Mittwoch, 4. Februar 2026

Nachtgebet

 

Nachtgebet


Ich erinnere mich, wie furchtbar es für meine Familie war, im eiskalten Winter 1944/45 kein warmes Zuhause mehr zu haben. Da waren wir auf der Flucht von Ostpreußen nach Westen. Überfülltes Eisenbahnabteil, Schwester auf Bahnsteig verloren, in der unüberschaubaren Menge verschwunden, Zug ab – wo war Barbara? Unser Beschützer, mein „Opa“, zum Volkssturm eingezogen und irgendwo an einer Front. Da stand es schon schlecht um unseren Krieg, doch verloren war er noch längst nicht. Wir durften ihn nicht verloren geben.

Wer es doch tat und ertappt wurde, hing mit Pappschildern der SS an der Brust von kahlen Bäumen.

Oh ja, ich kann sehr gut nachempfinden, wie den Ukrainern jetzt zumute ist. Wehren können sie sich nicht. Wer es doch tut, wird von Sicherheitsleuten brutal misshandelt und als Kanonenfutter zur Front geschafft. Wer zu krank oder zu schwach ist, um zu kämpfen, wird sofort erschossen.

So stand es im Bericht einer Ukrainerin, die nicht fassen konnte, dass wir im Westen nur Berichte von kriegsbegeisterten ukrainischen Vaterlandsverteidigern drucken. Dass wir ohne Protest hinnehmen, es sei ein Verteidigungskrieg gegen „die Barbaren im Osten“. Exakt das hatte bereits der Reichssender Berlin zu seiner zentralen Botschaft gemacht und damit den Überfall auf die Sowjetunion im Herbst 1941 begründet. Die Botschaft wurde beibehalten bis zur bedingungslosen Kapitulation im Mai 1945. Ein Textbaustein. Er wird in jede Nachricht eingefügt, die wir erhalten – während Gutwillige bei uns schon gehofft hatten, er sei endlich begraben. Nein, war er nicht.

Arme Ukrainer! Ich schließe sie täglich in mein Nachtgebet ein. Sonst kann ich nichts für sie tun. Wer Frieden will, wird als rechtsextrem beobachtet. Kann verboten werden. Aber erst nach den Landtagswahlen.

Da war der Reichssender Berlin ehrlicher. Wollt ihr den totalen Krieg?, ist gefragt worden. Uns fragt kein Mensch.

Michael Molsner

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