Donnerstag, 10. September 2020

Heimat in der Welt

Heimat in der Welt „Es gibt unzählige über den Erdball verstreute Kulturen. Über manche ist der Zivilisationsprozess hinweggegangen. Andere sind zu Trägern des Zivilisationsprozesses geworden.“ Dieser sei zukunftsgerichtet, ein Entwicklungsgeschehen. Das lese ich bei Nikolaus Sombart, Rendezvous mit dem Weltgeist, S. Fischer Verlag 2000. Kulturen wurzeln in der Vergangenheit. Das hat schon Thomas Mann beschäftigt. Zu seiner Lebensfrage machte er, wie man die Heimat, also das, was in der lebendigen Tradition einer Gemeinschaft wurzelt, in Übereinstimmung bringt mit der Position, die „der Geist“ heute hält. Sombart unterstreicht, dass Kulturen, wenn sie nicht vom Zivilisationsprozess beiseite gelassen und vergessen wurden, irgendwie von ihm tangiert sind. Aber eben hier liegt das Problem: irgendwie. Als ich in einem bayerischen Dorf sozialdemokratischer Aktivist war, galt ich als integrationsbedürftiger Exot. Gegen verbale Bedrohungen habe ich mich zu wehren gewusst und setzte meine Da-seins-Berechtigung durch. Als ein Fremder. Besonders schön finde ich Hannah Arendts Begriff von Heimat in ihrem Aufsatz über Robert Gilbert, „Menschen in schwierigen Zeiten“, Piper Verlag. Heimat erinnert uns an Verse, die wir als Kind hörten, schreibt sie. „Dunkel war’s, der Mond schien helle/ Als ein Auto blitzesschnelle langsam um die Ecke fuhr“. Das ist nicht Dada, das ist eine Erinnerung, die sie mit dem Berliner Freund Robert Gilbert teilt. Auch an früh (vor)gelesene Märchen erinnert sie sich lebenslang und stellt ihren Aufsatz über den bewunderten Walter Benjamin unter das Motto vom „bucklicht Männlein“. Wie bewahren wir unsere Heimat davor, wie so manch andere Kultur vom Zivilisationsprozess beiseite gelassen zu werden? Indem wir uns mit den Positionen, die der Geist heute hält, immer wieder in Beziehung setzen. Thomas Mann und Hannah Arendt haben es vorgelebt. Inzwischen stellt die digitale Technik neue Anforderungen, sie hat ein Netz über alle Kulturen gespannt. Ein Mädchen aus Pakistan, jetzt bei uns, das auf ihrem Smartphone surft und Dinge sieht, die sie in Konflikt mit zuhaus verbliebenen Angehörigen bringt, wird nicht auf Dauer vom Stand der Weltzivilisation ausgeschlossen sein wollen. Wie sie sich mit ihrem Glauben und ihrer Familie auseinandersetzt, hängt von ihrer Vergangenheit ab. Aber auch von der Zukunft unserer zivilisatorischen Fortschritte. Werden wir noch lernen, anderen Kulturen die Zeit zur Entwicklung zu geben, die wir selbst benötigt haben? Werden sie furchtbare Weltkriege vermeiden können, ohne die wir es nicht geschafft haben, zur Moderne aufzuschließen?

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