Montag, 14. Oktober 2019

Peter Handke: Seine Nobelitierung


... Und was mir dazu einfällt 

Leben, Leumund und Freiheit, Eigentum zu erwerben und zu behalten – das sind die grundlegenden Rechte. Im englischen Original: Life, Reputation, Liberty, to acquire property and keep it. Mit diesen kurzen Definitionen ist bestimmt, was Recht ist und was Unrecht, Right or Wrong. Eigentlich reicht das auch schon, findet ein junger Mann aus verarmter amerikanischer Familie mit nur einem Jahr Schulbildung, als er in einem zufällig aufgefundenen Buch über Rechtswissenschaften blättert. Es ist eine ikonische Szene aus den Anfängen des Hollywoodfilms, „Der junge Mr. Lincoln“, Hauptrolle Henry Fonda, Regie John Ford.  
Aber weshalb dachte ich daran, den lange verlorenen Film auf VHS vergangene Woche noch einmal als DVD zu bestellen, und welch glücklicher Zufall bestimmte die Post ihn bereits gestern auszuliefern? Schon dieser Beginn hat mich elektrisiert, ich bat sofort meine Frau dazu und fragte, sei es zu fassen, der Leumund als Grundrecht? Sie fragte nach dem englischen Wortlaut. Ich stellte ihn ein. Nein, kein Missverständnis. Der gute Ruf ist ein Grundrecht. Niemand darf es uns nehmen. Geschieht es dennoch, so ist das Unrecht.
Es durchdringt jetzt (permeates) unser gesamtes Gemeinwesen; ja die gesamte westliche Öffentlichkeit. Und es wird begangen, unentwegt und ständig, von allen sich selbst als seriös bezeichnenden Medien! Ist es nicht so?
Mir selbst ist dieses Unrecht angetan worden. Ich weiss, wovon ich rede. Und damit komme ich, indem ich zu mir komme, zu Peter Handke. 1972 hat er den Schock und Schmerz der Trennung von einer geliebten Frau im Bericht einer Reise durch die USA geschildert, sie endet mit einem Besuch bei John Ford in Kalifornien. Der große Regisseur filmt schon seit Jahren nicht mehr, doch er ist neugierig auf menschliche Schicksale geblieben und hört sich die Geschichte des wendungs- und windungsreichen Dramas, das auch melodramatische Züge aufweist, gerne an.  „Der kurze Brief zum langen Abschied“, den ich in der Erstausgabe durch alle Umzüge mitgeschleppt habe, ist kein Roman, kann eher als Drehbuch gelesen werden. Die Ausgabe liegt jetzt vor mir. Ich war damals aus mehreren Gründen beeindruckt. Einige Zeilen aus dem „Anton Reiser“ von Karl Philipp Moritz sind voran gestellt, es ist ein autobiografischer Roman, den ich bewundere. Und dann hat auch die Problematik mich gefesselt, denn ich ahnte, dass eine ähnliche Trennung mir bevorstand.
In demselben Jahr 1972 veröffentlichte Handke und las ich ein womöglich noch tiefer treffendes Buch, wieder autobiografisch, „Wunschloses Unglück“. Es schildert die Lebensumstände  und, soweit er sie wahrnimmt, auch die Gemütszustände seiner Mutter mit einer beinahe grausamen Genauigkeit, die aber dennoch nie lieblos auf mich gewirkt hat.
Das hat mir nun fast den Atem geraubt. Auch ich war bemüht, meine Mutter so zu sehen, wie sie (1918 geboren) gewesen war. Meine Schwierigkeiten, mich in sie einzufühlen, erschienen mit sehr oft blockiert von Wut und Hass, - andererseits verdankte ich ihr sehr viel. Der Psychoanalytiker, von dem ich mir helfen liess, hatte ein weisses Kissen hinter seinem Kopf, ein schwarzes auf dem Schoss. Er warf mir das weisse plötzlich kommentarlos zu. Verblüfft fing ich es auf. Dann das schwarze. Ich war ratlos, was das bedeutete – bis er fragte: Das schwarze Kissen ist die Aggression gegen Ihre Mutter, das weisse die Liebe zu ihr und Ihre Dankbarkeit. Ich begriff nicht. Er fragte: Sind Sie stark genug, beides gleichzeitig festzuhalten?
Handke war es. Was für eine Kraft!
Später erschienene Bücher von ihm sind mir dann nicht mehr so nahe gekommen. Eigentlich habe ich diesen Kollegen aus den Augen verloren. Bis zu der unerwarteten Nachricht, sie erinnerte mich an ihn. Neugierig auf das mediale Echo, sah und hörte ich mich um. Ich fand Erstaunliches. Beleidigt Stockholm mit der Nobelitierung die Opfer serbischen Terrors?
In der Süddeutschen Zeitung erklärte ein Kommentator bündig, die Jury habe wieder einmal versagt. Handke fügte sich nie, wird vorgebracht, dem Urteil der westlichen Welt, was die Einschätzung Serbiens während der Jugoslawienkriege angeht. „Was erlauben Handke!“, um einen Fussballtrainer zu zitieren, der des Deutschen weniger mächtig war als der Literat.  Der Preis habe nicht etwa nur an einen anderen, moralisch und politisch weniger fragwürdigen Autor, sondern sogar an einen anderen Erdteil adressiert sein müssen!
Ich fand ich die Kompetenzanmaßung zum Lachen. Nicht in Stockholm soll über Preisträger entschieden werden, sondern in München?!
Mir hat die Jury mit der Preisverleihung einen Gefallen getan. Es ist die Erinnerung daran, dass die Zerstörung von Reputation ein Unrecht ist. Und das nicht nur deshalb, weil ich das so deutlich und so quälend empfinde.
Dieses Unrecht zu begehen ist leider tagtägliches Geschäft in den Medien der westlichen Welt geworden. Mit deren routinierter Leumundsvernichtung sollen wir uns abfinden? Gewiss nicht. John Fords Film von 1939 endet mit einer Melodie, die zu den bekanntesten und tröstlichsten in eben dieser westlichen Welt gehört. Während die Fotografie des jungen Mr.Lincoln, Henry Fondas Gesicht also, mit dem berühmten Marmorkopf des Lincoln-Memorials verschmilzt, hören wir  His truth is marching on. Wurde zu Zeiten auch von Soldaten gesungen: His troops keep marching on!
I want to be in that number.              

Freitag, 4. Oktober 2019

Abschluss-Rechnung (für mein Zeitungs-Abo)



Heute werde ich das Abonnement meiner Zeitung mit der letzten Überweisung beenden. Am 24.10. bekomme ich sie zum letzten Mal. Der mehrheitstrunkene Opportunismus der Berliner Zentralredaktion wird mir dennoch weiterhin begegnen, in so gut wie allen westlichen Medien, gedruckten wie gesendeten. Alle hämmern mir die gleiche Botschaft ein: Ich müsse unentwegt für die Demokratie eintreten – was ich selbstverständlich ohnehin tue. Es ist ja nicht etwa so, als wäre außer einer ganz geringen Minderheit irgendjemand gegen „die Demokratie“. Nur sind viele dagegen, wie sie politisch gehandhabt und ich bin dagegen, wie sie publizistisch vertreten wird. Konkret: Ich traue unseren West-Medien schon lange nicht mehr. Vielmehr gehe ich davon aus, dass alles, was ich von westlichen Medien erfahre, entweder lückenhaft ist – oder direkt falsch.
Wo also informiere ich mich dennoch? Zum Beispiel über CGTN – China Global Televison Network. Bestimmten Formaten vertraue ich, weil ich sie seit Jahren als zuverlässig kenne. Es sind vor allem: The Heat, World Inside, Dialogue, To the Point.
Auch Russia Today International finde ich oft anregend und interessant.
Dass ich alles, was ich dort erfahre, noch einmal überprüfe, ist selbstverständlich. Vieles kann ich googeln und so bestätigt oder in Zweifel gezogen finden.
Die Verleumdung dieser Quellen als Propaganda nehme ich längst nicht mehr ernst. „Propagandized“ fühle ich mich hingegen durch unsere Westmedien, worunter ich vor allem die New York Times und leider auch France 24 zählen muss, sehr schade.
Dass die FAZ und die Süddeutsche gestern zum 70. Jubiläum der chinesischen Unabhängigkeit ganze Seiten mit wüstester Polemik gegen China gedruckt haben und Die Welt sogar eine Schlagzeile, konnte mich nicht erstaunen. Ich war darauf gefasst. Einigermaßen fassungslos machte mich allerdings der Ton der Diffamierungen. Chinas Führung wurde wie eine üble Verbrecherbande beschrieben. Also nicht die Erfolge der KPC wurden bezweifelt, sondern die Art, wie sie erzielt worden seien.
Umgekehrt wird mir – uns allen im europäischen Westen – tagtäglich eingehämmert, wir müssten stolz darauf sein, wie wir unsere Probleme nicht lösen. Das eben bedeute, dass wir unsere Art der Selbstregierung erdweit exportieren und etablieren  müssten. Auch durch militärische „Friedenseinsätze“ wie etwa in Afghanistan. Und nun höre ich heute früh von dem Berliner Fernsehkorrespondenten Wilp, unser Innenminister Seehofer sei mit dem erklärten Auftrag nach Ankara gereist, ein zweites 2015 zu verhindern. Eine Korrespondentin berichtet von der Insel Mythilene (Lesbos), dass dort eine Familie aus Afghanistan seit drei Jahren auf  Zugang nach Europa wartet, vier Kinder, sie verzweifeln. Eines verstümmelt sich selbst: ein Hilferuf?
Unsere Politiker wissen, was sie zehntausenden Menschen zumuten, indem sie ihre Herkunftsländer verwüstet haben und weiter verwüsten. Und was den Bewohnern dieser Inseln zugemutet wird, wenn Olivenhaine zu Zeltlagern werden.
Wie leben unsere Politiker, dies wissend, mit sich selbst?
Und wie leben meine Kollegen aus der Publizistik mit sich selbst, wenn sie Tag für Tag chinesische Kollegen diffamieren, die erdweite Probleme von allen Seiten zu beleuchten gewohnt sind und Lösungen diskutieren?
Warum soll übrigens eine zweite Flüchtlingswelle verhindert werden? Wie leben unsere deutschen Kommentatoren mit sich selbst, wenn sie ausgerechnet diejenigen Oppositionsparteien als unwählbar darstellen, die eine neue Flüchtlingswelle ablehnen und logisch folgernd ständige Kriegszüge ebenfalls?  Meine deutschen Kollegen – sind sie noch irgendeinem Ehrbegriff verpflichtet? Ich kann es nur bei ganz wenigen und nur ausnahmsweise erkennen. Mehrheitstrunkener Opportunismus erstickt dringend nötige Selbstkritik und noch viel dringender notwendende Hilfeleistungen!
Wir leben in finsterer Zeit, das Licht der exklusiv akzeptierten Öffentlichkeit verdunkelt alles.