Donnerstag, 16. August 2018

Sonderwege



Die Ukraine unter deutsche Kontrolle zu bringen, hat Tradition. In nur hundert Jahren versuchen wir es zum dritten Mal. Die Gründe sind von unserer Propaganda jeweils unterschiedlich begleitet worden.
Im Kaiserreich war schon allein die Sicherung der deutschen Lebensmittelversorgung überzeugend, die Deutschen hungerten. Der Zugang zum irakischen Erdöl sollte unsere Flotte mit Treibstoff versorgen, auch das sah jeder ein. Außerdem war Russland so groß, wir brauchten die Ukraine, den in Westeuropa zweitgrößten Flächenstaat – nach Spanien – um
gegen das Riesenland mit seinen elf Zeitzonen unsere Truppen genügend breit auffächern zu können. Es war ein nach damaligen Maßstäben normaler Eroberungskrieg.
Im Dritten Reich wollten wir die Ukraine nicht erobern, sondern vernichten, und zwar für die nächsten tausend Jahre. Wer arbeiten konnte, wurde ins Reich verschleppt, um unsere Frontkämpfer als Arbeitskräfte zu ersetzen. Bezahlt wurde Mindestlohn, der gerade zum Überleben reichen sollte. Wer zu „unwertem Leben“ zählte, wurde umgebracht. Das war nicht „normal“. Die Propaganda berief sich auf ein behauptetes Naturgesetz vom Recht des Stärkeren.
Beim derzeit laufenden dritten deutschen Versuch wird propagandistisch damit argumentiert, dass die Ukrainer sich „dem Westen und seinen Werten“ zugehörig fühlen. Man weiß, das gilt oder hat gegolten allenfalls für die Städte im Westen, nicht für den Donbas und nicht für die Krim. Es ist eine Beschönigung, wenn nicht eine Lüge. Die Ukrainer sind gar nicht gefragt. Unsere Beteuerung, wir wollten ihren Staat diesmal nicht erobern, wie im Zweiten Deutschen Reich, und auch nicht vernichten, wie im Dritten Deutschen Reich, sondern ganz im Gegenteil nach modernsten Standards neu aufbauen, ist unglaubwürdig.
Offen eingestandenes Ziel der deutschen Regierung ist  vielmehr die Eindämmung des Einflusses Russlands auf seine Randgebiete. Sogenannte Einflussgebiete Russlands seien nicht mehr zeitgemäß und keinesfalls hinzunehmen. So ist es nachzulesen in einer Ausgabe der Zeitschrift „Das Parlament“, die vom Außenministerium verantwortet wird.
Wer überzeugt ist, dass der Aufmarsch an Russlands Grenzen der Friedenssicherung dient, ignoriert die Interessen sowohl der westlichen wie der russischen Generalstäbe. Insbesondere die russischen Generale hätten ihren Beruf verfehlt, würden sie die militärische und wirtschaftliche Einkreisung ihres Landes nicht für kriegsvorbereitend halten; sie müssen das tun und entsprechend reagieren.
Wer für Frieden wirbt und für Russlands Interessen Verständnis äußert, wie etwa Peter Scholl-Latour es getan hat, mutiert in unseren Medien zum Putin-Versteher, wenn nicht gar zum russischen Troll.  
In diesem Zusammenhang ist interessant, dass wir Deutschen unsererseits alle Staaten der Erde als von Rechts wegen „dem Westen“ zustehendes Einflussgebiet betrachten. Die Ukraine ist daher nur als Spezialfall eines globalen westlichen Anspruches zu betrachten.
Er wird propagandistisch unterfüttert mit der Aussage, das westliche Vorbild habe genügend Anhänger in aller Welt, um überall heißbegehrt zu sein. Alle Völker der Erde würden nach unserem Vorbild leben wollen, wird uns suggeriert, wenn sie das nur dürften und nicht durch autokratische Machthaber daran gehindert würden, wie durch die „Bestie Assad“ (BILD auf einer Titelseite).
Unsere Medien – ob staatliche oder private – sind daher einig in der Forderung und publizistischen Förderung von Regimechanges. Sogar bei EU-Nachbarn wie Österreich, Polen und Ungarn, auch Italien neuerdings, üben wir Druck aus, um die Wähler dort zum Regierungswechsel zu ermutigen. In den Staaten des Kaukasus tun wir es längst.
Auch gewaltsame Umstürze haben wir entweder mitgetragen oder nur knapp vermieden in Libyen, Syrien, Afghanistan, in vielen arabischen Ländern, in Ägypten. Nicht einmal eng befreundete Länder wie das Vereinigte Königreich sind sicher vor unserer Einmischung. Wir ermahnen London, über den Brexit noch einmal abstimmen zu lassen, bis unsere Forderungen erfüllt sind.
Rund um die bewohnte Erde werden von uns sogenannte zivilgesellschaftliche Organisationen unterstützt und finanziert. Wir nennen sie prodemokratisch und verstehen darunter Stiftungen, die auf den Sturz der Regierung hinarbeiten, zum Beispiel in China, einem sehr wichtigen Handelspartner. Jeder Versuch der von uns missbilligten Regierungen, sich gegen unser „Meddling“, unsere Einmischung, zu schützen, löst in unseren Medien helle Empörung aus.         
Die Liste der Staaten, mit deren Regierungsform und Zivilgesellschaft wir einverstanden sind, ist demgegenüber erstaunlich kurz. Frankreich steht ganz oben, versteht sich; Neuseeland und Kanada kommen spontan in den Sinn. Aber sonst - ?
Unser Außenminister hat unsere Wertegemeinschaft mit Japan betont und Handelsverträge mit dieser Macht teils geschlossen, teils angekündigt. Niemandem ist aufgefallen, dass der erhoffte Erfolg ausgeblieben ist, als wir Deutschen das letzte Mal im Bündnis mit Japan zugleich die USA und Russland bekämpft haben.
Nun soll es günstiger enden. Warum nicht. Unser neuerlicher Anspruch auf die Weltherrschaft wird nicht allein von uns Deutschen vor-, er wird von den USA mitgetragen, mit denen wir formell noch verbündet sind.
Der Anspruch ist freilich schwer durchzusetzen, wie unsere eigene vaterländische Geschichte lehrt.
1804 bringt Napoleon den Code Civil, das sind verfassungsmäßig verbriefte Bürgerrechte, aus Frankreich in die von ihm besetzten Gebiete nach Deutschland. Wo der Kaiser regiert, werden die Bauern frei vom Fronzwang, die Standesgebundenheit öffentlicher Ämter ist aufgehoben, militärische Avancements erfolgen nach Tüchtigkeit und „fortune“, nicht mehr nach Adelsrang. Und Juden sind gleichberechigte Bürger. 
Bedeutende Geister wandten sich damals gegen – gegen! – die aus dem revolutionären Frankreich uns zugekommene und durch Napoleons Truppen befestigte Aufklärung. Unser Volk habe sein eigenes, gewachsenes Rechtsbewusstsein. Es wolle kein erklügeltes fremdes
Recht.
Wer sollte regieren, der Geist der Aufklärung oder der Volksgeist?
Die Historische Rechtsschule, für die Friedrich Carl von Savigny warb, stand für gewohntes Herkommen. Es sei „die Rechtfertigung der Niedertracht von heute durch die Niedertracht von gestern“, spottete Karl Marx, der Professor Savignys Berliner Vorlesungen hörte. Sein Zeitgenosse Heinrich Heine jedoch vernahm aus Deutschland außer den Salven aus den Gewehren der Gegenrevolution „Nachtigallenlaut“.
Mit Volksmärchen wurden die Brüder Grimm weltberühmt. Clemens Brentano und Achim von Arnim sammelten Lieder, die einfache Menschen einander vorsangen: „Abends, wenn ich schlafen geh“. Es ist der süße und fromme Ton der Romantik. Des Knaben Wunderhorn. Noch in der Zeit meiner Jugend hörte ich Verse aus diesem Buch. Man musste es nicht gelesen oder im Regal stehen haben. Man kannte sie, sang sie.
Im Lied vom Lindenbaum nach abermals hundert Jahren erkennt Hans Castorp, des Lebens treuherziges Sorgenkind, auf dem Zauberberg, im Roman Thomas Manns, „die Fülle des Wohllauts“. Mit diesem „Volks“-Lied auf den Lippen, das aus seinem Gemüt aufsteigt, zieht er in den Krieg, der ihn verschlingen wird.
Was unser Gemüt geprägt hat, kann zurückgewiesen werden von Forderungen unserer Vernunft. Daraus ergeben sich – ergaben sich in unserer Geschichte so oft! – schwerste  Konflikte. Es ist ein Widerspruch, der mit biederen Ermahnungen zum vorgeblich Guten, moralisch Besseren, nicht beseitigt wird, deren unsere Medien so voll, so übervoll sind.
Niemand will heute noch einen deutschen Sonderweg. Aber bedenkt denn niemand: Wir haben zwei Kriege geführt, und was für Kriege waren das, um unseren Weg zu gehen. Jetzt führen wir den dritten, um Sonderwege anderer zu verhindern.

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