Mittwoch, 10. August 2022

Für und Wider

Meine Frau fragt mich: Wir rüsten die Ukraine auf gegen Russland. Wir unterstützen Afrika gegen China. Tun wir eigentlich auch irgendetwas für irgendwen? Ich überlege. Taiwan wird unterstützt gegen China. Asien gegen China und Russland. Israel gegen Iran. Irak gegen Iran. Zentralasien gegen Russland. Meine Frau fragt mich: Hältst du das für gesund? Wir unterstützen den aktuellen US-Präsidenten Joe Biden wohl nur deshalb, weil wir gegen den vorigen US-Präsidenten Donald Trump wütend Front machen. Was tun wir Deutschen eigentlich für uns? Einiges! Wir fordern, dass ein früherer deutscher Bundeskanzler aus seiner Partei ausgeschlossen wird, für die er Wahlen geweonnen hat, weil wir gegen den russischen Präsidenten sind, mit dem zusammen er Deutschland aus dem Vernichtungskrieg gegen den Irak herausgehalten hat. Wir finden das so unverzeihlich, dass wir den Friedenswillen dieser zwei mit der vehementesten Verachtung beantworten, die im Netz zu lesen und in den Massenmedien zu hören und zu sehen ist. Frieden für uns Deutsche wenigstens vorübergehend gegenüber den Irakern erreicht zu haben, erscheint vielen zum Speien widerlich. Dieser Krieg hat sich zum Zerstörungskrieg halb Asiens entwickelt. Verwüstet Nordafrika. Obgleich es sogar leidenschaftlichen Hassern bizarr erscheint, Friedenswünsche mit Vernichtungswünschen zu quittieren, wird es mit der Tatsache begründet, dass die Kanzlerschaft dieses Staaatsmannes nachweisbar Wohlstand beschert hat. Nun führen wir wieder Krieg und der Wohlstand schwindet. Glück und Zufriedenheit beim Wählervolk! Heute sah ich einen sehr, aber wirklich sehr strammen jungen Mann in Nato-Oliv. Auf dem Rücken seiner Jacke stand HATE HATE HATE. Der weiß, wo es lang geht, und zur Beruhigung jetzt noch ein Trostwort: Schlaft ruhig, für die SPD ist der wohl kaum unterwegs.

Montag, 25. Juli 2022

Erfahrungswerte

Das Folgende habe ich in Walter Benjamins Essay „Der Erzähler“ gefunden, bezogen auf den ersten Krieg, den wir Deutschen gegen Russland geführt haben. Dass der zweite Krieg gegen Russland bevorstand, ahnten diejenigen, deren Erfahrungen aus dem ersten sich als nicht mitteilbar erwiesen. Und so war es leider. Benjamin schreibt: „Immer seltener wird die Begegnung mit Leuten, welche rechtschaffen etwas erzählen können. Immer häufiger verbreitet sich Verlegenheit in der Runde, wenn der Wunsch nach einer Geschichte laut wird. Es ist, als wenn ein Vermögen, das uns unveräußerlich schien, das Gesichertste unter dem Sicheren, von uns genommen würde. Nämlich das Vermögen, Erfahrungen auszutauschen. Eine Ursache dieser Erscheinung liegt auf der Hand: die Erfahrung ist im Kurse gefallen. Und es sieht aus, als fiele sie weiter ins Bodenlose. Jeder Blick in die Zeitung erweist, daß sie einen neuen Tiefstand erreicht hat, daß nicht nur das Bild der äußern, sondern auch das Bild der sittlichen Welt über Nacht Veränderungen erlitten hat, die man niemals für möglich hielt. Mit dem Weltkrieg begann ein Vorgang offenkundig zu werden, der seither nicht zum Stillstand gekommen ist. Hatte man nicht bei Kriegsende bemerkt, daß die Leute verstummt aus dem Felde kamen? nicht reicher - ärmer an mitteilbarer Erfahrung. Was sich dann zehn Jahre später in der Flut der Kriegsbücher ergossen hatte, war alles andere als Erfahrung gewesen, die von Mund zu Mund geht. Und das war nicht merkwürdig. Denn nie sind Erfahrungen gründlicher Lügen gestraft worden als die strategischen durch den Stellungskrieg, die wirtschaftlichen durch die Inflation, die körperlichen durch die Materialschlacht, die sittlichen durch die Machthaber. Eine Generation, die noch mit der Pferdebahn zur Schule gefahren war, stand unter freiem Himmel in einer Landschaft, in der nichts unverändert geblieben war als die Wolken und unter ihnen, in einem Kraftfeld zerstörender Ströme und Explosionen, der winzige, gebrechliche Menschenkörper.“ Der Schluss des Essays lautet: „Der Erzähler ist die Gestalt, in welcher der Gerechte sich selbst begegnet.“ Das lassen wir Autoren erzählter Erfahrungen uns gewiss gerne sagen. Auch wenn wir eingestehen müssen, dass unsere Erfahrungen im Kurse gefallen sind und weiter ins Bodenlose fallen. Als Napoleon Bonaparte die Eroberung Russlands ins Werk setzte, behauptete er nicht gänzlich ohne Grund, er bringe die Menschenrechte der Französischen Revolution. Ludendorff hatte die Versorgung der Deutschen im Sinn, als er via Ukraine ganz Russland anvisierte. Trotz der wenig ermutigenden Erfahrungen mit Ludendorff folgte das deutsche Volk noch einmal einer Führung, die Russland zwecks umfassender Ausbeutung zu erobern versprach. Den politischen Ressortchef der Süddeutschen Zeitung, Stefan Kornelius, hörte ich am 24. Juli 2022 im Presseclub der ARD sagen, er wünsche Russland jede Größe, doch zu unseren Bedingungen. Die hatten wir bekommen, als Gorbatschow den Versprechungen glaubte, die NATO werde keinen „Inch“ nach Osten vorrücken, wenn er die Vereinigung der deutschen Staaten akzeptiere. Jeder weiss heute, dass Gorbatschow damit den Sieg im Zweiten Weltkrieg verspielte, und dass Jelzin Russland in tiefstes Elend gestoßen hat. Im Stadium dieses erbärmlichen Zustandes hat Wladimir Putin Russlands Wiederaufstieg bewerkstelligt. Vernichtungswille klang ihm dafür, dass er dies geschafft hat, aus dem Presseclub entgegen. Alle Diskutanten und auch die Moderatorin sprachen die inständige Hoffnung aus, Putin möge scheitern und die russische Wirtschaft durch „unsere“ Sanktionen endlich wieder unter unsere Kontrolle gebracht werden . „Unsere“ Kontrolle wäre das allerdings keineswegs, wenn ich mich selbst zu „uns“ zähle. Ich spreche erfahrungsbasiert – doch freilich, Erfahrungen sind ins Bodenlose gefallen. Und ich, Leute wie ich, dieses andere „Wir“ als das von Stefan Kornelius gemeinte, fallen – zusammen mit unseren Erfahrungen – heraus aus unserem Land. Wohin fallen wir? Wo schlagen wir auf? Gesucht ist ein Ort, wo Erfahrungen im Kurs steigen.

Dienstag, 19. Juli 2022

Worldwise

Recht so, Mr. Scholz? „Dies ist eine historische Stunde“, erklärt der Direktor einer staatlichen Gesamtschule in dem unvergesslichen Film Clockwise, Recht so, Mr. Simpson von und mit John Cleese ein ums andere Mal. Es ist sein Mantra, eine Formel, die er einübt, um die Konferenz der Headmaster in einem drei Eisenbahnstunden entfernten Ort ja nicht zu verpassen – er selbst ist als Vorsitzender ausersehen, und es ist das erste Mal, eben eine historische Stunde, dass er, ausgerechnet er als der Direktor einer Schule für unbemittelte Normalbürger, zu lauter Headmastern von Eliteschulen sprechen soll. „Sag den hochnäsigen Schnöseln, dass wir sie demnächst an ihren Krawatten aufhängen!“, gibt einer aus seinem Kollegium ihm auf die Reise mit. „Recht so“, antwortet er, ist jedoch abwesend, er übt die Rede ein, die er vor all den hochnäsigen Schnöseln halten will. „Ich, ein Neuling…“, undsoweiter. Vor lauter Entzücken, nun einmal ganz ganz oben mit dabei zu sein, vergisst er alle realen Umstände, verpasst seinen Zug und das Auto seiner Frau, und eine Kette von Umständen, die er nicht rechtzeitig erkennt, führt zu einer Reihe unbegreiflicher Katastrophen und einem schmählichen Ende. Aufgebrochen war er wie aus dem Ei gepellt, ankommen wird er in Lumpen und wird vor einem zwischen Spott, Mitleid und Unverständnis schwankenden Publikum den Choral singen, er allein und ohne Pianobegleitung, den er seinen Schülern zum Abschied von der gewöhnlichen Gesamtschule und zur Feier seines Aufbruchs in die lichten Höhen der historischen Stunde geboten hatte. Ich musste an unseren Bundeskanzler denken. Er spricht ständig von der historischen Stunde, der Wendezeit, als könne das Einüben dieser Formeln und die ständige Beschwörung der Wirklichkeit diese gefügig machen. Wie wird es enden, für ihn, unser Land, unser Europa, für uns? John Bunyan Verse 1 He who would valiant be ‘Gainst all disaster Let him in constancy Follow the Master There’s no discouragement Shall make him once relent His first avowed intent To be a pilgrim. Verse 2 Who so beset him round With dismal stories, Do but themselves confound — His strength the more is. No foes shall stay his might, Though he with giants fight: He will make good his right To be a pilgrim. Verse 3 Since, Lord, Thou doest defend Us with Thy Spirit, We know we at the end Shall life inherit. Then fancies flee away! I’ll fear not what men say, I’ll labor night and day To be a pilgrim. Wer überzeugt ist, dass die Weltpolitik in dieser historischen Stunde ein Kampf der Guten gegen die Bösen ist, wer also unserem Kanzler folgt, mag sich auf Schlimmes vorbereiten und gegen Übles wappnen. Genau dazu werden wir ja auch ständig ermahnt!

Dienstag, 14. Juni 2022

Wie die Alten sungen

So zwitschern auch die jungen Aus unseren Medien schallen mir Klänge entgegen, die ich für immer vergessen wollte. Um sie ertragen zu können, werde ich sie zeitgemäß aktualisieren, also upgedatet zitieren: Es zittern die morschen Knochen der Welt vor dem großen Krieg. Wir haben die Freiheit gerochen, für uns war's ein großer Sieg. Wir werden weiter marschieren, bis alles in Scherben fällt. Denn heute (ge)hört uns Europa und morgen... ??? Die Antwort finde ich auf Seite 14 von Le Monde diplomatique (deutsch, Juni 2022): Die Kommissionspräsidentin der Europäischen Union Ursula von der Leyen, lese ich da, habe folgende „strategische Überlegungen“ vorgestellt: „Als Demokratien wollen wir die Welt von morgen gemeinsam mit Partnern gestalten, die unsere Vorstellungen teilen.“ Und morgen die ganze Welt! Darum geht es. Als Energiepartner der Zukunft, die unsere Werte teilen, habe sie neben den USA drei weitere Energiepartner genannt, Aserbaidschan, Ägypten und Katar. Was können wir auch alleine? Uns ver… ???

Freitag, 3. Juni 2022

Weniger ist manchmal mehr

03.06.2022 Ich denke darüber nach, ob ich mich aus der SPD abmelden sollte – die Partei hat ihr Alleinstellungsmerkmal zerstört. NATO-Politik machen andere auch. Träume warnen mich vor Selbstüberschätzung. Also abwarten? Die CDU ist keine christliche Partei mehr. Die FDP tritt nicht mehr für Marktwirtschaft ein. Alle anderen Parteien sind machtlos, wer eine von denen wählt, verschenkt seine Stimme. Konkret bedeutet das, wir haben keine Alternative zur NATO-Politik. Für Friedenspolitik tritt keine machtfähige Partei ein. Die Medien sind eingebunden in die Propaganda der NATO. Konsequent habe ich gestern mit der Überweisung der letzten Rechnung mein Abo der Frankfurter Allgemeinen beendet, ich bekomme sie Gottseidank nur noch bis zum 29. Juni.

Mittwoch, 1. Juni 2022

Spekulatius

Unser Regierungschef ist ein Racker – hätte man früher vielleicht gesagt; doch das ist ein veraltetes und höchst uncool gewordenes Wort. Daher nenne ich ihn einen Spekulatius. Und zwar spekuliert er auf unsere Bildungsferne, wenn er sich bei seinem Besuch in Davos auf den „Donnerschlag“ beruft, den der Kriegsausbruch 1914 für Thomas Mann bedeutet habe. Er meint, so hätten wir nun auch den 24. Februar 2022 erlebt. Wenn ein Stärkerer diktiert, was Recht sein soll, dann sei das Imperialismus – das wolle „Putin“ (ohne Titel, seien wir nur nicht höflich, es könnte missverstanden werden). Nun hat aber Thomas Mann die Arbeit an seinem Text, aus dem später der Roman vom Zauberberg wurde – worauf unser Redner sich beruft – sofort für Jahre, drei waren es wohl – unterbrochen, um seinen vielen Lesern in Europa zu versichern, dass Angriffskriege, auch präventive, zur Verteidigung der Heimat gerechtfertigt seien. Ebendies steht übrigens auch in der Charta der UNO. Und ebendies ist es, was „Putin“ für sein Land in Anspruch nimmt. Ob zu Recht oder zu Unrecht, wäre zu erwägen – Papst Franziskus jedenfalls hat Zweifel an der Darstellung der NATO, die habe wohl ein wenig zu laut an Russlands Grenzen gekläfft. Vom Standpunkt der Russen – Pardon: Vom Willen Putins – erfahren wir nichts, denn russische Medien sind gesperrt. Kriegszeiten! Und den Krieg gegen Russland wollen wir so führen, dass Russland auf Jahre nicht aufkommt – das hat unsere Ministerin des Äußeren „Putin“ wissen lassen, wenn ich mich recht erinnere. Wäre übrigens wieder ein Plagiat, der von Thomas Mann gefeierte F.D. Roosevelt hat Deutschland (nicht den Russen) einen Schlag versetzen wollen, den es – den wir – auf Generationen nicht vergessen. Thomas Mann, um auf das Missverständnis des Donnerschlags zurückzukommen, hat auf dem Höhepunkt seines Furors gegen die Verbreiter von ausgedachter Menschheitsbeglückung und seinem leidenschaftlichen Plädoyer für die gewachsene deutsche Kultur gesagt: Nichts habe ihm je ferner gelegen als ein Krieg gegen das heilige Russland. Er nannte es heilig. Es ist, meine ich, als Signal zu verstehen, dass unser Regierungschef seinen Amtseid ohne Bezug auf Gott geleistet hat. Heilig ist ihm die Selbstregierung der Russen scheinbar schon. Um sie dem russischen Volk zu ermöglichen, muss es allerdings zuerst von seinem Präsidenten befreit werden (ich nenne den Titel, den unsere Medien so gerne verschweigen). Oder am besten sich selbst von ihm befreien. Denn es ist ein grausam geknechtetes Volk, dem durch die Eliminierung seines Präsidenten die Einordnung in eine „regelbasierte Ordnung“ allererst ermöglicht werden muss. Zur Befreiung der Russen also führen wir den Krieg. Und somit wird unser Krieg aktuell ähnlich begründet, wie auch die bisherigen Kriege gegen Russland begründet worden sind! Napoleon wollte aller Welt Menschenrechte bringen, nicht nur den Russen, als er Russland angriff. Der deutsche Kaiser hatte den vergleichbar ambitionierten Wunsch, die ganze Welt möge am deutschen Wesen genesen. Auch das Unternehmen Barbarossa ist als Kulturbringer aufgefasst worden, die SS ordnete sich gar in die christianisierende Tradition der Deutschordensritter ein. Dass sogar einfache deutsche Landser Licht in die Finsternis brachten, Kultur verbreiteten, wo Unwissenheit herrschte – habe ich selbst, ich selbst!, mir noch von Veteranen der Wehrmacht anhören müssen. Nach diesem Krieg! So rechtfertigten sie die Gräuel, für die meine Generation sie zur Verantwortung zog. Es war unsere bedeutendste Aufgabe, das zu leisten. Unsere Hoffnung war, den Nazi-Ungeist aus unserer deutschen Heimat vertrieben zu haben. Nun lässt das verheißene Weltreich deutscher Kultur die alten Wunschträume keimen. Es geht in der Politik wohl zu wie in der Mode – zwei Generationen nach Oma kommt wieder, was Oma getragen hat. Putins Staatspropaganda jedoch redet den Russen ein, unsere aktuellen Absichten seien nicht so lauter und hehr, wie wir vorgeben. Die argen Racker, die unsere Medien steuern und bedienen, sorgen dafür, dass so etwas bei uns nicht geglaubt werden kann. Alles Propaganda der Staatsmedien des Machthabers. Des Imperialisten. Des Despoten. Hat er Krebs? Putscht endlich jemand? Spekulatius ist süß und beliebt, so ab November etwa wird der schmackhafte Keks überall angeboten. Bis dahin kann freilich noch viel passieren. Nicht zu früh verzagen. Warten wir ab.

Montag, 9. Mai 2022

Weltkrieg

Weltkrieg erkennen Wann ein Weltkrieg beginnt, ist nicht für jedermann leicht zu erkennen. Als Japan die chinesische Mandschurei besetzte, erkannte Josef Stalin darin den Beginn des neuen Weltkrieges – des Zweiten. Das war 1931. Als Vorsitzender und Sprecher des Zentralkomittees der regierenden Kommunistischen Partei sagte er, Japan werde sein hochentwickeltes industrielles und militärisches Potential einsetzen, um durch weitere Eroberungen im indopazifischen Raum seine strategische Position (damals gegenüber England) und Rohstoffe sowie Arbeitskräfte zu gewinnen. Bereits 1935 rechnete er damit, dass auch Deutschland seine industriellen und militärischen Möglichkeiten für Eroberungen nutzen werde. Beide Staaten fühlten sich durch die Friedensverträge nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg unerträglich benachteiligt und würden unbedingt bestrebt sein, ihre ehemaligen Machtpositionen wiederherzustellen. Die imperiale Weltsicht Japans sei zusammengefasst in dem Slogan „Schwache sind Fleisch, Starke essen“, las ich dieser Tage in einem Bericht, den ich vor Jahren schon archiviert hatte. Dass auch das Deutsche Reich von imperialistischen Grundsätzen durchdrungen war, unterliegt gewiss keinem Zweifel. Das deutsche wie das japanische Militär wurde von Imperialisten geführt. Auch die Endländer waren geschwächt und verschuldet aus dem Ersten Weltkrieg hervorgegangen. Stalin war sich ab 1935 sicher und vertrat diese Position wiederum als Sprecher des ZK der KPDSU vor der Duma, dass England versuchen würde, Russland und Deutschland gegeneinander zu hetzen und die Beute an sich zu reißen. Diese selbe Position noch in demselben Jahr hat Winston Churchill vertreten und für so riskant gehalten, dass er seine Regierung, der er nicht mehr angehörte, dringend dazu aufrief, sich militärisch für einen Krieg zu rüsten. Als 1936 der faschistische Putsch gegen die spanische Regierung vom Deutschen Reich unterstützt wurde, erkannte Stalin darin den Zugriff Deutschlands auf den afrikanischen Kontinent und seine Reichtümer. Diese These wurde von Mussolini bestätigt, als er 1941 in Abessinien einmarschierte – und das Reich nötigte, den geplanten Vormarsch auf Russland aufzuschieben. Der Aufschub wurde erzwungen und verursachte das Anhalten des Vormarsches auf Moskau, wo Stalin, der deutschen Luftüberlegenheit trotzend, eine Militärparade abnahm. Diese sehr skizzenhafte Zusammenfassung soll verdeutlichen, dass Weltkriege nicht mit Kriegserklärungen beginnen müssen. Sie beginnen mit Zugriffen auf Kerngebiete von Staaten, deren Ressourcen und Arbeitskräfte und strategischen Aufmarschraum man zu brauchen meint. Wir befinden uns in einem Weltkrieg. Er wird ausgelöst von den USA und mitgetragen von Staaten, die in der Abhängigkeit und unter dem Schutz Washingtons bisher gediehen sind. Für Europa ist es der vierte Krieg gegen Russland, Napoleons Feldzug mitgezählt. Alle sind nur insofern erfolgreich gewesen, als Russland grosser Schaden zugefügt wurde – was jeweils beabsichtigt war und auch heute erklärte Absicht ist. Russland unter westlicher Kontrolle bedeutet, die USA sind China in jeder Hinsicht überlegen, besonders militärisch. Selbständigkeit wäre für China Vergangenheit. Und für uns auch.