Atheist aus moralischen Gründen
Stanislav Lem gegen Thomas Manns „Dr. Faustus“
Stanisław Lem kam als Sohn einer polnisch-jüdischen Arztfamilie auf die Welt.
Sein Vater Samuel Lem war Hals-Nasen-Ohren-Arzt; der Satiriker Marian Hemar war
sein Cousin.[2]
Lem hatte eine behütete Kindheit. Er studierte von 1940 bis zur Besetzung Lembergs durch deutsche Truppen 1941 Medizin an der Universität Lemberg. Durch den Zweiten Weltkrieg wurden seine Studien unterbrochen. Lem konnte mit gefälschten Papieren auf den Namen Jan Donabidowicz seine jüdische Herkunft verschleiern und gab sich als Armenier aus;[3] der Großteil seiner Familie kam im Holocaust ums Leben.[4][5] Er sagte dazu einmal: „Ich hab Hitler gebraucht, um draufzukommen, dass ich jüdisch bin.“
Während der deutschen Besatzung arbeitete er als Hilfsmechaniker und Schweißer für das deutsche Unternehmen Rohstofferfassung, das Altmaterial aufarbeitete. Er half dem polnischen Widerstand (Armia Krajowa), indem er heimlich Munition und Sprengstoff aus den Depots entwendete und weitergab.[4][5] Auch sabotierte er eigenen Angaben zufolge zu reparierende Fahrzeuge der SS.[3] Zudem wurde er 1941 im Zuge der NKWD-Massaker und der darauffolgenden Pogrome unter Zwang zur Bergung von Leichen im Lemberger Gefängnis Brygidki herangezogen. Die direkte Konfrontation mit diesen Gewalttaten hinterließ ein Trauma, das sein späteres Werk und seinen anthropologischen Pessimismus tiefgreifend prägte.[4] Lem lehnte in der Folge die Existenz eines gütigen Gottes ab und bezeichnete sich als Atheisten aus moralischen Gründen: Das Theodizee-Problem – die allgegenwärtige Existenz von blindem Leid, grausamer Evolution und die Erfahrungen des Holocausts – machte für den großen Polen den Glauben an einen wohlwollenden Schöpfer unmöglich. Als gegen Ende des Krieges Polen durch die Rote Armee von den Nazis befreit wurde und das Land zum Einflussbereich der Sowjetunion gehörte, setzte er sein medizinisches Studium in Lemberg fort. 1945 musste er, nachdem seine Heimatstadt an die Sowjetunion gefallen war, nach Krakau ziehen.
Quelle: wikipedia
Lem akzeptiert nur wissenschaftlich belegbare Wahrheiten. Mythen, sagt er, sind eine vorwissenschaftliche Art, in das Durcheinander zufälliger Erscheinungen Ordnung zu bringen. Das leisten sie und wirken insofern beruhigend: Nur glaubt man zu wissen, Gott oder Götter sind die Verursacher von Glück und Leid, oder das Schicksal. Es ist jedoch leider eine falsche Ordnung, sie führt nicht dazu, wissenschaftliche Forschung zu unterstützen. Nur diese führt zu sinnvollen Ergebnissen.
Lems Gedankengänge haben mich auf den Unterschied zwischen meinem „Ich“ und dem „Wir“, in dem ich lebe, nachdrücklich aufmerksam gemacht. Meine westeuropäische Heimat bereitet nach drei verlorenen Eroberungskriegen gegen Russland einen weiteren Eroberungskrieg vor. Das überzeugt mich davon, dass unser Erleben erklärbar ist. Der Holocaust war von Menschen verursacht. Die Morde von Katyn ebenfalls. Es gab jeweils Gründe und gibt sie wieder. Ich versuche, sie zu begreifen und darzustellen.
Zugleich erfahre ich von furchtbarem Leid, das von Unschuldigen erlitten wird. Die Kinder in Gaza können nichts dafür, dass sie verhungern müssen. Menschen sind die Verursacher! Und wenn mein „Wir“ jetzt neues Leid verursacht - dann darf ich wohl sagen: Auch ich kann nichts dafür.
Glauben die Leidgeprüften an keinen gütigen Gott mehr, ich verstehe es.
Mag ja sein, dass die Entstehung von Welt und Evolution nur ein seltsames Zusammentreffen von Zufalls-Vorfällen ist, wie Lem meint. Aber es könne sein, gibt Thomas Mann zu bedenken, dass wer auch immer, Gott, Götter, Kosmos, ein Experiment mit uns wagt und auf uns setzt. Und die Menschheit wäre gut beraten, den Versuch nicht in neue Massengräber zu versenken.
P.S. Stanislav Lems kluge – ablehnende – Analyse, den Mythos vom Dr. Faustus als ordnenden Faktor der Entstehung des Faschismus einzusetzen, hat mich zur Begegnung mit dem großen polnischen Kollegen geführt.
Michael Molsner
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