Dienstag, 1. Mai 2018

Ich will heim


„In my younger and more vulnerable days“, um den ersten Satz eines berühmten Romans zu zitieren, habe ich einen Teil unserer Presse als frei empfunden. Es gab Medien, die wider den Stachel löckten: dagegen, dass Arno Schmidt wegen Gotteslästerung angeklagt und Hildegard Knef als Sünderin verunglimpft wurde, um Beispiele zu nennen. Es war ein Kulturkampf gegen Spießbürgerei, der da ausgetragen wurde. Teils sehr heftig. Ich fühlte mich mit Zeitungen wie der Frankfurter Rundschau und der Zeit solidarisch und bei der richtigen Truppe, sowohl passiv als Leser wie aktiv als Journalist. In beiden Blättern konnte ich mich informieren und selbst publizieren.
Später habe ich festgestellt, dass es Kulturkämpfe gegen Spießbürgerei schon lange vor meiner Zeit gegeben hatte. Mit unglaublicher Courage hatte Franziska von Reventlow in der Kaiserzeit den Roman einer weiblichen Pubertät zu veröffentlichen gewagt, Ellen Olestjerne. Es war die Entdeckung der Authentizität in der deutschen Literatur – wir Achtundsechziger haben sie wiederentdeckt im vielgeschmähten Materialismus des 19. Jahrhunderts. Was uns als Begründung für den Krieg in Vietnam angeboten wurde, genügte uns nicht, wir diskutierten Karl Marx und mischten uns in die Politik ein. Was in den Arztpraxen als Ursache von Kopfschmerzen genannt wurde, war noch läppischer. Wir entdeckten Sigmund Freud und riskierten Psychotherapien. Es war unser Kulturkampf.
Heutigentages empfinde ich die mir zugänglichen Medien als barbarisch. In jeder Zeitung steht, in jedem Radiosender höre ich, in jedem Fernsehprogramm sehe ich das gleiche. Auf der Suche nach ergänzenden Informationen – „audiatur et altera pars“, vor jeder Beurteilung auch die andere Seite berücksichtigen – weiche ich auf Internetquellen aus und werde von den Gleichgeschalteten belehrt, ich sei das Opfer von Propaganda und Populismus. Kämpfe um Kultur vermissend, werde ich verächtlich gemacht.
Irgendwo habe ich dieser Tage gelesen, der stets von Unruhe geplagte Goethe habe ständig vor sich hin gegrummelt und gemurmelt: „Nur ruhig, ruhig, still!“ Ich murmele und grummele auch oft vor mich hin, und zwar „Ich will heim“.
Es ist das Heimweh nach einem Land, wo ich faire, objektive, um Wahrhaftigkeit bemühte Informationen bekomme. Ich lese die Frankfurter Allgemeine, die Süddeutsche, die taz. Ich höre den WDR. Ich sehe ARD, ZDF und Arte und etliche andere. Überall Hetze und Hass. Überall: Krieg gegen Russland – aber um Gotteswillen nur wirtschaftlich. Krieg gegen – nein: in Syrien, Afghanistan, wo noch? Egal, unser Militär wird überall gebraucht. Fragt jemand die Russen, die Syrer, die Afghanen? Einzelne schon, alle kann man ja nicht fragen, und Umfragen wären nicht zuverlässig, weil durch Propaganda beeinflusst. Was bei uns selbstverständlich nicht der Fall ist.
Ich fühle mich zurückgeworfen in die Kaiserzeit. Ein vaterlandsloser Geselle. 


  


   





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