Donnerstag, 26. Dezember 2019

Aus dem Netz gepflückt




Social media put democracy on check by common people
Tribalism is a risk social media bring
To tribalize people is done by populists

Tribalism is created easily by social injustice
when wealth not only means purchasing power,
but the possibility to manipulate the political system
to the benefit of the wealthy

Globalism is a fact
Globalization is misused as ideology:
We have the truth, you have it not

To be at home anywhere is the belief of globalists
To be at home somewhere is a feeling of patriots

Patriots love their country
Nationalists hate foreign countries

To be at home everywhere is an ideology




Montag, 14. Oktober 2019

Peter Handke: Seine Nobelitierung


... Und was mir dazu einfällt 

Leben, Leumund und Freiheit, Eigentum zu erwerben und zu behalten – das sind die grundlegenden Rechte. Im englischen Original: Life, Reputation, Liberty, to acquire property and keep it. Mit diesen kurzen Definitionen ist bestimmt, was Recht ist und was Unrecht, Right or Wrong. Eigentlich reicht das auch schon, findet ein junger Mann aus verarmter amerikanischer Familie mit nur einem Jahr Schulbildung, als er in einem zufällig aufgefundenen Buch über Rechtswissenschaften blättert. Es ist eine ikonische Szene aus den Anfängen des Hollywoodfilms, „Der junge Mr. Lincoln“, Hauptrolle Henry Fonda, Regie John Ford.  
Aber weshalb dachte ich daran, den lange verlorenen Film auf VHS vergangene Woche noch einmal als DVD zu bestellen, und welch glücklicher Zufall bestimmte die Post ihn bereits gestern auszuliefern? Schon dieser Beginn hat mich elektrisiert, ich bat sofort meine Frau dazu und fragte, sei es zu fassen, der Leumund als Grundrecht? Sie fragte nach dem englischen Wortlaut. Ich stellte ihn ein. Nein, kein Missverständnis. Der gute Ruf ist ein Grundrecht. Niemand darf es uns nehmen. Geschieht es dennoch, so ist das Unrecht.
Es durchdringt jetzt (permeates) unser gesamtes Gemeinwesen; ja die gesamte westliche Öffentlichkeit. Und es wird begangen, unentwegt und ständig, von allen sich selbst als seriös bezeichnenden Medien! Ist es nicht so?
Mir selbst ist dieses Unrecht angetan worden. Ich weiss, wovon ich rede. Und damit komme ich, indem ich zu mir komme, zu Peter Handke. 1972 hat er den Schock und Schmerz der Trennung von einer geliebten Frau im Bericht einer Reise durch die USA geschildert, sie endet mit einem Besuch bei John Ford in Kalifornien. Der große Regisseur filmt schon seit Jahren nicht mehr, doch er ist neugierig auf menschliche Schicksale geblieben und hört sich die Geschichte des wendungs- und windungsreichen Dramas, das auch melodramatische Züge aufweist, gerne an.  „Der kurze Brief zum langen Abschied“, den ich in der Erstausgabe durch alle Umzüge mitgeschleppt habe, ist kein Roman, kann eher als Drehbuch gelesen werden. Die Ausgabe liegt jetzt vor mir. Ich war damals aus mehreren Gründen beeindruckt. Einige Zeilen aus dem „Anton Reiser“ von Karl Philipp Moritz sind voran gestellt, es ist ein autobiografischer Roman, den ich bewundere. Und dann hat auch die Problematik mich gefesselt, denn ich ahnte, dass eine ähnliche Trennung mir bevorstand.
In demselben Jahr 1972 veröffentlichte Handke und las ich ein womöglich noch tiefer treffendes Buch, wieder autobiografisch, „Wunschloses Unglück“. Es schildert die Lebensumstände  und, soweit er sie wahrnimmt, auch die Gemütszustände seiner Mutter mit einer beinahe grausamen Genauigkeit, die aber dennoch nie lieblos auf mich gewirkt hat.
Das hat mir nun fast den Atem geraubt. Auch ich war bemüht, meine Mutter so zu sehen, wie sie (1918 geboren) gewesen war. Meine Schwierigkeiten, mich in sie einzufühlen, erschienen mit sehr oft blockiert von Wut und Hass, - andererseits verdankte ich ihr sehr viel. Der Psychoanalytiker, von dem ich mir helfen liess, hatte ein weisses Kissen hinter seinem Kopf, ein schwarzes auf dem Schoss. Er warf mir das weisse plötzlich kommentarlos zu. Verblüfft fing ich es auf. Dann das schwarze. Ich war ratlos, was das bedeutete – bis er fragte: Das schwarze Kissen ist die Aggression gegen Ihre Mutter, das weisse die Liebe zu ihr und Ihre Dankbarkeit. Ich begriff nicht. Er fragte: Sind Sie stark genug, beides gleichzeitig festzuhalten?
Handke war es. Was für eine Kraft!
Später erschienene Bücher von ihm sind mir dann nicht mehr so nahe gekommen. Eigentlich habe ich diesen Kollegen aus den Augen verloren. Bis zu der unerwarteten Nachricht, sie erinnerte mich an ihn. Neugierig auf das mediale Echo, sah und hörte ich mich um. Ich fand Erstaunliches. Beleidigt Stockholm mit der Nobelitierung die Opfer serbischen Terrors?
In der Süddeutschen Zeitung erklärte ein Kommentator bündig, die Jury habe wieder einmal versagt. Handke fügte sich nie, wird vorgebracht, dem Urteil der westlichen Welt, was die Einschätzung Serbiens während der Jugoslawienkriege angeht. „Was erlauben Handke!“, um einen Fussballtrainer zu zitieren, der des Deutschen weniger mächtig war als der Literat.  Der Preis habe nicht etwa nur an einen anderen, moralisch und politisch weniger fragwürdigen Autor, sondern sogar an einen anderen Erdteil adressiert sein müssen!
Ich fand ich die Kompetenzanmaßung zum Lachen. Nicht in Stockholm soll über Preisträger entschieden werden, sondern in München?!
Mir hat die Jury mit der Preisverleihung einen Gefallen getan. Es ist die Erinnerung daran, dass die Zerstörung von Reputation ein Unrecht ist. Und das nicht nur deshalb, weil ich das so deutlich und so quälend empfinde.
Dieses Unrecht zu begehen ist leider tagtägliches Geschäft in den Medien der westlichen Welt geworden. Mit deren routinierter Leumundsvernichtung sollen wir uns abfinden? Gewiss nicht. John Fords Film von 1939 endet mit einer Melodie, die zu den bekanntesten und tröstlichsten in eben dieser westlichen Welt gehört. Während die Fotografie des jungen Mr.Lincoln, Henry Fondas Gesicht also, mit dem berühmten Marmorkopf des Lincoln-Memorials verschmilzt, hören wir  His truth is marching on. Wurde zu Zeiten auch von Soldaten gesungen: His troops keep marching on!
I want to be in that number.              

Freitag, 4. Oktober 2019

Abschluss-Rechnung (für mein Zeitungs-Abo)



Heute werde ich das Abonnement meiner Zeitung mit der letzten Überweisung beenden. Am 24.10. bekomme ich sie zum letzten Mal. Der mehrheitstrunkene Opportunismus der Berliner Zentralredaktion wird mir dennoch weiterhin begegnen, in so gut wie allen westlichen Medien, gedruckten wie gesendeten. Alle hämmern mir die gleiche Botschaft ein: Ich müsse unentwegt für die Demokratie eintreten – was ich selbstverständlich ohnehin tue. Es ist ja nicht etwa so, als wäre außer einer ganz geringen Minderheit irgendjemand gegen „die Demokratie“. Nur sind viele dagegen, wie sie politisch gehandhabt und ich bin dagegen, wie sie publizistisch vertreten wird. Konkret: Ich traue unseren West-Medien schon lange nicht mehr. Vielmehr gehe ich davon aus, dass alles, was ich von westlichen Medien erfahre, entweder lückenhaft ist – oder direkt falsch.
Wo also informiere ich mich dennoch? Zum Beispiel über CGTN – China Global Televison Network. Bestimmten Formaten vertraue ich, weil ich sie seit Jahren als zuverlässig kenne. Es sind vor allem: The Heat, World Inside, Dialogue, To the Point.
Auch Russia Today International finde ich oft anregend und interessant.
Dass ich alles, was ich dort erfahre, noch einmal überprüfe, ist selbstverständlich. Vieles kann ich googeln und so bestätigt oder in Zweifel gezogen finden.
Die Verleumdung dieser Quellen als Propaganda nehme ich längst nicht mehr ernst. „Propagandized“ fühle ich mich hingegen durch unsere Westmedien, worunter ich vor allem die New York Times und leider auch France 24 zählen muss, sehr schade.
Dass die FAZ und die Süddeutsche gestern zum 70. Jubiläum der chinesischen Unabhängigkeit ganze Seiten mit wüstester Polemik gegen China gedruckt haben und Die Welt sogar eine Schlagzeile, konnte mich nicht erstaunen. Ich war darauf gefasst. Einigermaßen fassungslos machte mich allerdings der Ton der Diffamierungen. Chinas Führung wurde wie eine üble Verbrecherbande beschrieben. Also nicht die Erfolge der KPC wurden bezweifelt, sondern die Art, wie sie erzielt worden seien.
Umgekehrt wird mir – uns allen im europäischen Westen – tagtäglich eingehämmert, wir müssten stolz darauf sein, wie wir unsere Probleme nicht lösen. Das eben bedeute, dass wir unsere Art der Selbstregierung erdweit exportieren und etablieren  müssten. Auch durch militärische „Friedenseinsätze“ wie etwa in Afghanistan. Und nun höre ich heute früh von dem Berliner Fernsehkorrespondenten Wilp, unser Innenminister Seehofer sei mit dem erklärten Auftrag nach Ankara gereist, ein zweites 2015 zu verhindern. Eine Korrespondentin berichtet von der Insel Mythilene (Lesbos), dass dort eine Familie aus Afghanistan seit drei Jahren auf  Zugang nach Europa wartet, vier Kinder, sie verzweifeln. Eines verstümmelt sich selbst: ein Hilferuf?
Unsere Politiker wissen, was sie zehntausenden Menschen zumuten, indem sie ihre Herkunftsländer verwüstet haben und weiter verwüsten. Und was den Bewohnern dieser Inseln zugemutet wird, wenn Olivenhaine zu Zeltlagern werden.
Wie leben unsere Politiker, dies wissend, mit sich selbst?
Und wie leben meine Kollegen aus der Publizistik mit sich selbst, wenn sie Tag für Tag chinesische Kollegen diffamieren, die erdweite Probleme von allen Seiten zu beleuchten gewohnt sind und Lösungen diskutieren?
Warum soll übrigens eine zweite Flüchtlingswelle verhindert werden? Wie leben unsere deutschen Kommentatoren mit sich selbst, wenn sie ausgerechnet diejenigen Oppositionsparteien als unwählbar darstellen, die eine neue Flüchtlingswelle ablehnen und logisch folgernd ständige Kriegszüge ebenfalls?  Meine deutschen Kollegen – sind sie noch irgendeinem Ehrbegriff verpflichtet? Ich kann es nur bei ganz wenigen und nur ausnahmsweise erkennen. Mehrheitstrunkener Opportunismus erstickt dringend nötige Selbstkritik und noch viel dringender notwendende Hilfeleistungen!
Wir leben in finsterer Zeit, das Licht der exklusiv akzeptierten Öffentlichkeit verdunkelt alles.     

Samstag, 28. September 2019

Gerhard Schröder im Fokus



Der zweite Irak-Krieg hat die Dekonstruktion des Nahen Ostens eingleitet. Die von der Koalition der Willigen versprochene Rekonstruktion ist suboptimal verlaufen. Mit all den Konsequenzen für unsere Innenpolitik, die wir kennen. Im Irak entwickelte sich der IS, bei uns die AfD. Schröders staatsmännische Voraussicht wird dennoch nicht honoriert - manche meinen, sein Machismo wirke allzu unsympathisch.
Doch Machismo ist Guido Westerwelle nicht vorzuhalten, und auch er ist von unseren Medien wüst beschimpft worden, weil er sich der Attacke auf Libyen nicht angeschlossen hat. Ebenfalls eine weise staatsmännische Voraussicht verheerender innenpolitischer Folgen.
Es bleibt dabei, wer sich der Kriegsindustrie nicht "willig" fügt, wird zum Opfer verrohter westlicher Medienpropaganda. Das alles ist von allergößter und übelster Wirkung auf unsere gesamte Innenpolitik. Es droht nun ein Krieg im Herzen der abendländischen Kultur, die um das Mittelmeer gruppiert ist.
Wenn wir nur heute wieder Staatslenker vom Format eines Schröder, eines Chirac hätten - und Putin wieder als einen vertrauten, verlässlichen Freund. Stattdessen ...
Schaut euch die Staaten um das Mittelmeer jetzt an. Vielleicht zuerst den früheren Hoffnungsträger Tunesien.
Und dann auch unsere EU - wie selbständig und emanzipiert wirkt sie nun?
Es gibt freilich eine lange Tradition, große Lebensleistungen herabzuwürdigen, indem man sie nach Fehlern absucht - und auch immer welche findet. Shakespeare, hat er überhaupt gelebt oder sich feige hinter einem Pseudonym versteckt? Goethe, hat er oder hat er nicht das Todesurteil gegen eine Kindsmöderin gebilligt? Er hat. Und Jefferson, Skandal, er hielt schwarze Sklaven. Washington, ich habe schon wieder vergessen, was er alles verbrochen hat. Ich mag nicht weitermachen, denn ich - ich weiß mich ohne Fehl.
Ähm, nein, nicht ohne jeden Fehl, aber doch ohne unentschuldbaren. Ich hab mich halt manchmal geirrt, das ist alles. Wenn ich dereinst vor Gott stehe, hoffe ich auf mehr Nachsicht, als Menschen zu gewähren bereit sind.

Mittwoch, 28. August 2019

Was uns die Medien zumuten - und was nicht


Ich will heim

„In my younger and more vulnerable days“, um den ersten Satz eines berühmten Romans zu zitieren, habe ich einen Teil unserer Presse als frei empfunden. Es gab Medien, die wider den Stachel löckten: dagegen, dass Arno Schmidt wegen Gotteslästerung angeklagt und Hildegard Knef als Sünderin verunglimpft wurde, um Beispiele zu nennen. Es war ein Kulturkampf gegen Spießbürgerei, der da ausgetragen wurde. Teils sehr heftig. Ich fühlte mich mit Zeitungen wie der Frankfurter Rundschau und der Zeit solidarisch und bei der richtigen Truppe, sowohl passiv als Leser wie aktiv als Journalist. In beiden Blättern konnte ich mich informieren und selbst publizieren.
Später habe ich festgestellt, dass es Kulturkämpfe gegen Spießbürgerei schon lange vor meiner Zeit gegeben hatte. Mit unglaublicher Courage hatte Franziska von Reventlow in der Kaiserzeit den Roman einer weiblichen Pubertät zu veröffentlichen gewagt, Ellen Olestjerne. Es war die Entdeckung der Authentizität in der deutschen Literatur – wir Achtundsechziger haben sie wiederentdeckt im vielgeschmähten Materialismus des 19. Jahrhunderts. Was uns als Begründung für den Krieg in Vietnam angeboten wurde, genügte uns nicht, wir diskutierten Karl Marx und mischten uns in die Politik ein. Was in den Arztpraxen als Ursache von Kopfschmerzen genannt wurde, war noch läppischer. Wir entdeckten Sigmund Freud und riskierten Psychotherapien. Es war unser Kulturkampf.
Heutigentages empfinde ich die mir zugänglichen Medien als barbarisch. In jeder Zeitung steht, in jedem Radiosender höre ich, in jedem Fernsehprogramm sehe ich das gleiche. Auf der Suche nach ergänzenden Informationen – „audiatur et altera pars“, vor jeder Beurteilung auch die andere Seite berücksichtigen – weiche ich auf Internetquellen aus und werde von den Gleichgeschalteten belehrt, ich sei das Opfer von Propaganda und Populismus. Kämpfe um Kultur vermissend, werde ich verächtlich gemacht.
Irgendwo habe ich dieser Tage gelesen, der stets von Unruhe geplagte Goethe habe ständig vor sich hin gegrummelt und gemurmelt: „Nur ruhig, ruhig, still!“ Ich murmele und grummele auch oft vor mich hin, und zwar „Ich will heim“.
Es ist das Heimweh nach einem Land, wo ich faire, objektive, um Wahrhaftigkeit bemühte Informationen bekomme. Ich lese die Frankfurter Allgemeine, die Süddeutsche, die taz. Ich höre den WDR. Ich sehe ARD, ZDF und Arte und etliche andere. Überall Hetze und Hass. Überall: Krieg gegen Russland – aber um Gotteswillen nur wirtschaftlich. Krieg gegen – nein: in Syrien, Afghanistan, wo noch? Egal, unser Militär wird überall gebraucht. Fragt jemand die Russen, die Syrer, die Afghanen? Einzelne schon, alle kann man ja nicht fragen, und Umfragen wären nicht zuverlässig, weil durch Propaganda beeinflusst. Was bei uns selbstverständlich nicht der Fall ist.
Ich fühle mich zurückgeworfen in die Kaiserzeit. Ein vaterlandsloser Geselle. 


  


   





Dienstag, 27. August 2019

Aus meinem Briefwechsel mit Eckart Spoo


Eckart Spoo Wie weiter?
Verlag am Galgenberg      

Welche Möglichkeiten und Perspektiven gibt es für Sozialisten hierzulande?
Diese Frage hat der Journalist und Gewerkschafter Eckart Spoo 1988 einigen
Kollegen gestellt, die er als „links“ einschätzte.
In dem Buch sind zahlreiche Antworten verzeichnet, auch meine.
Eckart bezeichnet sie als überraschend, weil ich auf jede Utopie verzichte,
aber nicht auf den sozialistischen Anspruch.
Marx und Engels haben sich und ihren Lesern nie ausgemalt,

wie einst der Sozialismus aussehen könnte. Über die langen Zeit-
räume hinweg, mit denen sie rechnen mußten, wäre das verwegen
gewesen.
Nach dem Scheitern des „real existierenden Sozialismus“ erhob sich die Frage:
lst auch uns der Sozialismus zu fern, als daß wir irgend-
welche Konturen erkennen könnten? Sind wir so fest und dauerhaft
im Kapitalismus eingerichtet? lst dessen Ende auf absehbare Zeit
so unwahrscheinlich, daß wir uns gar nicht dafür interessieren,
was nachher kommen sollte oder könnte?


Ich lebte damals fast zwanzig Jahre lang als freier Schriftsteller und Journalist
in Langenwang bei Fischen im Allgäu.
Unser Berghaus mit Hund und Katzen habe ich als meinen Glücksort
beschrieben.  

MICHAEL MOLSNER:

Das, was ich alltäglich tue


Lieber Eckart,
Sozialismus ist für mich kein Zustand, in den ich irgendwann eintre-
ten könnte wie in ein Zimmer, sondern eine Tätigkeit, die ich alltäg-
lich betreibe . In der kleinen bayerischen Fremdenverkehrsgemeinde,
wo wir seit sechs Jahren wohnen, bin sozusagen ich der Sozialismus.
Ich bitte, das ,,sozusagen" ernst zu nehmen. Die Formulierung ist als
Metapher gemeint: Nicht ich allein, sondern unser SPD-Ortsverein
mit seinen jetzt gerade 18 Mitgliedern verkörpert in meinem Heimat-
dorf, so gut oder schlecht es eben gehen mag, den Sozialismus. Ich bin
der Vorsitzende.
Was wir tun (oder nicht tun, weil wir nicht wollen oder nicht kön-
nen), ist das, was die 3.000 Seelen vom Sozialismus erfahren. Andere
politische Gruppierungen, die sich als ,,links" verstehen könnten (wie
Grüne oder DKP), spielen hier auf kommunaler Ebene keine Rolle.
Was tun wir nun also, und was tun wir nicht?
Die B 19 von Sonthofen nach Oberstdorf führt durch den Ort mit-
ten durch. Wir haben uns stark gemacht für eine Begrenzung der Ge-
schwindigkeit auf 80, fanden die Unterstützung des Bürgermeisters
und des ganzen Gemeinderats und konnten doch nicht mehr errei-
chen als ein Probejahr mit den 80-Schildern, das nun beendet werden
sollte. Neuerliches Hin und,Her, Schreiben an die Abgeordneten im
Landtag, an die Presse - jetzt ist es soweit, 80 gilt ohne zeitliche Be-
Begrenzung.
Seite an Seite mit der CSU, in diesem Fall - eine solche Außerung
wird nach meiner Erfahrung außerhalb Bayerns immer mißverstan-
den , auch von denen, die sich als gewitzt verstehen. Die meisten Intel-
lektuellen und Linken, die ich treffe, glauben ganz genau zu wissen,
wie es in Bayern zugeht. Sie erzählen es mir, meist lachend. Auf die
ldee , mich zu fragen, welche Erfahrung ich hier mit der CSU mache,
ist noch niemand gekommen. Alle wissen es schon - sie glauben es zu
wissen. Die Wirklichkeit, wie ich sie erlebe, ist anders.
Das liegt daran, daß in einem so kleinen Dorf vom großen Kapital
nicht viel zu spüren ist. Es gibt bei uns einen Namen, der im Zusam-
menhang mit Grundstücksspekulationen schon mal im ,,Spiegel" ge-
nannt wurde ; aber während der letzten Jahre hatte ich keine Berüh-
rung mit dem Mann.
Der Mittelstand ist es, der hier regiert ; das ist wörtlich zu verstehen .
Im Gemeinderat sitzen ein Hotelier, ein Drogist, ein Arzt, ein Möbel-
tischlereibesitzer usw. Sie alle sind hier geboren, hineingeboren in be-
stehende Gewerbebetriebe, in die CSU, in die katholische Kirche. Wer
alteingesessener Gewerbetreibender ist, der ist katholisch und CSUler
und in etlichen Vereinen aktiv. Die besten Leute aus dieser Schicht sit-
tzen zu zwölft im Gemeinderat und bilden die CSU-Fraktion, die vom
Bürgermeister, der zugleich CSU-Vorsitzender ist, geleitet wird.
Ihnen gegenüber sitzen wir zwei SPD-Mitglieder, der andere ist
Hauptschullehrer und auch, wie ich, zugezogen. Wer nicht alteinge-
sessen ist und keinen Betrieb geerbt hat, wer also zugezogener Arbeit-
nehmer, Selbständiger oder kleiner Beamter ist, der organisiert sich in
der Regel als Sozi, ist evangelisch oder denkt ,,liberal" im fortschrittli-
chen Sinne.
Wir zwei werden nun von der übermächtigen CSU-Fraktion (nach
anfänglichen Scharmützeln mit schwerem Säbel) gut behandelt. In allen
Ausschüssen sind wir vertreten. Anträge, die uns wichtig waren, fan-
den die nötige Unterstützung; allein könnten wir nichts ausrichten.
Am wichtigsten war mir persönlich das Grabdenkmal für drei 1944
an Lungenentzündung verstorbene Fremdarbeiter. Wir hatten hier
ein Außenlager des KZ Dachau, es war klein. Niemand wurde so bru-
tal gequält wie in Dachau, es gab keine Hinrichrungen, sondern allen-
falls Rückführungen nach Dachau, wo exekutiert wurde; außerdem
wurden, neben,,verschleppten " auch,,freie" Fremdarbeiter beschäf-
tigt. Drei, ein Belgier, ein Pole, ein Ukrainer, lagen unter vernachläs-
sigten Holzkreuzen auf dem ansonsten durchaus wohlhäbig gestalte-
ten Friedhof.
Wir setzten durch, daß ihnen ein Grabmal aus drei schö-
nen, auffälligen Granitkreuzen gesetzr wurde, darauf eingemeißelt:
Namen, Geburtsdaten, Sterbedaten aus dem Pfarrbuch. Unser Orts-
chronist konnte bisher nicht in Erfahrung bringen, wo die Leute genau
wohnten und wieso sie an Lungenentzündung sterben mußten. Das
Grabmal steht. Das Archiv bleibt zu ergänzen.
Ein besonders klotziges Kriegerdenkmal mit Eisernem Kreuz kam
mir immer häßlich, ja abstoßend vor. Ich fragte nach und erfuhr: Es war
bereits in den zwanziger Jahren geplant worden, also keine Errungen-
schaft der Zeitgenossen. Damit die Touristen nicht meinen, wir Heu-
tigen hätten es so gewollt, schlug ich vor, die Daten der Entstehung
anzubringen und zu erläutern. Das wurde gemacht.
Immer wieder kommen hier Katzen auf scheußliche \Weise zu Tode.
Ich denke mir, auch im Umgang mit Tieren zeigt sich das Niveau un-
serer Alltagskultur, bin also bestrebt, für Tiere und ihren Schutz ein-
zutreten, und habe die Gründung eines Tierschutzvereins aufs Pro-
gramm des Gemeinderats gesetzt.
Das sind einige wichtige Initiativen - mir wichtig. Die anderen
kann ich hier nicht ausbreiten. Das Verhältnis zu den Gemeinderatskol-
legen ist gut. Neulich waren wir mal auf Besichtigungsfahrt in Mün,
chen und wurden von der Zentrale einer riesigen Bank bewirtet. Der
Gastgeber flocht in eine Laudatio auf uns Ehrenamtliche ganz bei-
läufig ein, wie sehr doch die politische Bewegung von 1968 gescheitert
sei. Nichts sei davon geblieben. Da meldete ich mich und sagte: Doch,
ich sei übriggeblieben und auf meinem Weg durch die Institutionen
jetzt hier angekommen, in dieser Bank, um Ihnen zu widersprechen. Es
war eine Fahrt mit Damen, meine Frau war also dabei und bekannte
sich auch gleich als eine von diesen Gescheiterten, von denen nichts
geblieben sei.
Es hätte peinlich sein können, war's aber nicht, denn unser Bürger-
meister sagte in freundlich-kommunikativem Ton zu dem Mann: Ja-
wohl, die Molsners seien in der Tat so Altachtundsechziger, doch
doch, solche gebe es schon noch.
Zu einem großen lärmenden Zusammenstoß zwischen den Fraktio-
nen ist es bisher nicht gekommen. Sollte ein Anlaß solchen Zusam-
menstoß fordern, werde ich ihm nicht ausweichen. Vor allem will ich
aber zeigen und sozusagen vor-leben (ich weiß, das klingt vielleicht be-
laden von Schulmeisterlichkeit, sorry), daß man nicht hassen und große
Anlässe suchen muß, um Interessen zu vertreten und auch zu realisie-
ren.
,,Ich hasse Euch, ich hasse Euch alle, Ihr wißt gar nicht, wie ich
euch hasse!", soll neulich eine Grüne einer konservativen Honoratio-
renversammlung zugerufen haben und aus dem Saal gelaufen sein.
Ich laufe nicht hinaus, sondern bleibe sitzen an dem Tisch, wo der All-
tag verhandelt wird.

Mir herzlichem Gruß
Mike


Samstag, 17. August 2019

Mit einem Roten Stern am Grab


Fortsetzung des Mailbiefwechsels

Auf deine Zusammenfassung wäre ich schon gespannt - was du für wichtig hältst oder auch im Gedächtnis als wichtig bewahrst.
Bin im Moment etwas erschrocken, denn im Zusammenhang mit unserer Korreschpondenz war mir eingefallen, dass in früheren Jahren Dietrich Kittner und Eckart Spoo mich unbedingt überreden wollten, in die DKP einzutreten - ohne aber selbst diesen Schritt zu wagen. Ich fand das damals nicht aufrichtig mir gegenüber - nicht freund-lich. Nun wollte ich wissen, was aus ihnen geworden ist und ob sie immer noch nicht Farbe bekennen. Nun - Kittner ist 2013 gestorben und Spoo 2016.
Kittner liegt mit Frau Christel und Sohn Konrad in einem Hannoveraner Familiengrab unter einem weithin sichtbaren Roten Stern. Das nun wieder ruft meine allererste Erinnerung an Dietrich wach: Er hat mir Ernst Busch vorgespielt. „Da kamen sie aus aller Welt mit einem Roten Stern am Hut“. Die Aufnahme hat mich spontan abgestoßen, ich meine den Text „Dem Faschisten werden wir nicht weichen, schickt er auch die Kugeln hageldicht. Mit uns stehn Kameraden ohnegleichen und ein Rückwärts gibt es für uns nicht!“
Mir schien, das war ein sicheres Rezept für Verlierer. Erinnerte mich überdies an Hitlers Durchhaltebefehl für Paulus und die sechste Armee, die in Stalingrad, diesen Führerbefehl befolgend, in Tod und Gefangenschaft endete. Und was rät Mao: Wenn der Feind angreift, ziehen wir uns zurück. Wenn er biwakiert, gruppieren wir uns neu. Wenn der Feind sich zurückzieht, greifen wir an. Oder so ähnlich. Alle diese Zitate nehme ich aus dem Gedächtnis, sein werden nicht ganz genau sein.
Mir ist klar, dass zur Zeit des Spanienkrieges Maos Strategie noch nicht bekannt und Ernst Busch berühmt war. Aber Kittner spielte es mir vor, als Mao gesiegt und China von grausamer Kolonialisierung befreit hatte. War Kittner blöd? Hielt er mich für blöd?
Eine weitere Erinnerung an Kittner: Du wirst nie ein richtiger Marxist, Mike. Und an Spoo: Das ist der falsche "Mann" in deinem Bücherregal, Mike. Heinrich ist der richtige, nicht Thomas.
Nun, Heinrich Mann redet nicht nur, er schreibt sogar autoritär. Ich hab jetzt alles von ihm, aber mag ihn nicht lesen. Als ewiger Rechthaber spielt er sich auf. Ohne Humor. Ich glaube ihm nicht. Auch den Henri Quatre glaube ich ihm nicht. Über die Hugenottenkrise habe ich mit Faszination „Königin Margot“ von Alexandre Dumas gelesen.
Warum konnte nie ein Marxist aus mir werden? Ich hatte Lenin nicht intus, meinte Dietrich. Überhaupt brauche ich Marx gar nicht zu kennen, Lenin reiche völlig aus, um ein guter Kommunist zu sein.
Es tut mir jetzt leid, dass meine aktuellen Gedanken an sie unfreund-liche waren.
Aber es ist ja schon so, sie waren beide enorm autoritär und wünschten Gefolgschaft. Nicht mein Ding.
Ich bin wohl mit einem Gen für Dialektik geboren – für den Blick für die andere, zum Beispiel die alltägliche Seite. Es ist „theoretisch falsch und praktisch gefährlich“, wie einst ein SDS-Freund formuliert hat, auf konkrete Probleme abstrakte Antworten zu geben.

R: Was ja in der Studentenbewegung von Anfang an angelegt war, war die
Marx-Exegese. Da wurde einem von irgendwelchen Tutoren eine bestimmte
Auslegung der Texte angedient. Irgendwann  wurde jedes Phänomen auf den
historischen Grundwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit zurückgeführt,
abgeleitet. Es wurden Dinge mit einer Vehemenz vertreten, die mich an
den Ton der christlichen Erzieher, Prediger und Pfaffen, denen ich grade
entflohen war oder wegen meiner Rabulistik in die Flucht getrieben
hatten, eine Flucht, die für mich wie ein Sieg war. So, mit dem damals
erworbenen Misstrauen betrachtete ich dann das, was ich an der
Universität vorfand. Wieder waren Missionare am Werk. Als
Studienassessor am Gymnasium hatte ich es auch mit ehemaligen
Spartakisten aus Marburg und  ehemaligen KBWlern zu tun. Ich wurde sehr
schnell Vorsitzender der Fachgruppe Politik. Was hatte ich davon: Ich
musste für die genannten Linken bei der Bezirksregierung die Kohlen aus
dem Feuer holen, wenn Abi-Themen abgelehnt wurden. Die Herren Linken
ließen das mich erledigen. Über meine amtlichen Auseinanderetzungen mit
der Bez.Reg. habe ich noch die Dokumente. Als sich die Gelegenheit bot,
habe ich meine ehemalige Stammschule verlassen, wegen meiner Freunde.
Meine Gegner zollten mir Respekt.

Als ich Deine Zeilen über Kittner und Spoo las, war ich zunächst
erstaunt, weil ich beispielweise Spoo als guten Zeitungsmann, ebenso wie
Roland Bunzenthal und Romeo Rey Vertreter der alten Frankfurter
Rundschau, und ebensolchen dju-Vorsitzenden in Erinnerung hatte. Aber
beide waren wohl auch Hohe Priester ihrer eigenen Sache. Und man
unterschätze den persönlichen Narzissmus beider nicht. Ich weiß aus
meiner Zeit als Vorsitzender der Bürgerinitiative Umweltschutz Brake
sehr wohl, was es bedeutet mit einem Mikrofon in der Hand zu einer
größeren Gruppe zu sprechen. Man zieht aus den Mienen der Leute die
neuen Sätze, nach der Devise: zufriedene Mienen danken es Ihnen.

Zu Eribon: Ich habe seine 3. Dimension der Ausgrenzung (er war auch
wegen seiner sexuellen Orientierung (fürchterlicher Ausdruck, genauso wie
Migrationshintergrund) - er ist schwul - ausgegrenzt) vernachlässigt,
weil ich die soziale beim Schreiben des Textes für wichtiger hielt. Das
Buch wurde in Fr 2009 veröffentlicht. Erst die deutsche Übersetzung 2016
löste eine breitere Diskussion in der Fachwelt und der Belletristik aus.

Anke Stelling bezieht sich an einer Stelle im Roman "Schäfchen im
Trockenen" auf ihn. Die Buchbesprechung, die ich ein paar Monate vor dem Leipziger Buchpreis geschrieben habe, befindet sich im Anhang.

Daniela Dröscher, 24 Jahre jünger als Eribon, hat die Geschichte ihrer
sozialen Herkunft in "Zeige Deine Klasse" schon im Gestus des Titels ein
anderes Buch als Eribon, auf den sie sich auch ausdrücklich bezieht:
"Ich las das Buch atemlos, mit heißen Ohren, und entdeckte darin im
Nachhall eine Hintertür für mich. Obgleich ich mit liebevollen,
wohlhabenden, gebildeten Eltern aufgewachsen bin,...." (21). Hier weiß
man bereits, dass es nicht nur die Altersdifferenz , sondern auch die
der sozialen Herkunft ist, die sie von Eribon trennt. Dröscher
beschreibt analytisch sicher in der soziologischen Begrifflichkeit(die
jüngere französische Soziologie und Philosophie sind ihr nicht unbekannt)
ihr bisheriges Leben. Da geht es nicht um "Karriere" oder Aufstieg
sondern um die suchende Konstruktion eines guten Lebens (ökonomisch
fällt sie hinter ihre Eltern zurück, hat dabei aber immer die
emotionale, soziale und ökonomische Sicherheit des Elernhauses im Rücken. )



Mittwoch, 14. August 2019

Soll ich mich verhauen lassen?


Fortsetzung des Mailbriefwechsels

Alain Delon. Meine Lokalzeitung macht heute die Seite "Leute" mit ihm auf. Da heisst es, Beobachter seien erstaunt, wie bestürzt die französische Öffentlichkeit auf
 seine Erkrankung reagiert habe. Besonders die Boulevard-Medien. Er sei nie
 so beliebt gewesen wie seine "Konkurrenten" Depardieu und Belmondo.
 
Ich war immer schon ein Bewunderer von Delon und habe einen meiner besten
 Essays über ihn geschrieben. Ganz großartig ist er in "Jet Set" mit Sidne
 Rome und Jeanne Moreau. Dann in der Flic Story mit Trintignan: Delon
 gelingt die Festnahme des brutalen Serienkillers, er muss aber so gemeine
 Tricks benutzen, dass er schließlich den Eindruck hat, er sei auch nicht
 besser.
 Dann natürlich die Krimis mit Gabin. Undsoweiter. Einer mit Simone
 Signoret.
 Ich habe wohl zwei Dutzend Filme von ihm, wenn nicht mehr.
 Mit 40 hätte ich gerne so ausgesehen wie er im selben Alter ;-)

 In dem Beitrag behaupten sie, er sei weit rechts "verordnet", ein
 Druckfehler. Aber fast all seine Filme sind engagiert links, weit links
 sogar. Der Fall Serrano mit Ornella Muti! Noch linker geht es kaum.

 Nu –

R: Hast du den Thriller "Scorpio" mit Alain Delon und Burt Lancaster? Den
kann ich mitbringen. Zuhaus müsste ich weitere in der Schublade haben.

 Danke nein, Scorpio mag ich nicht. 
Von Delon habe ich wohl alles, was ich gut und auch gelungen finde.  
Kann bei hundert Filmen nicht gar alles sein.
Sein Meisterwerk ist Jet Set, da  setzt er sich mit der Selbstzerstörung der Linken auseinander. Erstaunlich ist die genaue Darstellung der Selbstabschaffung 
 der Sozialisten viele Jahre vor Hollande! Die Rechte konnte ja nur
 stark werden, weil die Linke sich so verhielt wie im Film dargestellt am Beispiel der Sozialisten. Houellebecq hat ja dann  jeweils zwei Jahre vorher dargestellt, was erst geschah, als das Buch erschien - aber das konnte ich auch, zwei Jahre vorhersehen,  ist eher zu erwarten.

 Dass Delon heute Positionen vertritt, die als rechtsextrem
 beschrieben werden, schadet ihm hoffentlich nicht zu sehr. Sie sind
 bereits zu de Gaulles Zeiten wütend bekämpft worden, das habe ich
 seinerzeit aktuell mitbekommen, weil ein Lehrer-Ehepaar zu unserem
 Bekanntenkreis im Allgäu gehörte. Sie so radikal wie Delons Gegner
 im Film und daher nicht bereit, mich als Sozialdemokraten zu
 unterstützen, er als O'studienrat grundsätzlich neutral. Beide haben
 meine Positionen gegen die CSU immerhin am Kaffeetisch unterstützt,
 offiziell leider nicht. de Gaulle war für sie ein Faschist. Tat
 nichts zur Sache, dass er die Nazis bekämpft und den Kolonialismus
 beendet hat, wo es möglich erschien, beides übrigens unter hohem
 persönlichen Einsatz und Risiko. Ich hingegen bewunderte de Gaulle
 und fühle mich bestätigt durch Peter Scholl-Latour, den besten und
 für mich vertrauenswürdigsten politischen Publizisten bei uns.

 Ganz erstaunlich und beinahe unfassbar ist Houellebecqs Voraussicht
 der völligen Zersplitterung nicht nur der Linken, sondern unserer
 gesamten westlichen Gesellschaften und jetzt sogar der Individuen in
 seinem Erstling "Die Ausweitung der Kampfzone". Ein Panthersprung in
 die Weltliteratur, wie er einst Hamsun mit "Hunger" gelungen ist.

 Heute ist die Denunziation gaullistischer Positionen als reaktionär
 und faschistoid noch befremdlicher als früher, denn Danièle (so hieß
 sie) hielt innerlich zu den französischen Kommunisten, die de Gaulle
 ablehnte - beraten durch Malraux. Die Gelegenheit für die KPF sei
 vorbei, meinten beide, wie in den Anti-Memoiren nachzulesen. Ich
 habe die Übersetzung von Carlo Schmid. Bin sicher einer der wenigen
 in der SPD. Warum ich noch in dieser Partei bin, obgleich sie vor
 aller Augen den Weg Hollandes geht - ? Bin wohl zu alt für aufreibenste
 Kämpfe.
 Soll ich mich verhauen lassen?

R: Ich glaube, dass die deutsche Sozialdemokratie anfing auszufransen,
als Rudolf Scharping Vorsitzender wurde. Er plantschte als
Verteidigungsminister auf Malle mit seiner Freundin rum, derweil seine
Soldaten auf dem Balkan ihr Leben riskierten. Die taz hat im damaligen
Wahlkampf für die SPD eine Photomontage als Plakat gedruckt. Der
kniende Scharping in Polen. Darunter: Das kann ich auch. Darum SPD.
Von allen Seiten Empörung. Dabei machte diese Montage nur das
Niveaugefälle besonders deutlich.
Eribon hat in seinem Buch "Retour a Reims" den Zerfall des pcf gut beschrieben. Ab Freitag kann ich Dir eine Zusammenfassung zuschicken.



Samstag, 10. August 2019

Um zu mir zu finden

Fortsetzung des Mailbriefwechsels


R hat gemailt, dass er daran denkt, seine Wohnung in Marseille zu verkaufen. Ob er sich das nicht zu einfach vorstellt?
Mir ist der Abschied von meinem Glücksort sehr schwer geworden, bis heute will er nicht recht gelingen. Vor allem gibt es ja kein Zurück. You can’t go home again, warnt Thomas Wolfe. Und Proust: Häuser und Avenuen sind flüchtig, ach! wie die Jahre. Und Karen Blixen, als sie erfährt, dass Farah Anand tot ist, macht  eine existenzielle Krise durch. Er war ihr langjähriger schwarzer Vormann auf der Farm in Afrika zu Füßen der Ngong Berge. Sie war Herrin, er „Knecht“. Sie bestimmten und bestätigten einander. Sie konnte sich ohne ihn, obgleich viele Jahre vergangen waren, nicht denken, nicht fühlen – sie wusste nicht mehr, wer sie war.
Rettend fiel ihr ein, dass sie ihn beim Beginn einer Safari manches Mal voraus geschickt hatte, um ein Lager für die Nacht vorzubereiten. Bei diesem Gedanken fand sie Ruhe – und mir traten Tränen in die Augen, als ich es las.
Ich verdanke R’s Mail die plötzliche Erkenntnis, warum Karens Erinnerung mir so zu Herzen geht.
Am Allgäuer Glücksort war ich Herr des Hauses. Meine Tiere haben sich auf mich bezogen wie ich mich auf sie. Ich war ihr Großer, sie wohnten bei mir. „Das ist der Hund dieses Hauses“. Der Hund wiederum bestimmte sich gegenüber den Katzen, die sein Rudel waren. Ein Hund wäre ohne seinen Großen, seinen Herrn, identitätslos. Und wer ist Herr über niemand?
Brechts Vorstellung, dass der Mensch ein Mensch ist, weil er über sich keinen Herrn sehen will und unter sich keinen Knecht, bewährt sich nach meiner Erfahrung nicht – es ist irreführend. Ich war glücklich, solange ich „Herr“ war für meinen Hund. Mein Hund war glücklich, als er mich als seinen Herrn über sich wusste und unter sich seine Katzen.
Inzwischen bin ich alt und niemandes Herr mehr.
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit haben meine Tiere mich besucht, in Träumen, wenn ich in Notlagen wieder einmal dringend Hilfe brauchte, um zu mir zu finden.


 

Freitag, 9. August 2019

„Ehe uns die ganze Geschichte um die Ohren fliegt“



Beginn eines Mailbriefwechsels

Ich beginne: Hi - du, ich hab in der heutigen FAZ einen Aufsatz von Schlink gefunden, der eine sehr gute Analyse unseres öffentlichen Klimas gibt: "Der Preis der Enge", Seite 8. Hätte gerne deine Meinung dazu. Ist eigentlich immer nur ein Gastbeitrag, der in der FAZ Analytisches bietet, und die Autoren sind Professor Doktor ... Die Redaktion versteckt sich dahinter, sie hetzt und hasst und polemisiert ansonsten wie gewöhnlich. Interessant ist, was Schlink nicht erwähnt: dass das Übel in USA seinen Ursprung hat, ausgerechnet in Berkeley, dem einstigen Hort freier Rede.

Antwort: Habe nur eine Kürzest-Zusammenfassung des Essays gefunden.

Ich wieder: Hi, also meine Zusammenfassung von Schlink ist etwa: Die "rechte" Angst um  Identität ("Deutschland schafft sich ab") wird auffallend gespiegelt in der Angst der Mainstreamer ("Wir sind mehr") um deren Identität ("Nie wieder"). Die Mainstreamer engen daher das besprechbare Themenspektrum dadurch ein, dass sie viele politische, wirtschaftliche usf. Themen in moralische umbiegen: "Nur Unmenschen lassen Kinder im Mittelmeer ertrinken" - was eine Abstraktion ist, aus der keine politische Antwort ablesbar ist.
Je mehr Themen zu moralischen mutieren, desto sicherer fühlen sich die Eliten ("Wir schaffen das"). Beide Seiten machen ihre Identitätsängste zum Thema, das zentral für das Gedeihen unserer Demokratie sei.
Sachliche Einwände führen zu sofortiger Ausgrenzung aus Universitäten, Verlagen, Medien, Freundschaften: "Du hast rechts angedockt, was versprichst du dir davon?"
Besonders seltsam finde ich Denunziationen, wenn eine Person als "unerträglich" für unser Zusammenleben bezeichnet wird wegen eines Arguments, das eine andere Person absolut unbestraft bzw. fast unbemerkt zuvor geäußert hatte. Beispiel: Der Theologe und Soziologe Schmieder meinte schon vor Björn Höcke in einem Vortrag, der als Beitrag in der Serie Tele Akademie lief, wir als Bürger der BRD sollten uns überlegen, ob es günstig ist, dass wir ein Denk- und Mahnmal der größten Schande unserer Geschichte ins Zentrum unserer Hauptstadt setzen. Seit Höcke das gleiche sagte, ist er eklige Unperson.
Dabei wäre ein interessanter Gesprächsstoff naheliegend, den Schmieder auch bereits angedeutet hatte. Andere Nationen gedenken in ihrer Hauptstadt ihrer stolzesten Momente: Haben wir denn gar kleine?! Und wenn es so wäre, ist das nicht eine Tiefenschürfung wert? Doch es kann kein klärendes Gespräch darüber stattfinden, es wäre "unerträglich" - das Wort taucht oft auf, es ist wohl Ausdruck einer Abwehr aus unkontrollierter (für unbeherrschbar gehaltener?) Angst. Beiderseits.

Antwort: "unerträglich"  konnte der Hohe Priester der 'geistig-moralischen Wende' am besten intonieren.  Damals war für mich die Geschichte auf der einen Seite einfach lächerlich, auf der anderen Seite sprach die politische Macht. Die heutigen Moralapostel sollten sich die Frage stellen, welche Rollenerwartungen  sie  dem 'Gegner' zuschreiben und welches Bild sie von sich selbst vermitteln. Der deutsche Historiker H.A.Winkler geht 2015 in seinem Essay "Wer hat Deutschland zum Richter der Nationen bestellt?" der Selbsterhöhung über die übrigen Staaten Europas nach. Während diese in der eigenen Nation und und im Nationalstaat ihr politisches Zuhause hatten, sahen viele deutsche Intellektuelle in Europa einen Ersatzstaat und überhöhten und überforderten damit zugleich die EU.  Die Deutschen wären glaubwürdiger gewesen, wenn sie sich in der damaligen Flüchtlingsfrage mit der EU abgestimmt hätten. Ich selbst würde sagen, dass die schweren handwerklichen Fehler das Gutgemeinte zerstörten. Genauso im jetzigen Iran-USA-Konflikt. Auch hier hätte sich die Chance der Zusammenarbeit ergeben, man hätte Bedingungen und Art des Engagements verhandeln müssen und nicht prinzipiell die Zusammensrbeit verweigern. Man scheut die argumentative Auseinandersetzung mit dem Verbündeten. Wenn Brandt, Bahr & Co. die Kommunikation mit den östliche Nachbarn gescheut hätten, wären wir immer noch in der Eiszeit des kalten Krieges. Breschnew, Honnecker & Co. waren keine christlichen Pfadfinder, aber man redete mit ihnen so lange, bis man zu Vereinbarungen und Verträgen gelangte.
Der Hallenser Politologe und Konfliktforscher Christian Hacke brachte gestern die Defizite der deutschen Außenpolitik auf den Punkt.
Ich habe von Winkler die 4-Bändige Geschichte des Westens. Ich wollte sie eigentlich gelesen haben, ehe uns die ganze Geschichte um die Ohren fliegt.

Donnerstag, 25. April 2019

Freundliche Anerkennung


Oldenburg, 19.4.19
Lieber Mike,             
wenn dieser Brief Dich erreicht, blickst Du bereits  zurück auf  ein inhaltsreiches und bewegtes Autorenleben, zu dem ich Dir von ganzem Herzen und in alter Freundschaft gratuliere. Du warst und bist seit über 50 Jahren mit Deinen Werken kritischer Begleiter und Chronist der Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland. Mit dem Tatort-Drehbuch „Tote brauchen keine Wohnung“ von 1973, das der große Regie-Handwerker Wolfgang Staudte kongenial in Szene setzte, hattest Du schon früh ein Thema (unbezahlbare Wohnungen in München) berührt, das schon damals so „sensibel“ war, dass Grund- und Hausbesitzer eine weitere Ausstrahlung dieses Tatortes jahrzehntelang verhinderten. Heute kämpft der inzwischen alt gewordene Hans-Jochen Vogel immer noch für bezahlbaren Wohnraum in München. Die Süddeutsche titelte neulich „Vater,Mutter, obdachlos“ und auf ihrer Kinderseite „17 Quadratmeter“ für die ganze Familie in einer Notunterkunft.
Im „Nachtrag“ zur Romanfassung des Tatortes schriebst Du 1980: „Andererseits ist es ebenfalls eine Tatsache, dass die in München üblichen Wohnungsmieten die Grenzen zur Unerschwinglichkeit längst überschritten haben...... Es ist klar, dass zum Beispiel ein Facharbeiter unter diesen Umständen seine Familie nicht mehr  angemessen unterbringen kann..“ Diese Sätze sind 40 Jahre später genauso gültig, und zwar für alle größeren Städte in der Republik.
Ich greife wieder ins Regal, gehe dabei nicht chronologisch, sondern exemplarisch vor und habe den Roman „Unternehmen Counter Force“ in der Hand, in dem Du die Möglichkeiten und Gefahren der PC-Technologie 1987 thematisierst. Damals hatte der gemeine Studienrat wie so viele keine Ahnung von dieser Technologie (Man hatte Joseph Weizenbaum tw. gelesen, aber viel mehr auch nicht, der eigene PC war in weiter Ferne). Aus der Rückschau war das, was Du beschriebst, der Anfang einer Entwicklung, in der wir heute gefangen sind.
Ausdrücklich bedanken möchte ich mich im Zusammenhang dieses Romans für die Rekonstruktion des tödlichen „Unfalls“ des Hans-Jürgen Krahl.
Ich habe die Ausgabe des Romans „Und dann hab ich geschossen“ von 1968 vor mir. Es ist für mich immer noch das ausführlichste und „einfühlsamste“ literarische Psychogramm eines jugendlichen Mörders, das ich je gelesen habe. Du lässt in der Ich-Perspektive des Täter/Opfers dem Leser einen Spiegel vorhalten, der ein Milieu reflektiert, das man in den damaligen vorverbotenen Zeiten getrost und treffend klerikal-faschistisch bezeichnen konnte. Wie der Berti Kuhn widerstandslos diese strukturelle Gewalt zur eigenen Lust erhebt, wie er in diesem Klima sein Ich verliert, diese Erzählung ist meisterhaft und lässt mich heute noch frösteln. Heute kann man dieses Psychogramm durchaus als Folie religiös motivierter Gewalt lesen, natürlich mit zeitgemäßer technischer Aufrüstung.
Du schriebst in Deinem Essay „Die Obszönität der Fakten“ im Kürbiskern 4/78: „Und ich habe die Krimiform gewählt, weil im Krimi besonders schonungslos nach den Ursachen der Gewalt als einer Ausdrucksform von Herrschaft gefragt wird...... Ich hatte nur eben, als ich zu schreiben anfing, den...... Eindruck, als sei Gewalt der beängstigende Normalfall unseres alltäglichen Lebens. ….. Ist es ein Wunder, dass in einer solchen, die gesamte Gesellschaft durchdringenden Atmosphäre von Gewalttätigkeit und Gewaltbereitschaft, einzelne, labile Menschen bis zur Mordtat hingetrieben werden?“ Ich selbst habe die 50er und 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts als teilweise sehr gewalttätige Jahre erlebt. Elternhaus und Schule griffen gern zum Mittel der körperlichen Züchtigung, ersteres wörtlich „aus Liebe“. Das war damals die sehr evangelische Erziehung, die sich im Freizeitverhalten unter den Jungen fortpflanzte.
Welches Gewaltpotential hatte der NS-Staat uns Kindern hinterlassen? In den Romanen „Die Schattenrose“ 1982 und „Der Castillo-Coup“ 1985 thematisierst Du Wirtschaftskriminalität: Kapitalflucht, Aktienverschiebungen, Steuerflucht lange vor Bimbes und Ankauf von Steuer-CDs durch die Innenbehörden. Eric Ambler schrieb einmal sinngemäß, dass wir von den Auswirkungen von Verbrechen auf den politischen Seiten der Tageszeitung erführen, von den Ursachen im Wirtschaftsteil der Zeitung. An diesen beiden Wirtschaftskrimis kann man ganz gut zeigen, dass es Dir bei aller Spannungsentfaltung und guten Unterhaltung immer auch um Aufklärung ging.
Auf den letzten 40 S. des „Castello-Romans“ wird beispielsweise der Leser ausführlich über Steuer-Recht, Kapitalfluchtpraktiken und die einschlägigen §§ des StGB informiert. Du gehst über Eric Ambler insofern hinaus, als Du auch über die juristische Seite der Wirtschaftsverbrechen aufklärst.
Natürlich darf der Roman „Eine kleine Kraft“ von 1980 (TB: Der schwarze Faktor) hier nicht fehlen. Hier findet die Auseinandersetzung mit dem Katholizismus ihre Fortsetzung, aber auf ganz anderer Ebene. Dieser Roman ist sehr vielschichtig: Vor dem Kriminalfall im Hintergrund entwickeln sich Emanzipationsgeschichten der Protagonisten der Haupthandlung: Hier gelingt beides. Gut dreißig Jahre später gelingt Dir eine ähnliche Konstruktion in „Dich sah ich“ 2011 meisterhaft. Eine in mancher Hinsicht autobiografische Erzählung auf der Folie einer Ermittlung.
Lieber Mike, ich war immer Fan von Dir und Deinen Werken. Ich habe letztere fast alle gelesen. Sie stehen hinter mir in meinem Bücherregal. Wenn hier manches unerwähnt bleibt, ist das kein Qualitätsurteil. Ich habe versucht beispielhaft vorzugehen. In der Filmographie „Die Manns“ von Breloer wird Thomas Mann im ersten Teil von einem Journalisten gefragt, wie er, Thomas Mann, denn zu seinen Stoffen komme. Thomas Mann antwortet: „Ich schreibe von mir.“ - Ich glaube, wenn ein Autor ein Verhältnis zu den Inhalten eingeht, aufbaut, gestaltet, sind es die seinen.
In diesem Sinne habe ich Dich immer als glaubwürdigen Zeugen und Erzähler der Zeit gelesen und erlebt. Ich wünsche Dir alles Gute!
Reinhold Zenke


Sonntag, 21. April 2019

Ostersonntag 2019


Ostersonntag 2019

Jesus von Nazareth hat unseren Kulturkreis um eine neue ethische Möglichkeit bereichert. Es ist die Möglichkeit der Vergebung. Diesen Begriff, hat Hannah Arendt betont, habe die Ethik vor Jesus nicht gekannt, auch die berühmte Ethik der Antike nicht. Aristoteles habe Vergebung nicht für eine Tugend gehalten.

Dass wir vergeben können und sollten, hat bis in unsere jüngere Geschichte Auswirkungen gehabt. Nach dem 2. Weltkrieg hat Kardinal Karol Wojtila die polnische Kirche aufgefordert, dem deutschen Volk zu vergeben. Polnische Bischöfe widersprachen. Allzu grausam hätten Deutsche gegen Polen gewütet. Der Kardinal – unterstützt von seinem Amtsbruder Wyschinsky – erklärte: Wir alle haben Vergebung nötig. Er forderte die Kirche auf, für alle Verbrechen um Verzeihung zu bitten, die Christen begangen hatten.
Mir ist die Frage in den Sinn gekommen, ob ohne diesen Schritt der polnischen Kirche Willy Brandts Kniefall am Denkmal des Warschauer Ghettos politisch möglich gewesen wäre. Und ob die berühmte Versöhnungspolitik gegenüber unseren Nachbarstaaten im Osten unterblieben wäre; damit letztlich wohl auch die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten.
Mir fällt auf, dass jetzt wieder – wie oft zu bedeutenden christlichen Festen – die Propaganda gegen das Christentum sich verschärft. Der „Spiegel“ erscheint aktuell mit dem Titel „Wer glaubt denn sowas“. Wenige Wochen zuvor hat sich der feindselige Ton gegen die katholischen Päpste zu offener Verachtung und zu höhnischem Hass gesteigert. Verschwiegen wird, was beiden noch lebenden Päpsten zu verdanken ist.
Ihr Bekenntnis zu wissenschaftlichem Denken. Niemals wieder dürfe es geschehen, dass zwischen Glauben und Wissenschaft ein unüberbrückbarer Graben geduldet werde.
Und ich selbst? Als Literat fühle ich mich gewaltig bereichert durch Joseph Ratzingers Schriften. Insgeheim nenne ich ihn zutraulich „Ratzi“ und bin geradezu befremdet, wenn Offizielle von ihm als dem Heiligen Vater sprechen. Für mich ist er ein Kollege. Von seiner Gabe, für gängige Fremdworte deutsche Bezeichnungen zu finden, war ich so beeindruckt, dass ich mir alle seine Bücher besorgt habe. Zuletzt ist es mir mit Eric Blair alias George Orwell und dann bei Hannah Arendt so ergangen, dass ich kein gedrucktes Wort von ihnen auslassen mochte.
Das geht bei mir weit. Ich habe mir die nun wirklich nicht leicht lesbaren Dissertationen sowohl von „Ratzi“ wie von „Hannah“ besorgt. Die sind derart firm in alten Sprachen, dass da ständig in Griechisch und Latein zitiert wird – was mich zwingt, die von gnädigen Herausgebern beigefügten Übersetzungen aufzusuchen. Aber was tut man nicht alles für Autoren, die man liebt.
Arno Schmidt, nebenbei bemerkt, ist auch nicht immer einfach zu lesen.
Noch einmal zu Hannah und der neuen Ethik der Vergebung, die wir Jesus verdanken – was für Arendt kein Problem des Glaubens ist, sondern Teil der Philosophiegeschichte.  Ihre Dissertation gilt denn auch einer philosophischen Untersuchung des Liebesbegriffs bei Augustinus – und ihr Doktorvater Karl Jaspers bemäkelte, von Religion sei kaum die Rede.
Jesus sowohl wie Augustinus zitiert Arendt als wichtige Quellen in ihren berühmten Schriften. Man weiß heute, dass Liebe für Hannah eine große Rolle gespielt hat. Als sie ihre Jugend- und Studentenliebe Heidegger nach dem Krieg nicht wiedersehen wollte und es dann doch tat, schreibt sie:  
„Dieser Abend und dieser Morgen sind die Bestätigung eines ganzen Lebens. Eine im Grunde nie erwartete Bestätigung. Als der Kellner Deinen Namen sagte ... war es als stünde plötzlich die Zeit stille. Da kam mir blitzartig zu Bewußtsein ... daß mich der Zwang des Impulses [trotz aller Vorbehalte hierherzukommen], nachdem [Hugo] Friedrich mir die Adresse [dieses Hotels] gegeben hatte, gnädig bewahrt hat, die einzig wirklich unverzeihliche Untreue zu begehen und mein Leben zu verwirken.“
Ihr Leben zu verwirken?! Das schreibt die vierundvierzigjährige Hannah Arendt im Februar 1950 an den einundsechzigjährigen Martin Heidegger. Sie hatte lange mit sich gerungen, ob sie ihren einstigen Geliebten und Lehrer aufsuchen solle.
Im Herbst 1924 war die junge Königsbergerin Hannah Arendt nach Marburg an der Lahn gekommen. Sie war dem Gerücht gefolgt, dass man an der dortigen Universität bei einem jungen Philosophen das Denken lernen könne. Der Hochschullehrer verliebte sich in die bezaubernde Studentin. Sie aber war ihm derart verfallen, dass ihre Liebesgeschichte mit allen ihren (auch sprachlichen!) Höhen und Tiefen zum Anrührendsten gehört, was ich an love stories kenne.
Als er ihr zu ihrem 60. Geburtstag ein Herbstgedicht von Hölderlin schickte, schrieb sie. „Denen der Mai das Herz bracht und brach, denen heilt es der Herbst.“
Kann es sein, dass Liebe möglich bleibt, wo Vergebung gewährt wird?  

  



Freitag, 29. März 2019

The Company he keeps

Irgendwo in den Tiefen meines Archivs muss sich ein Beleg dafür finden, dass eine US-Zeitung Ende der 40er Jahre meldete, Thomas Mann sei in Gesellschaft des Sängers und Bürgerrechtlers Paul Robeson ertappt worden und damit überführt, fellow traveller der Kommunisten zu sein.
Thomas Mann war in den Fokus des Kommunistenjägers McCarthy geraten und musste befürchten, vor dessen inquisitorisches Subcommittee geladen zu werden. Unter dem zunehmenden Druck leidend, hat er schließlich die USA verlassen.
Dass der Schriftsteller reizbar reagierte, besagt freilich nur, dass er überreagiert haben könnte. Überzeugender ist, was Dwight D. Eisenhower in seinem Buch The White House Years, Mandate for Change über die McCarthy-Jahre berichtet. Nachzulesen in Kapitel 13, in meiner Ausgabe (Heinemann 1963) sind es die Seiten 316-331.
Das Problem der Inneren Sicherheit sei übertrieben worden durch "often baseless charges against many idividuals and groups by Senator McCarthy...McCarthyism took its toll on many idividuals and on the nation. No one was safe from charges recklessly made from inside the walls of congressional immunity. Teachers, government employees, and even ministers became vulnerable. Innocent people accused of Communist associations or party membership have not to this day been able to clear theitr names fully." Sehr prominente und respektierte Persönlichkeiten  hätten darüber lachen können. "But where, without proof of guilt, or because of some accidental or early-in-life associations, a man or woman had lost a job or the confidence and trust of superiors and associates, the cost was often tragic."
Bleibt dann immer noch (SPIEGEL-ZITAT), schreibt mir ein geschätzter Kollege:
„34 Klagen und Geständnisse, die Mueller in den vergangenen Monaten erreicht hat: So wurden 25 Russen wegen Wahlmanipulation angeklagt, darüber hinaus etliche Trump-Berater wegen anderer Delikte (Betrug, Steuerhinterziehung, Geldwäsche, Meineid). Darunter sind Ex-Sicherheitsberater Michael Flynn, Ex-Wahlkampfchef Paul Manafort sowie Ex-Anwalt Michael Cohen. Allein das zeigt zumindest, dass Trump sich lange mit Kriminellen umgab."

Die Stoßrichtung ändert sich. No collusion? Anklagen womöglich grundlos? 
Es ist der Versuch, einen demokratisch gewählten Präsidenten aus dem Amt zu jagen.
Ein Putschversuch also. Und das Unternehmen insgesamt Fake News. Schwindel.
Thomas Mann hat es überlebt. Aber wie stehen die Chancen für die Demokratie, 
wenn aus dem Innern des Kongresses und geschützt durch Immunität Putschisten
aktiv werden?
Wie stehen unsere Chancen, die Demokratie zu bewahren, wenn Gutgläubige
"The Company he keeps" für die Legitimation eines Impeachment halten?
Unsere Mainstream_Medien sind in einem erbärmlichen Zustand. Und wir?