Gedenktage
Es ist keine deutsche Universiät, sondern die berühmteste französische, wo sich vom 22. bis zum 24. Juni Fachleute treffen, um Konzepte der Europapolitik zu diskutieren. Das Datum, das den Anlass gibt, ist jedoch ganz besonders für uns Deutsche bemerkenswert.
Am 22. Juni vor 85 Jahren überfiel das Dritte deutsche Reich die Sowjetunion ohne Vorwarnung und ohne Kriegserklärung. Es war der Fall Barbarossa: die Ausweitung des Konflikts in Europa zum Weltkrieg.
Und 1926, vor nun hundert Jahren, ebenfalls an einem 22. Juni, reiste Thomas Mann als inoffizieller Kulturbotschafter für neun Tage nach Paris. Er warb für Frieden und Verständigung.
Zum 100. Erscheinungsjahr von Thomas Manns Buch ›Pariser Rechenschaft‹, aus den damals erworbenen Eindrücken entstanden, treffen sich nun die Forscher. Wieder an der Sorbonne, wieder in Paris, um über damals erwartete Hoffnungen auf Verständigung zu sprechen.
Von Friedensbemühungen spricht bei uns inzwischen nur noch, wer sie ablehnt. Schulterzuckend. Frieden sei jederzeit möglich, aber nur, wenn Russland sich einem deutsch geführten Militärbündnis ergebe. Damit rechnen wenige.
Daher wird im Willy-Brandt-Haus Willy Brandts Politik der Verständigung als veraltet bezeichnet. Ebenso im Außenministerium, wo das Porträt Bismarcks abgehängt wurde, der von Präventivkriegen nichts hielt.
Dass Thomas Mann vor hundert Jahren Frieden für möglich hielt, dürfte lobende Erwähnung finden. Hingegen sollte, wer jetzt an Frieden denkt, auf Lob nicht hoffen. Unser Kriegsbeginn vor 85 Jahren ist längst umgedeutet: Es sei die Sowjetunion gewesen, die in Zusammenarbeit mit dem Dritten deutschen Reich den Weltkrieg ausgelöst habe.
Zum 85. Jahrestag der Auslösung des Zweiten Weltkrieges werden in knapp zwei Wochen wohl nur die bekannten Friedensaktivisten vor einem erneuten Überfall auf Russland warnen. Er wurde damals als vorsorglich dargestellt. Man wolle einem sowjetischen Überfall zuvorkommen.
Auch die aktuellen Kriegsvorbereitungen werden uns als präventiv vorgestellt, man müsse den russischen Plänen zeitig begegnen.
Michael Molsner
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