that I had often been criticized for my actions, and would gladly be booed for standing for my own conceptions of justice). Mandate for Change, Heinemann London 1963, S. 318. Während seiner Präsidentschaft hatte Eisenhower Gelegenheit, die Gefahren der später als „Hexenjagd“ bezeichneten Kommunistenhatz kennenzulernen. Er beendete sie, als der offenbar irre gewordene Senator die Armeebibliotheken säubern wollte und die Entfernung linkslastiger Bücher forderte, sie gar beschlagnahmen ließ. Das war zuviel. Cancel culture nennt man es heute. Zensurmaßnahmen sind üblich und treffen kaum noch auf Widerstand. Gesinnungsbeschimpfung wird von Politikern und Medien öffentlich gefordert. Wer sich dem Trend verweigert, werde mitschuldig am Abbau von Demokratie und Rechtsstaat. Eisenhower hingegen äußerte sich empört über unamerikanische Methoden, damit bekämpfe man unamerikanische Tendenzen nicht, sondern verstärke sie. Doch die Oberbefehlshaber von Armeen, die Hitler besiegten – wer sind sie schon, ein George Marshal, ein Dwight D. Eisenhower, was haben sie schon geleistet, den westeuropäischen Krieg gegen Hitler gewonnen, uns alle vor der Nazi-Herrschaft bewahrt, na und? Weshalb sollten wir ihre Warnungen vor der Gefährdung der Inneren Sicherheit beachten, wie das entsprechende Kapitel in Eisenhowers zitiertem Werk benannt ist (THE INNER SECURITY). Wir Deutschen haben unsere eigenen Erfahrungen mit innerstaatlicher Sicherheit. Die Nazis zu besiegen haben wir zwar nicht geschafft, als es darauf angekommen wäre. Dafür besiegen wir sie nachträglich. Was für ein „geiles Land“ wir geworden sind! Narrative fressen Fakten. Die einen sagen so und die anderen so. Alles eine Frage des Standpunktes!

Mittwoch, 9. August 2023

Armageddon?

Paulus 1. Brief an die Korinther, Abschnitt 13: Ich zeige euch jetzt noch einen anderen Weg, einen, der alles übersteigt 1 Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. 2 Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. 3 Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und meinen Leib dahingäbe, mich zu rühmen, und hätte der Liebe nicht, so wäre mir's nichts nütze. 4 Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, 5 sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbitten, sie rechnet das Böse nicht zu, 6 sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; 7 sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. 8 Die Liebe höret nimmer auf, wo doch das prophetische Reden aufhören wird und das Zungenreden aufhören wird und die Erkenntnis aufhören wird. 9 Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. 10 Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. 11 Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. 12 Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin. Die Entscheidungsschlacht zwischen Gott und seinen Gegnern steht bevor, wenn der Euphrat austrocknet. Angesichts der aktuellen Ereignisse würde ich den Wasserstand dort schon mal abfragen. Ich selbst glaube übrigens nicht, dass unser Weltkrieg gegen Gott überhaupt und unser nicht ganz so anspruchsvoller, doch immerhin noch sehr ehrgeiziger Vernichtungskrieg gegen die christlich-humanistische Prägung erfolgreich sein wird. Das haben schon andere versucht und scheitern seit zweitausend Jahren plus. Bin daher guten Mutes!

Montag, 7. August 2023

And the world stood still

„Dieser Abend und dieser Morgen sind die Bestätigung eines ganzen Lebens. Eine im Grunde nie erwartete Bestätigung. Als der Kellner Deinen Namen sagte..., war es als stünde plötzlich die Zeit stille. Da kam mir blitzartig zu Bewußtsein..., dass mich der Zwang des Impulses (trotz aller Vorbehalte hierher zu kommen), nachdem (Hugo) Friedrich mir die Adresse (dieses Hotels) gegeben hatte, gnädig bewahrt hat, die einzig wirklich unverzeihliche Untreue zu begehen und mein Leben zu verwirken.“ Das schreibt die vierundvierzigjährige Hannah Arendt im Februar 1950 an den einundsechzigjährigen Martin Heidegger. Sie hatte lange mit sich gerungen, ob sie ihren einstigen Geliebten und Lehrer aufsuchen solle. Nun traten sie sich im Foyer eines Freiburger Hotels gegenüber, aus gegensätzlichen Welten kommend. Und inmitten eines von Bitterkeit durchzogenen Gesprächs über vergangene Zeiten flammten alte Gefühle wieder auf. Eine jüdische Intellektuelle liebt einen Philosophen, der mit den Nationalsozialisten sympathisiert hatte? Ein Stoff, der zur Polemik reizt, der Romanschriftsteller und Theaterautoren bis heute anregt. Eine Geschichte, die der Nachwelt Rätsel aufgibt... Im Herbst 1924 war die junge Königsbergerin Hannah Arendt mit einer Gruppe gleichgesinnter Freunde nach Marburg an der Lahn gekommen. Sie war dem Gerücht gefolgt, dass man an der dortigen Universität bei einem jungen Philosophen das Denken lernen könne. Heidegger galt zu dieser Zeit als Rebell unter den Philosophen. Er wollte, zusammen mit seinem Freund Karl Jaspers, die Philosophie und die Universität von Grund auf erneuern. Der junge Hochschullehrer verliebte sich in die bildschöne intelligente Studentin. Man schreibt das Jahr 1925.

Freitag, 4. August 2023

Konzertierte Aktion

Jemand muss Angst bekommen haben. Eine Konzertierte Aktion in allen mir zugänglichen Medien warnt mich davor, Donald Trump zu wählen, den ich nicht wählen darf. Oder Marine LePen, die ich ebenfalls nicht wählen darf. Oder die AfD, die ich wählen darf, aber nicht wählen soll. Oder anderen Medien zu vertrauen als denen, die von unserer Regierung als vertrauenswürdig bezeichnet werden. Alle alternativen Medien sind ohnehin schon unzugänglich gemacht, wie Russia Today International, oder als Staatspropaganda in generellen Zweifel gezogen, wie China Global Television Network. Das alles soll mein Vertrauen in die "freien" Medien zur Unerschütterlichkeit steigern. Als frei werden diejenigen elektronischen und gedruckten Medien bezeichnet, deren wichtigste von US-Investmentkraken wie Blackrock kontrolliert sind. Zutiefst zu misstrauen sei einigen von uns nicht gebilligten Staatschefs, die Liste wird angeführt vom Präsidenten der Russischen Föderation. Er unterdrücke - im Gegensatz zu uns - jegliche Opposition. Sein angeblich gefährlichster Opponent innerhalb Russlands wird wieder ausgepackt, Navalnij. Ihm zu vertrauen sei Ehrenpflicht, wird uns nahegelegt. Zeitgleich werden die katholische Kirche, alle christlichen Kirchen, die Religionen insgesamt, und bestimmte Personen innerhalb dieser Kirchen als völlig unglaubwürdig dargestellt. Gott sei tot. Dass auch Gerhard Schröder wieder als Hassobjekt aktualisiert wird, ist zu erwarten. Andere dürfen gerne aufaddiert werden. Hass ist die gängige Botschaft. Auch was wir lieben sollen, steht täglich in jeder Nachricht. Deutsche Waffen. Waffen aus USA. Die ukrainischen Angriffe auf Russland. Die militärische Strategie zur Gewinnung globaler Hegemonie. Es ist exakt die gleiche Strategie wie diejenige der Wehrmacht. War ja auch zunächst sehr erfolgreich.

Dienstag, 1. August 2023

Wortwörtlich

Cancel culture Die wörtliche Übersetzung bedeutet, dass eine Kultur entwertet oder ausgelöscht wird. Dass niemand bei uns das so verstanden wissen will, weiß ich auch. Sehen wir uns aber an, wie der ukrainische Ministerpräsident gegen die russische Kultur vorgeht, so scheint die wortwörtliche Übersetzung nicht fehlzuleiten. Verbot der russischen Sprache, wo sie bisher gesprochen wurde. Verbot der berühmten russischen Literatur. Verbot der russischen Musik. Strafverfolgung jeglicher Person, die sich zu Sympathien für Russland bekennt. All das finden wir im Westen hinnehmbar. Vergessen haben wir, dass die Entseelung ganzer Völker zu Hitlers Programm gehört hat und die physische Vernichtung erst möglich machte. Wer keine Seele mehr hat, ist nur noch Kadaver. Das ist die Voraussetzung für geforderten Kadavergehorsam. Dieser soll nun aufgezwungen werden – wem aber, nur den Russen?? Mir will scheinen, die Attacke gilt auch uns. Wörtlich übersetzt ist cancellation eine Entwertung. Zunächst wird bei uns beinahe Tag für Tag die römische Kirche angegriffen. Jeder kennt das Hauptargument: sexual abuse. Ich habe mir die englischsprachige Originalausgabe von Graham Greenes „The Power and the Glory“ besorgt, liegt vor mir auf dem Schreibtisch. Im Vorwort von John Updike lese ich, Graham Greene habe seit 1936 nach Mexiko reisen wollen, um über die wüsteste (fiercest) Verfolgung der Religion seit Elizabeth der Ersten zu schreiben. Die berühmte Protestantin verfolgte die Katholiken, wie es jetzt auch alle unsere Medien tun. In seinem Roman schildert Greene nun, dass völlig verelendete Menschen nicht danach fragen, ob ein Priester ein guter Mensch ist. Sie wollen, dass er ihnen, wenn sie im Sterben liegen, Gott zwischen die Lippen schiebt. In Form der geweihten Oblate. Will sagen, sie unterscheiden zwischen Person und Auftrag. Die Person mag so schwach sein wie wir alle und sogar noch schwächer, die Weihe bedeutet, dass diese Person Brot und Wein in die Gegenwart Gottes verwandeln kann. Vor dieser Präsenz in die Knie zu sinken erhebt noch den Elendesten über sein schlechtes Dasein und erinnert ihn daran, als menschliches Wesen das Ebenbild einer Übermenschlichkeit zu sein. Unabhängig von Greenes Erfahrung in Mexiko fällt mir dazu ein, dass Christenverfolgungen zwar öfters in Gang gesetzt wurden, aber selten zum gewünschten Erfolg geführt haben. Ob unsere aktuellen Entwerter von Kultur mehr Erfolg haben, halte ich für möglich, aber unwahrscheinlich.