Dienstag, 27. August 2019

Aus meinem Briefwechsel mit Eckart Spoo


Eckart Spoo Wie weiter?
Verlag am Galgenberg      

Welche Möglichkeiten und Perspektiven gibt es für Sozialisten hierzulande?
Diese Frage hat der Journalist und Gewerkschafter Eckart Spoo 1988 einigen
Kollegen gestellt, die er als „links“ einschätzte.
In dem Buch sind zahlreiche Antworten verzeichnet, auch meine.
Eckart bezeichnet sie als überraschend, weil ich auf jede Utopie verzichte,
aber nicht auf den sozialistischen Anspruch.
Marx und Engels haben sich und ihren Lesern nie ausgemalt,

wie einst der Sozialismus aussehen könnte. Über die langen Zeit-
räume hinweg, mit denen sie rechnen mußten, wäre das verwegen
gewesen.
Nach dem Scheitern des „real existierenden Sozialismus“ erhob sich die Frage:
lst auch uns der Sozialismus zu fern, als daß wir irgend-
welche Konturen erkennen könnten? Sind wir so fest und dauerhaft
im Kapitalismus eingerichtet? lst dessen Ende auf absehbare Zeit
so unwahrscheinlich, daß wir uns gar nicht dafür interessieren,
was nachher kommen sollte oder könnte?


Ich lebte damals fast zwanzig Jahre lang als freier Schriftsteller und Journalist
in Langenwang bei Fischen im Allgäu.
Unser Berghaus mit Hund und Katzen habe ich als meinen Glücksort
beschrieben.  

MICHAEL MOLSNER:

Das, was ich alltäglich tue


Lieber Eckart,
Sozialismus ist für mich kein Zustand, in den ich irgendwann eintre-
ten könnte wie in ein Zimmer, sondern eine Tätigkeit, die ich alltäg-
lich betreibe . In der kleinen bayerischen Fremdenverkehrsgemeinde,
wo wir seit sechs Jahren wohnen, bin sozusagen ich der Sozialismus.
Ich bitte, das ,,sozusagen" ernst zu nehmen. Die Formulierung ist als
Metapher gemeint: Nicht ich allein, sondern unser SPD-Ortsverein
mit seinen jetzt gerade 18 Mitgliedern verkörpert in meinem Heimat-
dorf, so gut oder schlecht es eben gehen mag, den Sozialismus. Ich bin
der Vorsitzende.
Was wir tun (oder nicht tun, weil wir nicht wollen oder nicht kön-
nen), ist das, was die 3.000 Seelen vom Sozialismus erfahren. Andere
politische Gruppierungen, die sich als ,,links" verstehen könnten (wie
Grüne oder DKP), spielen hier auf kommunaler Ebene keine Rolle.
Was tun wir nun also, und was tun wir nicht?
Die B 19 von Sonthofen nach Oberstdorf führt durch den Ort mit-
ten durch. Wir haben uns stark gemacht für eine Begrenzung der Ge-
schwindigkeit auf 80, fanden die Unterstützung des Bürgermeisters
und des ganzen Gemeinderats und konnten doch nicht mehr errei-
chen als ein Probejahr mit den 80-Schildern, das nun beendet werden
sollte. Neuerliches Hin und,Her, Schreiben an die Abgeordneten im
Landtag, an die Presse - jetzt ist es soweit, 80 gilt ohne zeitliche Be-
Begrenzung.
Seite an Seite mit der CSU, in diesem Fall - eine solche Außerung
wird nach meiner Erfahrung außerhalb Bayerns immer mißverstan-
den , auch von denen, die sich als gewitzt verstehen. Die meisten Intel-
lektuellen und Linken, die ich treffe, glauben ganz genau zu wissen,
wie es in Bayern zugeht. Sie erzählen es mir, meist lachend. Auf die
ldee , mich zu fragen, welche Erfahrung ich hier mit der CSU mache,
ist noch niemand gekommen. Alle wissen es schon - sie glauben es zu
wissen. Die Wirklichkeit, wie ich sie erlebe, ist anders.
Das liegt daran, daß in einem so kleinen Dorf vom großen Kapital
nicht viel zu spüren ist. Es gibt bei uns einen Namen, der im Zusam-
menhang mit Grundstücksspekulationen schon mal im ,,Spiegel" ge-
nannt wurde ; aber während der letzten Jahre hatte ich keine Berüh-
rung mit dem Mann.
Der Mittelstand ist es, der hier regiert ; das ist wörtlich zu verstehen .
Im Gemeinderat sitzen ein Hotelier, ein Drogist, ein Arzt, ein Möbel-
tischlereibesitzer usw. Sie alle sind hier geboren, hineingeboren in be-
stehende Gewerbebetriebe, in die CSU, in die katholische Kirche. Wer
alteingesessener Gewerbetreibender ist, der ist katholisch und CSUler
und in etlichen Vereinen aktiv. Die besten Leute aus dieser Schicht sit-
tzen zu zwölft im Gemeinderat und bilden die CSU-Fraktion, die vom
Bürgermeister, der zugleich CSU-Vorsitzender ist, geleitet wird.
Ihnen gegenüber sitzen wir zwei SPD-Mitglieder, der andere ist
Hauptschullehrer und auch, wie ich, zugezogen. Wer nicht alteinge-
sessen ist und keinen Betrieb geerbt hat, wer also zugezogener Arbeit-
nehmer, Selbständiger oder kleiner Beamter ist, der organisiert sich in
der Regel als Sozi, ist evangelisch oder denkt ,,liberal" im fortschrittli-
chen Sinne.
Wir zwei werden nun von der übermächtigen CSU-Fraktion (nach
anfänglichen Scharmützeln mit schwerem Säbel) gut behandelt. In allen
Ausschüssen sind wir vertreten. Anträge, die uns wichtig waren, fan-
den die nötige Unterstützung; allein könnten wir nichts ausrichten.
Am wichtigsten war mir persönlich das Grabdenkmal für drei 1944
an Lungenentzündung verstorbene Fremdarbeiter. Wir hatten hier
ein Außenlager des KZ Dachau, es war klein. Niemand wurde so bru-
tal gequält wie in Dachau, es gab keine Hinrichrungen, sondern allen-
falls Rückführungen nach Dachau, wo exekutiert wurde; außerdem
wurden, neben,,verschleppten " auch,,freie" Fremdarbeiter beschäf-
tigt. Drei, ein Belgier, ein Pole, ein Ukrainer, lagen unter vernachläs-
sigten Holzkreuzen auf dem ansonsten durchaus wohlhäbig gestalte-
ten Friedhof.
Wir setzten durch, daß ihnen ein Grabmal aus drei schö-
nen, auffälligen Granitkreuzen gesetzr wurde, darauf eingemeißelt:
Namen, Geburtsdaten, Sterbedaten aus dem Pfarrbuch. Unser Orts-
chronist konnte bisher nicht in Erfahrung bringen, wo die Leute genau
wohnten und wieso sie an Lungenentzündung sterben mußten. Das
Grabmal steht. Das Archiv bleibt zu ergänzen.
Ein besonders klotziges Kriegerdenkmal mit Eisernem Kreuz kam
mir immer häßlich, ja abstoßend vor. Ich fragte nach und erfuhr: Es war
bereits in den zwanziger Jahren geplant worden, also keine Errungen-
schaft der Zeitgenossen. Damit die Touristen nicht meinen, wir Heu-
tigen hätten es so gewollt, schlug ich vor, die Daten der Entstehung
anzubringen und zu erläutern. Das wurde gemacht.
Immer wieder kommen hier Katzen auf scheußliche \Weise zu Tode.
Ich denke mir, auch im Umgang mit Tieren zeigt sich das Niveau un-
serer Alltagskultur, bin also bestrebt, für Tiere und ihren Schutz ein-
zutreten, und habe die Gründung eines Tierschutzvereins aufs Pro-
gramm des Gemeinderats gesetzt.
Das sind einige wichtige Initiativen - mir wichtig. Die anderen
kann ich hier nicht ausbreiten. Das Verhältnis zu den Gemeinderatskol-
legen ist gut. Neulich waren wir mal auf Besichtigungsfahrt in Mün,
chen und wurden von der Zentrale einer riesigen Bank bewirtet. Der
Gastgeber flocht in eine Laudatio auf uns Ehrenamtliche ganz bei-
läufig ein, wie sehr doch die politische Bewegung von 1968 gescheitert
sei. Nichts sei davon geblieben. Da meldete ich mich und sagte: Doch,
ich sei übriggeblieben und auf meinem Weg durch die Institutionen
jetzt hier angekommen, in dieser Bank, um Ihnen zu widersprechen. Es
war eine Fahrt mit Damen, meine Frau war also dabei und bekannte
sich auch gleich als eine von diesen Gescheiterten, von denen nichts
geblieben sei.
Es hätte peinlich sein können, war's aber nicht, denn unser Bürger-
meister sagte in freundlich-kommunikativem Ton zu dem Mann: Ja-
wohl, die Molsners seien in der Tat so Altachtundsechziger, doch
doch, solche gebe es schon noch.
Zu einem großen lärmenden Zusammenstoß zwischen den Fraktio-
nen ist es bisher nicht gekommen. Sollte ein Anlaß solchen Zusam-
menstoß fordern, werde ich ihm nicht ausweichen. Vor allem will ich
aber zeigen und sozusagen vor-leben (ich weiß, das klingt vielleicht be-
laden von Schulmeisterlichkeit, sorry), daß man nicht hassen und große
Anlässe suchen muß, um Interessen zu vertreten und auch zu realisie-
ren.
,,Ich hasse Euch, ich hasse Euch alle, Ihr wißt gar nicht, wie ich
euch hasse!", soll neulich eine Grüne einer konservativen Honoratio-
renversammlung zugerufen haben und aus dem Saal gelaufen sein.
Ich laufe nicht hinaus, sondern bleibe sitzen an dem Tisch, wo der All-
tag verhandelt wird.

Mir herzlichem Gruß
Mike


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