Donnerstag, 25. April 2019

Freundliche Anerkennung


Oldenburg, 19.4.19
Lieber Mike,             
wenn dieser Brief Dich erreicht, blickst Du bereits  zurück auf  ein inhaltsreiches und bewegtes Autorenleben, zu dem ich Dir von ganzem Herzen und in alter Freundschaft gratuliere. Du warst und bist seit über 50 Jahren mit Deinen Werken kritischer Begleiter und Chronist der Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland. Mit dem Tatort-Drehbuch „Tote brauchen keine Wohnung“ von 1973, das der große Regie-Handwerker Wolfgang Staudte kongenial in Szene setzte, hattest Du schon früh ein Thema (unbezahlbare Wohnungen in München) berührt, das schon damals so „sensibel“ war, dass Grund- und Hausbesitzer eine weitere Ausstrahlung dieses Tatortes jahrzehntelang verhinderten. Heute kämpft der inzwischen alt gewordene Hans-Jochen Vogel immer noch für bezahlbaren Wohnraum in München. Die Süddeutsche titelte neulich „Vater,Mutter, obdachlos“ und auf ihrer Kinderseite „17 Quadratmeter“ für die ganze Familie in einer Notunterkunft.
Im „Nachtrag“ zur Romanfassung des Tatortes schriebst Du 1980: „Andererseits ist es ebenfalls eine Tatsache, dass die in München üblichen Wohnungsmieten die Grenzen zur Unerschwinglichkeit längst überschritten haben...... Es ist klar, dass zum Beispiel ein Facharbeiter unter diesen Umständen seine Familie nicht mehr  angemessen unterbringen kann..“ Diese Sätze sind 40 Jahre später genauso gültig, und zwar für alle größeren Städte in der Republik.
Ich greife wieder ins Regal, gehe dabei nicht chronologisch, sondern exemplarisch vor und habe den Roman „Unternehmen Counter Force“ in der Hand, in dem Du die Möglichkeiten und Gefahren der PC-Technologie 1987 thematisierst. Damals hatte der gemeine Studienrat wie so viele keine Ahnung von dieser Technologie (Man hatte Joseph Weizenbaum tw. gelesen, aber viel mehr auch nicht, der eigene PC war in weiter Ferne). Aus der Rückschau war das, was Du beschriebst, der Anfang einer Entwicklung, in der wir heute gefangen sind.
Ausdrücklich bedanken möchte ich mich im Zusammenhang dieses Romans für die Rekonstruktion des tödlichen „Unfalls“ des Hans-Jürgen Krahl.
Ich habe die Ausgabe des Romans „Und dann hab ich geschossen“ von 1968 vor mir. Es ist für mich immer noch das ausführlichste und „einfühlsamste“ literarische Psychogramm eines jugendlichen Mörders, das ich je gelesen habe. Du lässt in der Ich-Perspektive des Täter/Opfers dem Leser einen Spiegel vorhalten, der ein Milieu reflektiert, das man in den damaligen vorverbotenen Zeiten getrost und treffend klerikal-faschistisch bezeichnen konnte. Wie der Berti Kuhn widerstandslos diese strukturelle Gewalt zur eigenen Lust erhebt, wie er in diesem Klima sein Ich verliert, diese Erzählung ist meisterhaft und lässt mich heute noch frösteln. Heute kann man dieses Psychogramm durchaus als Folie religiös motivierter Gewalt lesen, natürlich mit zeitgemäßer technischer Aufrüstung.
Du schriebst in Deinem Essay „Die Obszönität der Fakten“ im Kürbiskern 4/78: „Und ich habe die Krimiform gewählt, weil im Krimi besonders schonungslos nach den Ursachen der Gewalt als einer Ausdrucksform von Herrschaft gefragt wird...... Ich hatte nur eben, als ich zu schreiben anfing, den...... Eindruck, als sei Gewalt der beängstigende Normalfall unseres alltäglichen Lebens. ….. Ist es ein Wunder, dass in einer solchen, die gesamte Gesellschaft durchdringenden Atmosphäre von Gewalttätigkeit und Gewaltbereitschaft, einzelne, labile Menschen bis zur Mordtat hingetrieben werden?“ Ich selbst habe die 50er und 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts als teilweise sehr gewalttätige Jahre erlebt. Elternhaus und Schule griffen gern zum Mittel der körperlichen Züchtigung, ersteres wörtlich „aus Liebe“. Das war damals die sehr evangelische Erziehung, die sich im Freizeitverhalten unter den Jungen fortpflanzte.
Welches Gewaltpotential hatte der NS-Staat uns Kindern hinterlassen? In den Romanen „Die Schattenrose“ 1982 und „Der Castillo-Coup“ 1985 thematisierst Du Wirtschaftskriminalität: Kapitalflucht, Aktienverschiebungen, Steuerflucht lange vor Bimbes und Ankauf von Steuer-CDs durch die Innenbehörden. Eric Ambler schrieb einmal sinngemäß, dass wir von den Auswirkungen von Verbrechen auf den politischen Seiten der Tageszeitung erführen, von den Ursachen im Wirtschaftsteil der Zeitung. An diesen beiden Wirtschaftskrimis kann man ganz gut zeigen, dass es Dir bei aller Spannungsentfaltung und guten Unterhaltung immer auch um Aufklärung ging.
Auf den letzten 40 S. des „Castello-Romans“ wird beispielsweise der Leser ausführlich über Steuer-Recht, Kapitalfluchtpraktiken und die einschlägigen §§ des StGB informiert. Du gehst über Eric Ambler insofern hinaus, als Du auch über die juristische Seite der Wirtschaftsverbrechen aufklärst.
Natürlich darf der Roman „Eine kleine Kraft“ von 1980 (TB: Der schwarze Faktor) hier nicht fehlen. Hier findet die Auseinandersetzung mit dem Katholizismus ihre Fortsetzung, aber auf ganz anderer Ebene. Dieser Roman ist sehr vielschichtig: Vor dem Kriminalfall im Hintergrund entwickeln sich Emanzipationsgeschichten der Protagonisten der Haupthandlung: Hier gelingt beides. Gut dreißig Jahre später gelingt Dir eine ähnliche Konstruktion in „Dich sah ich“ 2011 meisterhaft. Eine in mancher Hinsicht autobiografische Erzählung auf der Folie einer Ermittlung.
Lieber Mike, ich war immer Fan von Dir und Deinen Werken. Ich habe letztere fast alle gelesen. Sie stehen hinter mir in meinem Bücherregal. Wenn hier manches unerwähnt bleibt, ist das kein Qualitätsurteil. Ich habe versucht beispielhaft vorzugehen. In der Filmographie „Die Manns“ von Breloer wird Thomas Mann im ersten Teil von einem Journalisten gefragt, wie er, Thomas Mann, denn zu seinen Stoffen komme. Thomas Mann antwortet: „Ich schreibe von mir.“ - Ich glaube, wenn ein Autor ein Verhältnis zu den Inhalten eingeht, aufbaut, gestaltet, sind es die seinen.
In diesem Sinne habe ich Dich immer als glaubwürdigen Zeugen und Erzähler der Zeit gelesen und erlebt. Ich wünsche Dir alles Gute!
Reinhold Zenke


Sonntag, 21. April 2019

Ostersonntag 2019


Ostersonntag 2019

Jesus von Nazareth hat unseren Kulturkreis um eine neue ethische Möglichkeit bereichert. Es ist die Möglichkeit der Vergebung. Diesen Begriff, hat Hannah Arendt betont, habe die Ethik vor Jesus nicht gekannt, auch die berühmte Ethik der Antike nicht. Aristoteles habe Vergebung nicht für eine Tugend gehalten.

Dass wir vergeben können und sollten, hat bis in unsere jüngere Geschichte Auswirkungen gehabt. Nach dem 2. Weltkrieg hat Kardinal Karol Wojtila die polnische Kirche aufgefordert, dem deutschen Volk zu vergeben. Polnische Bischöfe widersprachen. Allzu grausam hätten Deutsche gegen Polen gewütet. Der Kardinal – unterstützt von seinem Amtsbruder Wyschinsky – erklärte: Wir alle haben Vergebung nötig. Er forderte die Kirche auf, für alle Verbrechen um Verzeihung zu bitten, die Christen begangen hatten.
Mir ist die Frage in den Sinn gekommen, ob ohne diesen Schritt der polnischen Kirche Willy Brandts Kniefall am Denkmal des Warschauer Ghettos politisch möglich gewesen wäre. Und ob die berühmte Versöhnungspolitik gegenüber unseren Nachbarstaaten im Osten unterblieben wäre; damit letztlich wohl auch die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten.
Mir fällt auf, dass jetzt wieder – wie oft zu bedeutenden christlichen Festen – die Propaganda gegen das Christentum sich verschärft. Der „Spiegel“ erscheint aktuell mit dem Titel „Wer glaubt denn sowas“. Wenige Wochen zuvor hat sich der feindselige Ton gegen die katholischen Päpste zu offener Verachtung und zu höhnischem Hass gesteigert. Verschwiegen wird, was beiden noch lebenden Päpsten zu verdanken ist.
Ihr Bekenntnis zu wissenschaftlichem Denken. Niemals wieder dürfe es geschehen, dass zwischen Glauben und Wissenschaft ein unüberbrückbarer Graben geduldet werde.
Und ich selbst? Als Literat fühle ich mich gewaltig bereichert durch Joseph Ratzingers Schriften. Insgeheim nenne ich ihn zutraulich „Ratzi“ und bin geradezu befremdet, wenn Offizielle von ihm als dem Heiligen Vater sprechen. Für mich ist er ein Kollege. Von seiner Gabe, für gängige Fremdworte deutsche Bezeichnungen zu finden, war ich so beeindruckt, dass ich mir alle seine Bücher besorgt habe. Zuletzt ist es mir mit Eric Blair alias George Orwell und dann bei Hannah Arendt so ergangen, dass ich kein gedrucktes Wort von ihnen auslassen mochte.
Das geht bei mir weit. Ich habe mir die nun wirklich nicht leicht lesbaren Dissertationen sowohl von „Ratzi“ wie von „Hannah“ besorgt. Die sind derart firm in alten Sprachen, dass da ständig in Griechisch und Latein zitiert wird – was mich zwingt, die von gnädigen Herausgebern beigefügten Übersetzungen aufzusuchen. Aber was tut man nicht alles für Autoren, die man liebt.
Arno Schmidt, nebenbei bemerkt, ist auch nicht immer einfach zu lesen.
Noch einmal zu Hannah und der neuen Ethik der Vergebung, die wir Jesus verdanken – was für Arendt kein Problem des Glaubens ist, sondern Teil der Philosophiegeschichte.  Ihre Dissertation gilt denn auch einer philosophischen Untersuchung des Liebesbegriffs bei Augustinus – und ihr Doktorvater Karl Jaspers bemäkelte, von Religion sei kaum die Rede.
Jesus sowohl wie Augustinus zitiert Arendt als wichtige Quellen in ihren berühmten Schriften. Man weiß heute, dass Liebe für Hannah eine große Rolle gespielt hat. Als sie ihre Jugend- und Studentenliebe Heidegger nach dem Krieg nicht wiedersehen wollte und es dann doch tat, schreibt sie:  
„Dieser Abend und dieser Morgen sind die Bestätigung eines ganzen Lebens. Eine im Grunde nie erwartete Bestätigung. Als der Kellner Deinen Namen sagte ... war es als stünde plötzlich die Zeit stille. Da kam mir blitzartig zu Bewußtsein ... daß mich der Zwang des Impulses [trotz aller Vorbehalte hierherzukommen], nachdem [Hugo] Friedrich mir die Adresse [dieses Hotels] gegeben hatte, gnädig bewahrt hat, die einzig wirklich unverzeihliche Untreue zu begehen und mein Leben zu verwirken.“
Ihr Leben zu verwirken?! Das schreibt die vierundvierzigjährige Hannah Arendt im Februar 1950 an den einundsechzigjährigen Martin Heidegger. Sie hatte lange mit sich gerungen, ob sie ihren einstigen Geliebten und Lehrer aufsuchen solle.
Im Herbst 1924 war die junge Königsbergerin Hannah Arendt nach Marburg an der Lahn gekommen. Sie war dem Gerücht gefolgt, dass man an der dortigen Universität bei einem jungen Philosophen das Denken lernen könne. Der Hochschullehrer verliebte sich in die bezaubernde Studentin. Sie aber war ihm derart verfallen, dass ihre Liebesgeschichte mit allen ihren (auch sprachlichen!) Höhen und Tiefen zum Anrührendsten gehört, was ich an love stories kenne.
Als er ihr zu ihrem 60. Geburtstag ein Herbstgedicht von Hölderlin schickte, schrieb sie. „Denen der Mai das Herz bracht und brach, denen heilt es der Herbst.“
Kann es sein, dass Liebe möglich bleibt, wo Vergebung gewährt wird?